THE FOG – NEBEL DES GRAUENS

The Fog – Nebel des Grauens
The Fog | USA | 1980
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die Besatzung eines Schiffs stirbt vor der Küste von Antonio Bay in Kalifornien unter mysteriösen Umständen auf ihrem Kutter. Nick Castle (Tom Atkins) und Elizabeth Solley (Jamie Lee Curtis) finden daraufhin die ertrunkenen Leichen der Seeleute – die jedoch nie im Wasser gelegen haben. Die obskure Entdeckung wird von einem unheimlichen Nebel flankiert, den die Radiomoderatorin Stevie Wayne (Adrienne Barbeau) aus ihrem Sendestudio in einem Leuchtturm beobachtet – und der sich Antonio Bay bedrohlich schnell nähert.

John Carpenters HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS (1978) zählt bis heute zu den unumwundenen Klassikern des Horror- respektive Slasher-Kinos und erzeugte als solcher seinerzeit natürlich eine riesige Erwartungshaltung. Der Film stellt sowohl künstlerisch als auch bezüglich der Rezeption Carpenters ersten Schritt raus aus dem B-Movie-Bereich dar, innerhalb dessen er mit Filmen wie DARK STAR – FINSTERER STERN (1974) oder ASSAULT – ANSCHLAG BEI NACHT (1976) bereits einiges an Erfolg eingeheimst hatte. Doch hochgesteckte Erwartungen haben es nun einmal an sich, dass die auch großes Scheitern mit sich bringen können. Diese Gefahr schwebte während der Produktion von THE FOG omnipräsent über dem Team, sodass einige konzeptionelle Wendungen im Zuge der Entstehung des Films vollzogen wurden, um den Erfolg desselben sicherzustellen.
Zu Beginn der Produktion schwebte John Carpenter und seiner langjährigen Partnerin Debra Hill nämlich ein sehr viel ruhigerer und klassischerer Gruselfilm vor. Bei einem Besuch in England trieben sich die beiden natürlich auch am Touristenmagneten Stonehenge herum, wo sie eine dichte Nebelbank beobachten konnten. Carpenter erinnerte sich sogleich an Quentin Lawrence‘ DIE TEUFELSWOLKE VON MONTEVILLE (1958) und erkor eine Wolke mitsamt einiger Geister zu seiner neuen Antagonistin. Entsprechend Lawrence‘ Werk sollte Carpenters neuer Film ein klassischer Gruselfilm mit wohlgesetzten Schockmomenten werden. Erst am Ende der Dreharbeiten stellte der Regista mehr oder minder entsetzt fest, dass dieses Konzept überholt war und kaum große Zuschauerresonanz würde generieren können.

Pater Malone: Auf Antonio Bay liegt ein Fluch.

Denn im Gefolge von HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS hatte sich in der USA eine Welle von immer brutaleren Slasherfilmen erhoben, die das Publikum mittlerweile mit diversen Brutalitäten vertraut gemacht hatte. Dieser Anforderung gewahr, setzte Carpenter nach den ersten Testscreenings umfangreiche Dreharbeiten an, im Zuge derer neben einigen größeren Szenen (die Rahmenhandlung am Lagerfeuer, der Angriff der ertrunkenen Leiche auf Elizabeth und einige weitere Einstellungen) vor allem zahlreiche Effekteinstellungen entstanden. So hob Carpenter den Brutalitätsgrad seines Film deutlich an, was allerdings stellenweise auf Kosten der Immersion ging, sind die nachträglich eingefügten Stellen doch sowohl aufgrund des anderen Looks als auch aufgrund der inhaltlich bestenfalls lockeren Bezüge deutlich zu erkennen. Trotzdem ist diese Entscheidung durchweg zu begrüßen, passen diese brutalen und pointierten Sequenzen doch ganz vortrefflich zur großen Stärke des Films: seiner Inszenierung.

Zusammen mit seinem alteingesessenen Kameramann Dean Cundey ließ Carpenter nämlich unglaublich stimmige und atmosphärische Einstellungen entstehen. Cundey hatte nach einigen Arbeiten im Exploitation-Bereich, darunter ILSA – HARMENSWÄCHTERIN DES SCHEICHS (1976) oder BLACK SHAMPOO (1976), bereits an Carpenters Klassiker von 1978 mitgearbeitet und sollte auch in den folgenden Jahren eng mit diesem zusammenarbeiten, bevor er ab 1984 mit der ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT-Trilogie vollends in die A-Riege aufsteigen sollte. Carpenter und Cundey fangen die kalifornische Küste dann wunderbar düster und bedrohlich ein und verbinden diese Szenen mit gelungenen Innenaufnahmen (die samt und sämtlich im Studio entstanden, weshalb der Leuchtturm innen auch deutlich größer ausfällt als es seine Außenansicht eigentlich zuließe). In Verbindung mit den wie erwähnt recht brutalen Angriffen der Geister entsteht so Horrorstimmung par Excellence, die die Funktion des Horrorkinos als kathartisches Erlebnis in Reinkultur wiedergibt.

Vor hundert Jahren, zwischen Mitternacht und ein Uhr, tauchte etwas Böses aus dem Nebel auf – jetzt ist es zurückgekehrt! (Deutscher Kinotrailer)

Dagegen fällt das Narrativ des Films leider deutlich ab, stellt sich die Geschichte um die rachlüsternen Geister doch schnell als recht spröde heraus. Die Fronten sind allzu schnell geklärt, die Protagonisten sind gänzlich austauschbar und die Auflösung reißt ebenfalls keine Bäume aus. Inwiefern das Drehbuch als der Feder von Carpenter und Hill (und unter Berufung auf den guten alten Edgar Allan Poe) nun dazu angetan ist, das Filmerlebnis zu schmälern, liegt sicherlich im Blick jedes einzelnen Zuschauers. Wen die Atmosphäre allerdings erst einmal gepackt hat, dem kann der äußerst simple Handlungsverlauf auch nichts mehr anhaben.

Dass die einzelnen Figuren innerhalb der Geschichte kaum Verbindungen zueinander aufnehmen, kann indes eine Folge der Besetzung sein. Denn Jamie Lee Curtis, die nach ihrem Spielfilmdebut als Laurie Strode natürlich wieder gebucht war, wollte sich von ihrer Mutter Janet Leigh unbedingt künstlerisch distanzieren. Da Carpenter die berühmte PSYCHO-Darstellerin aber unbedingt engagieren wollte, treffen diese beiden Rollen erst kurz vor Ende des Films aufeinander. Daneben gibt Carpenters Ehefrau Adrienne Barbeau eine gelungene Hauptrolle als Radiomoderatorin Stevie ab. Barbeau hatte bereits 1978 in der TV-Produktion DAS UNSICHTBARE AUGE für Carpenter gespielt und diesen ein Jahr später geheiratet. Hal Holbrook als Pater Malone und Tom Atkins als Nick Castle runden einen Cast ab, der sich – abgesehen von den durchaus trefflich mimenden Damen Barbeau und Curtis – ebenfalls der grandiosen Inszenierung unterordnet.

Nick: Nicht das Wasser hat die Instrumente zerstört, es war etwas anderes.

Die Musik schrieb Carpenter natürlich wieder selbst und Unterstützung erhielt der Noten-Unkundige dabei erneut von Dan Wyman. Die Synthie-Klänge stellen beste Carpenter-Kost dar und unterstützen das Grusel-Konzept des Films durchweg gelungen. Das Publikum sah das damals ähnlich und bescherte dem mit 1,2 Millionen US-Dollar (Carpenter überzog das ursprünglich auf genau eine Millionen angesetzte Budget zum ersten Mal in seiner Karriere) budgetierten Film mit rund 22 Millionen US-Dollar an US-amerikanischem Einspielergebnis einen durchaus achtbaren Erfolg. Die Kritiker gingen (wie so häufig) deutlich härter mit dem Regisseur ins Gericht und es sollte Jahr(zehnt)e dauern, bis THE FOG – NEBEL DES GRAUENS endlich die Anerkennung erhielt, die er verdient. Denn auch wenn der Streifen sicherlich kein derart bahnbrechender Meilenstein ist wie HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS, so stellt er doch ohne Frage einen veritablen Horrorfilm dar, der vor allem dank seiner unfassbar dichten Atmosphäre zu den gelungenen seiner Art zählt.

Wenig beachtet, gar vielgescholten, nur selten als das anerkannt, was er ist: ein gelungener kleiner Horrorfilm, der sein schwaches Narrativ mit einer unglaublich dichten Atmosphäre wieder wettmacht. Der Horrorfilm als kathartisches Erlebnis wird hier in seiner Essenz dargeboten. Klasse!

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3 Antworten zu “THE FOG – NEBEL DES GRAUENS

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