DICK TRACY

Dick Tracy
Dick Tracy | USA | 1990
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Dick Tracy (Warren Beatty) ist ein sehr erfolgreicher Ermittler der Polizei von Chicago, doch darunter leidet seine Beziehung zu Tess Trueheart (Glenne Headly) mitunter. Als Tracy dann auch noch die verführerische Breathless Mahony (Madonna) im Zuge von Ermittlungen kennenlernt, spitzt sich die Situation weiter zu. Doch eine Zusammenarbeit mit Mahony ist nötig, um den Schwerkriminellen Big Boy Caprice (Al Pacino) in die Finger zu bekommen.

Am 4. Oktober 1931 veröffentlichte der Chicago Tribune zum ersten Mal einen Comicstrip rund um den Polizeiinspektor Dick Tracy. Der Zeichner Chester Gould hatte diese Figur entworfen und in den folgenden Jahren sollten sich die kurzen Abenteuer des rau-charmanten Inspektors zu einer festen Größe im US-amerikanischen Zeitungswesen entwickeln. Ab 1939 folgten eigene Hefte und zwischen 1937 und 1941 veröffentlichte Republic Pictures vier Film-Serien in den Lichtspielhäusern. In den 40er Jahren folgten dann vier weitere Kinofilme, bevor es – lediglich von einem TV-Auftritt im Jahre 1967 unterbrochen – für viele Jahre still um den Detektiv werden sollte. Erst Mitte der 70er Jahre ging Warren Beatty daran, daran etwas zu ändern.
Doch die Filmrechte waren in den Untiefen der US-amerikanischen Filmmaschinerie verschwunden und es sollte Jahre dauern, bis Beatty dieser habhaft werden konnte (ein Grund, warum die Rechte zunächst nicht zu besorgen waren, war, dass Chester Gould die voller künstlerische Kontrolle über die Verfilmung beanspruchte). Schließlich kauften die Produzenten Floyd Mutrux und Art Linson die Rechte und schleppten sie zu Paramount Pictures. Dort wollte man Steven Spielberg auf den Film ansetzen, der dann wiederum Universal Pictures ins Boot holte. Universal brachte dann Namen wie John Landis und Clint Eastwood ins Spiel und beauftragte die Drehbuchautoren Jim Cash und Jack Epps Jr. mit der Anfertigung eines ersten Drehbuchsentwurfs.

Big Boy Caprice: Recht ohne Ordnung ist ebenso gefährlich für die Bürger wie Ordnung ohne Recht.

Als die Rechte dann zu Paramount wanderten, wollte Beatty, mittlerweile für die Hauptrolle eingeplant, das Projekt – zusammen mit den zwischenzeitlich auf den Regiestuhl gehievten Walter Hill – eigentlich schon verlassen, doch der Produzent Jeffrey Katzenberg wechselte just in jenen Tagen zu den Walt Disney Studios und nahm das Projekt gleich mit. Und da Warren Beatty sich mit seinen Regiearbeiten DER HIMMEL SOLL WARTEN (1978) und REDS (1981) mittlerweile einen Namen als Director gemacht hatte, bot man ihm nun neben der Hauptrolle auch gleich den Regiestuhl an. Knappe 15 Jahre nach den ersten Versuchen hatte Beatty es also geschafft und sein Projekt konnte an den Start gehen.
Cashs und Epps über lange Jahre hinweg fertiggestelltes Drehbuch wurde dann zu der Grundlage einer klassischen Pulp-/Noir-Story, die ein halbes Jahrhundert zuvor auch einen prächtigen Film Noir abgegeben hätte. Ein mit seinem Job verheirateter Ermittler, eine verführerische Femme fatale, hinterlistige Verbrecher, eine düstere Großstadt, die Ingredienzien sind samt und sämtlich vorhanden. Dabei lebt die Geschichte vor allen von ihren tollen Charakteren, die rundherum um Dick Tracy positioniert werden und die allesamt geschickt zwischen der Künstlichkeit von Comicfiguren und der emotionalen Tiefe echter Menschen angelegt sind.

Warren Beatty gibt in der Hauptrolle den unnahbaren Ermittler, der im Kampf gegen den Sumpf des Verbrechens so manches Mal bedächtig vom Wege abzukommen scheint. Glenne Headly als Tess Treuheart kann das zwar letztlich verhindern, bleibt aber auch nach dem Finale stets klar hinter dem beruflichen Leben Tracys zurück. Madonna darf hier in der Rolle der Breathless Mahony vollends aufgehen und nach Herzenslust verführen und betrügen. Obendreien sorgen ihre Tanz- und Gesangsauftritte für einige großartige Momente. Charlie Korsmo, ein Jahr später in HOOK (1991) in einer recht ähnlichen Rolle zu sehen, überzeugt als Straßenkind Kid/Junge weitestgehend, auch wenn seine Darbietung an den üblichen Problemen von derlei Rollen krankt.
Auf Seiten der Unterwelt steht Al Pacino als Big Boy Caprice seinen Mann, was ihm natürlich ohne weiteres gelingt. Leicht gebeugt, voller Niedertracht und Hass wird er zu einem trefflichen Gegenspieler für Tracy. Aber auch Dustin Hoffmann als murmelnder Geselle und William Forsythe als hinterhältiger Flattop wissen zu gefallen. Unterstützt werden diese Halunken von einer großen Riege an (teilweise durchaus namhaften) Gesetzesbrechern, die letztlich eine beeindruckende Bande des Bösen bilden.

Ein Mitgrund dafür ist sicherlich die Arbeit der Maskenbildner, denn sämtliche Antagonisten sind mit wundervollen, meist völlig überzeichneten Masken versehen. Eben wie in einem Comic werden einzelne Aspekte der Physiognomie deutlich hervorgehoben, was zu einem sehr eigenen und gelungenen Look führt. Diese Gradwanderung gelingt dabei durchgehend und nie wirkt eine Maske zu albern oder unecht, der Film bewahrt immer den nötigen Ernst.

Dick Tracy: Keine Trauer um Weichlippe?
Breathless Mahony: Ich hab‘ schwarze Unterwäsche an.

Und wie bei den Masken war es auch beim sonstigen Art Design ein Anliegen Beattys, der Comicvorlage gerecht zu werden. So entschied sich das Team dazu, sich auf die sehr reduzierte Farbgebung der Vorlage zu beschränken, was im Endeffekt dafür sorgt, dass die teils stark nachbearbeiteten Aufnahmen einen sehr artifiziellen Anstrich erhalten. Tatsächlich wirkt hier vieles wie einem Comic entsprungen und der Film entwickelt so eine äußerst eigenständige Optik. Neben der tollen Farbgebung und der schönen Nachbearbeitung sind aber die zahllosen Matte Paintings die wahren Prunkstücke der Effektspezialisten. Die diversen Panoramen Chicagos sehen glänzend aus (und verfügen meist über mehrere Einfügungen von realen Szenen) und die unzähligen Straßenzüge sorgen immer wieder für Staunen. Detailliert und liebevoll gezeichnet und vor allem perfekt ins Szenenbild eingearbeitet, stellen die Paintings immer wieder Glücksmomente für Freunde handgemachter Tricktechnik dar. Zweifelsohne ist es vor allem die so entstehende großartige Optik, die dem Film einen besonderen Rang unter seinesgleichen einbringt.
Mit dem Score von Wunderkind Danny Elfman, der seit seiner Debütarbeit zu TOTALER SPERRBEZIRK (1980) regelmäßig grandiose Soundtrack abzuliefern begann (darunter BEETLEJUICE (1988), DIE GEISTER, DIE ICH RIEF… (1988) oder BATMAN (1989)), und den Songs von Madonna müssen sich auch die Ohren nicht vernachlässigt vorkommen und Beatty schneidert aus all diese Komponenten ein völlig rundes Gesamtwerk. Leider spielte der Film sein Budget nur recht knapp wieder ein und auch die zeitgenössische Kritik erkannte seine Qualitäten nicht immer, sodass er seit Jahren kaum die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Denn diese unterhaltsame Pulp-Geschichte, die obendrein in eine fantastische Optik eingearbeitet ist, hätte wahrlich (noch) viel mehr Anerkennung und Rezeption verdient!

Abseits der ordentlichen Geschichte und der tollen Besetzung punktet dieser sträflich vernachlässige Streifen vor allem mit einer fantastischen Tricktechnik und unzähligen liebevoll gestalteten Einstellungen. So muss eine Comicverfilmung aussehen, so gelingt die Gradwanderung zwischen artifiziellem Charme und bodenständiger Realität. Bravo!

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