CLOUD ATLAS

Cloud Atlas
Cloud Atlas | Deutschland/Hongkong/Singapur/USA | 2012
IMDb, OFDb, Schnittberichte

1849, 1936, 1973, 2012, 2144, 2321: In all diesen Jahren passieren irgendwo auf der Welt Dinge, die auf irgendeine Weise miteinander zusammenhängen. Ein sklavenhandelnder Anwalt im 19. Jahrhundert (Adam Ewing), ein Komponist im frühen 20. Jahrhundert (Ben Whishaw), eine Reporterin in den 1970’er Jahren (Halle Berry), ein alternder Verleger in der Gegenwart (Jim Broadbent) sowie ein Klon im Seoul der Zukunft (Doona Bae) und ein Überlebender in einer fernen Endzeit (Tom Hanks), sie alle treffen Entscheidungen, die die Schicksal anderen Menschen in anderen Zeiten betreffen.

Unverfilmbar. Dieses Attribut ist eines, welches seit Peter Jacksons DER HERR DER RINGE-Trilogie eigentlich der Vergangenheit angehört. Allenfalls Tad Williams Otherland-Zyklus oder David Mitchells Epos Der Wolkenatlas konnten diese Eigenschaft auch über die Tolkien-Verfilmungen hinweg für sich bewahren. Bis 2005. Denn dann sollten die Wachowski Geschwister Andy und Lana, die vor allem für ihre MATRIX-Trilogie einiges an Achtung einheimsen konnten, zusammen mit dem Deutschen Tom Tykwer, dessen Portfolio unter anderem LOLA RENNT (1998), DAS PARFUM – DIE GESCHICHTE EINES MÖRDERS (2006) und THE INTERNATIONAL (2009) umfasst, daran gehen, diese Romanvorlage ebenfalls von diesem mystischen Attribut zu befreien. Abseits des hollywood’schen Mainstreams schaffte es das Trio innerhalb der nächsten sieben Jahre tatsächlich, zahlreichen aus unterschiedlichen Landen stammenden Produktionsfirmen und Studios ein Gesamtbudget von rund 100 Millionen US-Dollar abzuringen und somit – zusammen mit einer äußerst langwierigen Drehbucharbeit – eine solide Basis für ein derart enthusiastisches Werk zu legen – und ganz nebenbei die teuerste Independent-Produktion aller Zeiten auf den Weg zu bringen.

Felix Finch: Was genau hat der stumpfe Stift, den Sie Ihre Fantasie nennen, wohl vorgesehen, um diese Szene enden zu lassen?

Nun hat Mitchells Vorlage allerdings die Eigenschaft, dass sie Verknüpfungen zwischen sechs Zeitebenen herstellt und dabei unzählige Charaktere und Handlungsstränge miteinander in Einklang bringt. Unterschiedliche Erzähltechniken und Schreibstile erweitern das Repertoire dieses Werks und machen dessen Übersetzung in ein Drehbuch entsprechend kompliziert. Deshalb entschieden sich die Drei dazu, dem Zuschauer einen Halt anzubieten, indem sie einen begrenzten (aber nichtsdestotrotz sehr umfangreichen) Kreis an Darstellern immer wieder in verschiedenen Rollen auftreten lassen. So werden auch die Verbindungen zwischen den Figuren betont, die ansonsten allzu willkürlich wirken würden (was nichtsdestotrotz immer noch häufig verkommt).

Die immense Besetzung nun einzeln aufzuschlüsseln würde sicherlich zu weit gehen, aber fest steht, dass die Darstellerschaft rund um Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturges und Donna Bae sowie Ben Whishaw und Keith David überwiegend gut funktioniert. Nicht alle Rollen sind gleichmäßig gelungen, aber in der Regel schaffen es die Mimen doch überzeugend, einzelne und unterschiedliche Charaktere auszuformen. Obendrein ist es natürlich auch eine der großen Herausforderungen, die der Film an seinen Rezipienten stellt, die einzelnen Darsteller wiederzuerkennen (was teilweise schlichthin nicht möglich scheint) und die Entwicklungen und Zusammenhänge der per Darsteller verbundenen Rollen zu durchleuchten.

Adam Ewing: Ich weiß nicht, was ich getan hätte, hätten sich unsere Wege nicht gekreuzt.
Dr. Henry Goose: Tja, zunächst einmal wären Sie gestorben.

Wobei wir beim Kernstück des Films wären: den Zusammenhängen. Es werden unzählige Querverweise und Verbindungen dargestellt, die mal bedeutungsschwanger, mal willkürlich daherkommen. Über allem schwebt dabei die Verpflichtung des Menschen, Entscheidungen zu treffen, die Einfluss nehmen; auf die Welt, auf die Menschen, auf die Zukunft, auf sich selbst. Leider gelingt es dem Film aber nicht, die Konsequenzen dieser Entscheidungen deutlich zu machen, sodass (allzu) vieles im Argen bleibt. Inhaltliche Zusammenhänge bleiben häufig vage und selbst wenn es doch einmal zu eindeutigen Folgerungen kommt, scheinen diese kaum von Gewicht zu sein. Es gelingt dem Drehbuch schlichthinweg nicht, die Tragweite der Geschehnisse an den Betrachter weiterzureichen.

Was dem Film hingegen ganz vortrefflich gelingt, ist die Inszenierung seiner sechs Zeitebenen. Wirkt diese anfangs nämlich noch höchst undurchsichtig, so schaffen es Tykwer und die Wachowskis spätestens ab der Filmmitte, einen grandiosen Rhythmus zu finden, der es dem Zuschauer problemlos ermöglicht, mit dem Film durch die Zeit zu springen. Selbst wenn später teilweise innerhalb von Sekunden mehrfach die Ebene gewechselt wird, kann man den Geschehnissen stets folgen und sich auf die aktuelle Situation einstellen. Dass die einzelnen Handlungsfäden für sich genommen dabei wahrlich nicht immer Meisterwerke sind, wird durch geniale Inszenierungstricks überwiegend aufgewogen. Zahlreiche Matchcuts und andere Übergänge verbinden die einzelnen Sequenzen ebenso trefflich miteinander wie die später immer mehr ineinander übergehenden Dialoge und Sounds. Gen Ende verschmelzen die Ebenen fast zu einer Gesamtstruktur, was gleichzeitig den Höhepunkt des Films darstellt: während es der Inhalt zu selten schafft, diese Verbindungen deutlich zu machen, schaffen es die Formalia ganz vortrefflich. Dieser Erlebnisfluss ist das wahrlich beeindruckende an CLOUD ATLAS.

Luisa Rey: Sie müssen das tun, was Sie unter keinen Umständen lassen können.

Darüber hinaus beeindruckt der Film mit einer großen optischen Bandbreite, die von Kolonien in Übersee, über die flotten 70er bis in die verwüstete Endzeit reicht. Neo-Seoul sieht großartig aus, aber auch das frühe 20. Jahrhundert in Großbritannien verströmt einen noblen Charme. Auch hier gelingt es dem Film stets, mit einprägsamen Designs dafür zu sorgen, dass man als Rezipient stets weiß, wo man sich gerade befindet. Trotz großer Mengen an CGI-Technik sieht das alles dabei stets wertig und handfest aus und nur die überbordenden Actionsequenzen in der Zukunft trüben den guten optischen Eindruck ein wenig. Die Maskenarbeit ist allerdings über jeden Zweifel erhaben und generiert wie erwähnt einiges an eigenem Schauwert.
Es bleibt letztlich dem Zuschauer überlassen, sich der tollen Inszenierung dieses Films hinzugeben oder sich vom offenkundigen Scheitern des Versuchs, sechs Zeitebenen auch inhaltlich miteinander zu verbinden, abschrecken zu lassen. Den Kerngedanken des Films, Alles ist verbunden, findet man nämlich nicht im Inhalt, sondern in der Form.

Formal beeindruckendes Epos, das seinen inhaltlichen Ansprüchen leider nicht gerecht zu werden vermag. Doch während die Bezüge zwischen den tollen gespielten (und geschminkten) Figuren allzu häufig höchst vage bleiben, schafft es die Inszenierung, das Gefühl von Zusammengehörigkeit zu schaffen. Und eben das beeindruckt durchaus.

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2 Antworten zu “CLOUD ATLAS

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