STAR ROCK

Star Rock
The Apple | USA | 1980
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Das Singer-Songwriter-Pärchen Bibi (Catherine Mary Stewart) und Alphie (George Gilmour) nehmen an einem weltweiten Talentwettbewerb teil und überzeugen das Publikum auf ganzer Linie. Dumm nur, dass der Musikmogul Mr. Boogalow (Vladek Sheybal) die seiner Plattenfirma Boogalow International Music entsprungene BIM-Musik mit unlauteren Mitteln auf den ersten Platz befördert. Immerhin bietet Boogalow Bibi und Alphie gleich nach der Show einen Platz in seinem Imperium an, doch als es gerade zur Unterzeichnung der Verträge kommen soll, fällt Alphie auf, dass Boogalow mithilfe seiner Musik die Weltherrschaft anstrebt – doch da hat Bibi bereits unterzeichnet …

Eigentlich wollte das israelische Pärchen Coby und Iris Recht ein Stück auf die ganz große Bühne bringen. Ein Musical. Am besten gleich an den Broadway. Doch als die beiden nach ersten Verhandlungen auf den Filmemacher Menahem Golan trafen, sollte sich das schnell ändern. Denn dessen Cannon Group befand sich gerade so richtig im Aufwind, was in Golan die Gelüste weckte, auch mal etwas anderes als immer nur kostengünstige Actionkost auf die Beine zu stellen; das Geld für derlei Experimente war ja in diesen Tagen durchaus noch vorhanden. Also schnappte sich Golan das Konzept, beauftragte die Rechts mit der Fertigstellung der Songs (wobei diese durch den US-amerikanischen Musiker George S. Clinton unterstützt wurden, da ihr Englisch nur sehr unzureichend war) und schrieb selber ein Drehbuch, welches die diversen Rocknummern in eine Dystopie einbettete.
Ja, richtig gelesen, eine Dystopie. Der Antagonist Boogalow erbaut auf Grundlage seiner musikalischen Omnipräsenz ein weltumspannendes Staatsgebilde, welches sämtliche Bürger unterdrückt und kontrolliert. Der Klang seiner BIM-Musik ist einfach derart mitreißend und betäubend, dass alle, die die Mucke hören, sich sofort willenlos seiner Gesellschaftsordnung anschließen. Es bleibt nur Alphie als aufrechter Kämpfer gegen dieses Joch übrig, der jedoch weniger mit Musik als viel mehr mit Liebe in den Kampf zieht; um so zumindest seine Bibi aus den Klauen der Diktatur zu befreien. Das alles mag hier durchaus abstrus klingen, aber Golan inszeniert die Geschehnisse derart geschickt zwischen Augenzwinkern und Ernst, dass man bei der Betrachtung des Films kaum einen Anstoß an diesem Grundkonzept nimmt.

In 1994 the world is controlled by one power! (US-amerikanischer Filmtrailer)

Ein Grund dafür dürfte in der wundervollen Ausstattung des Streifens liegen, denn es wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um das futuristische Jahr 1994 prächtig in Szene zu setzen. Bei den Dreharbeiten in Westberlin entstanden zahlreiche schöne Einstellungen, die den kalten und martialischen Look von Boogalows Staat trefflich wiedergeben. Immer wieder gibt es schöne Totalen, die obendrein von zahlreichen Komparsen gefüllt werden. Fantasievolle Interieurs und tolle Kostüme runden das gelungene Design ab. Darüber hinaus fallen die Musik- und Tanzsequenzen meist äußerst farbenprächtig aus und die Darstellung der Hölle oder einige andere großartige Sets brauchen sich vor dem großen Vorbild, der ROCKY HORROR PICTURE SHOW (1975), wahrlich nicht zu verstecken.

Die Songs der Rechts (und Clintons) spielen sich dann überwiegend im Bereich Rock ab. Mal etwas härter, mal etwas sanfter gibt es eine gefällige Bandbreite zu hören, die Freunde des langhaarigen Sounds der ausgehender 70er Jahre durchaus zu begeistern wissen dürfte. Zwischendurch gilt es aber auch einige außerordentliche Schnulzen zu durchstehen, die zusammen mit dem beinharten Overacting der Protagonisten zu wahrlich absurd-übertriebenen Szenen führen.

The Apple is the temptation! The Apple is the experience! The Apple is the fordbidden fruit! (US-amerikanischer Filmtrailer)

Da kriecht der ansonsten nie wieder als Schauspieler in Aktion getretene George Gilmour als Alphie mit verzerrtem Gesicht durch den Regen, während Catherine Mary Stewart, hier in ihrem Spielfilmdebüt zu sehen, in der Rolle der Bibi am anderen Ende der gesellschaftlichen Kluft auf ihn wartet. Beide Mimen leisten durchschnittliche Arbeit, überzeugen aber in den Musiksequenzen vorbehaltlos. Wenn die beiden sich schon bei ihrem ersten Auftritt verschämt-verliebt angrinsen, dann haben sie das Herz des Zuschauers sogleich gewonnen. Der international erfolgreiche polnische Darsteller Vladek Sheybal versucht den beiden in der Rolle der Mr. Boogalow in die Parade zu fahren. Er erinnert dabei des Öfteren an Imperator Ming aus FLASH GORDON (1980), nur dass er neben dessen totalitärem Anspruch auch noch ein Herz für gute Musik hat. Joss Ackland als Mr. Topps/Gott sowie Allan Love und Grace Kennedy als Duo Pandi und Dandi runden einen Cast ab, der zu keinem Zeitpunkt schauspielerisch überzeugt, aber die Message des Films ganz gelungen transportiert.
Denn STAR ROCK (dessen Originaltitel The Apple die biblischen Bezüge doch um einiges deutlicher werden lässt) ist ein Film, der gefühlt und nicht verstanden werden will. Und auch wenn es einen stören mag, dass der feine Spät-70ies-Rock hier als Werkzeug des Bösen genutzt wird (die US-amerikanischen Empörten jener Jahre haben es doch schon immer gewusst!), so funktioniert die Verbindung von Dystopie und Musikfilm doch erstaunlich gut. Menahem Golan schuf im Jahr 1980 einen Film, der so heute nicht mehr produziert werden könnte. Er schuf einen Film, weil er es tun wollte, weil er Spaß daran hatte und weil er es wagen konnte. All das geht heutzutage nicht mehr. Wie Föhnfrisuren und Glamrock sind wagemutige und unangepasste Filmemacher einfach irgendwann in den Untiefen der 80er verschwunden. Schade.

Zwischen all seinen Actionreißern lieferte Menahem Golan 1980 einen Musikfilm ab, der Glamrock und Dystopie, Schnulze und Bibelzitate wundervoll miteinander verbindet. All die kleinen Ecken und Kanten sind völlig zu vernachlässigen, da sie zu einem Kunstwerk gehören, welches seinen Zuschauer von der ersten Minute an mitreißt. Klasse!

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