BULLITT

Bullitt
Bullitt | USA | 1968
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der ausschließlich auf sein eigenes berufliches Fortkommen bedachte Staatsanwalt Walter Chalmers (Robert Vaughn) engagiert den Cop Frank Bullitt (Steve McQueen), um auf den Zeugen Pete Ross (Vic Tayback) aufzupassen, der als Kronzeugen gegen die Chicagoer Mafia aussagen soll. Doch Ross kommt bei einem Anschlag zu Tode und Chalmers augenscheinliches Desinteresse daran veranlasst Bullitt dazu, die mysteriösen Hintergründe auf eigene Faust aufzuarbeiten.

Seit Mitte der 60er Jahre war der US-amerikanische Schauspieler Steve McQueen mit seiner eigenen Produktionsgesellschaft Solar Productions bestens im hollywood’schen Filmgewerbe unterwegs. Erfolge wie CINCINNATI KID (1965), KANONENBOOT AM YANGTSE-KIANG (1966) oder THOMAS CROWN IST NICHT ZU FASSEN (1968) sorgten für volle Kassen und großes Ansehen gleichermaßen und ermöglichten es McQueen, seine folgenden Projekte nach Interesse und Gutdünken anzugehen. Als dieser dann eine beeindruckende Auto-Verfolgungsjagd in Peter Yates MILLIONEN-RAUB (1967) sah, entschloss er sich, den britischen Regisseur in die USA zu holen und das ganze Konzept noch einmal in einer größer angelegten Fassung umzusetzen. Alan Trustman, der schon am Skript zu THOMAS CROWN IST NICHT ZU FASSEN beteiligt war, und Harry Kleiner, der zwei Jahre zuvor an Richard Fleischers Klassiker DIE PHANTASTISCHE REISE (1966) mitgeschrieben hatte, wurden damit beauftragt, aus Robert L. Fishs Kriminalroman Polizeirevier 52, New York (Originaltitel: Mute Whitness) ein Drehbuch zu machen, welches den Rahmen für die wohl berühmteste Verfolgungsjagd aller Zeiten darstellen sollte.

Cathy: Du lebst in einem Sumpf, Frank, Tag für Tag.

Denn tatsächlich sind es diese gut zehn Minuten, aufgrund derer der Film auch heute noch ständig als Meilenstein rezipiert wird. Kameramann William A. Fraker, im selben Jahr auch an Roman Polanskis ROSEMARIES BABY (1968) beteiligt, und Editor Frank P. Keller, der für seine Leistung mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde, schufen unter Yates Anweisung eine in ihrer Intensität und Rasanz auch heute noch höchst gelungene Jagd. Die starken Gefälle der Straßen San Franciscos und die sich daraus ergebenden Einstellungen beflügeln diese Wirkung noch, aber auch die Shots außerhalb der Großstadt sind durchweg gelungen. Die Beteiligten legten hier den Grundstein für zahllose ähnlich gelagerte Sequenzen in einer Unmenge an Kriminal- und Actionproduktionen. Bis heute werden die eindringlichsten Einstellungen die Sequenz noch in Filmen rezitiert.

Leider gehen aufgrund dieser Leistung aber die zahlreichen anderen Qualitäten des Films in der allgemeinen Rezeption nur allzu oft unter. Denn neben diesem einen Ausbruch von Geschwindigkeit (und – wenn man die brennenden Leichen am Ende der Verfolgungsjagd betrachtet – auch der Gewalt) bietet der Streifen vor allem eine enorm ruhige, bisweilen schon stoisch-realistische Darstellung des Lebens eines Bullen. Frank Bullitt steckt in der Zwickmühle von beruflichem Erfolg und moralischer Integrität fest und muss sich obendrein auch noch mit der Beziehung zu seiner Freundin Cathy herumschlagen; die ob einer Leiche erkennen muss, dass sie von dem echten Frank eigentlich gar nichts weiß. Yates inszeniert diesen dramatischen Anteil voller Ruhe und Gelassenheit und sorgt genau so für ein Höchstmaß an Realismus und Immersion. Der Zuschauer nimmt tatsächlich Teil am Leben dieses (von seinen hohen moralischen Maßstäben einmal abgesehen) so normalen Typen.

Steve McQueen mimt den Frank Bullitt folglich gelungen stoisch und unterkühlt und sorgt so für die oben beschriebene Wirkung. Mit Robert Vaughn, der in diesen Tagen die ersten Schritte außerhalb des Fernsehens machte, steht ihm ein ebenfalls kühler und berechnender Charakter gegenüber, der jedoch keinerlei Empathie zulässt. Als Vertreter der für Erfolg über Leichen gehenden Oberschicht genießt sein Chalmers sogar noch mehr Verachtung als der von Vic Tayback gegebene eigentliche Verbrecher Pete Ross. Jacqueline Bisset ist als Bullits Freundin Cathy eminent wichtig für die charakterliche Tiefe der Hauptfigur und in einer Nebenrolle als Taxifahrer Weissberg gibt es den jungen Robert Duvall zu sehen.

Calmers: Ach, kommen Sie! Seien Sie bloß nicht so naiv, Lieutenant! Wir beide wissen doch, wie man Karriere macht. Integrität ist etwas, das man der Öffentlichkeit verkauft.

Lalo Schifrins ebenso jazziger wie reduzierter Soundtrack unterstützt die Kernkompetenz des Films, die ruhig-realistisch inszenierte und trefflich besetzte Kriminalgeschichte, dann noch einmal prächtig und sorgt dafür, dass der Streifen auch abseits der berühmten Auto-Verfolgungsjagd einen Hochgenuss darstellt. Das dachten auch die damaligen Rezipienten, denn sowohl die Kritiker als auch das Kinopublikum ließen dem Film die höchsten Weihen zuteilwerden. Bei 5,5 Millionen US-Dollar an Budget spielte er allein in den USA rund 42 Millionen US-Dollar ein und wurde so ein großer Erfolg, der bis heute ein treue Fangemeinde hinter sich weiß – und diesen Umstand einzig und allein einer zehn Minuten andauernden Sequenz zuzuschreiben, täte dem Streifen augenscheinlich großes Unrecht an.

Ja, die berühmte Verfolgungsjagd ist auch heute noch beeindruckend und war damals bahnbrechend. Aber die wahren Qualitäten, die Peter Yates US-Debut zu einem Klassiker machen, finden sich in der trefflichen Besetzung und vor allem der grandiosen, da stoisch-realistischen Inszenierung.

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Eine Antwort zu “BULLITT

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