THE HATEFUL 8

The Hateful 8
The Hateful Eight | USA | 2015
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Kurz nach dem amerikanischen Sezessionskrieg, irgendwo in Wyoming: Der Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) ist gerade dabei, die hochdotierte Kriminelle Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) nach Red Rock zu bringen, als ihm der ebenfalls kopfgeldjagende Marquis Warren (Samuel L. Jackson) über den Weg läuft. Kurze Zeit später gesellt sich auch noch der rassistische Südstaatler Chris Mannix (Walton Goggins) hinzu, der angeblich der neue Sheriff von Red Rock ist. Doch bevor die Drei erörtern können, wer hier lügt und wer die Wahrheit spricht, verschlägt es sie aufgrund eines Schneesturms in Minnies Miederwarenladen, wo schon weitere Gefahr auf sie wartet.

Die immense mediale Aufmerksamkeit, die den Filmen von Quentin Tarantino seit jeher beschieden ist, hat neben zahlreichem Positivem auch durchaus ihre Schattenseiten. Ganz konkret zeigte sich das im Januar 2014, als das Drehbuch zu seinem geplanten zweiten Western im Internet auftauchte und somit die gesamte Produktion auf der Kippe stand. Bereits bei INGLOURIOUS BASTERDS (2009) und DJANGO UNCHAINED (2012) waren Fragmente früher Drafts an die Öffentlichkeit gelangt, doch 2014 war es erstmals die gesamte Storyline, die weit vor Drehbeginn geleakt wurde. Tarantino beschloss daraufhin, dass Projekt abzubrechen und entschied sich stattdessen dazu, am 19. April desselben Jahres eine Lesung im Los Angeles County Museum of Art abzuhalten, bei der er mit den bereits besetzten Rollen (darunter Jackson, Russel, Roth, Madsen, Goggins und Dern) ein Kammerspiel inszenierte. Die Lesung war ein voller Erfolg und zeigte deutlich auf, dass das Konzept zu gut war, um es nicht auch zu einem Kinofilm werden zu lassen. Also wurden die Arbeiten wieder aufgenommen und zwischen Januar und März 2015 wurde der Film in einem Nest in Colorado fertiggestellt.
Was hat das Skript aber nun an sich, dass nur eine rudimentäre Aufführung genügte, um Tarantino doch zu seiner Umsetzung zu bewegen? Grundsätzlich folgt es jener episodischen Grundstruktur, die so vielen seiner Filme zugrunde liegt. Die Kapitel werden dem Zuschauer dabei jedoch in chronologischer Reihenfolge dargebracht, einzig ein kurzer (im Original von Tarantino selbst kommentierter) Einschub hält sich nicht an diese Struktur. Es kommt jedoch zu keinerlei Irrungen und Wirrungen, denn selbst die kurze Rückblende gliedert sich sehr klar in den Handlungsverlauf ein.

Daisy Domergue: Wenn du in die Hölle kommst, sag‘ ihnen, Daisy hat dich geschickt!

Es sind vielmehr inhaltliche Entscheidungen, die dem Film seinen Wert verleihen. Wie schon bei DJANGO UNCHAINED dient die (Italo-)Western-Form hier überwiegend als Rahmen für einige anderen Genres entsprungene Konzepte. Denn dieses Mal inszeniert Tarantino eine Krimi-Handlung im Western-Schnee. Von Anfang an bleiben einzelne Aspekte von quasi allen Charakteren im Verborgenen, was sich bis zum Filmeende nicht vollends ändert. Die meisten dieser Unklarheiten werden allerdings im Verlaufe der Geschichte geklärt, teils durchaus einfallsreich, teils recht durchschaubar. An einigen Stellen lässt Tarantino seine Figuren gar in klassischer Detektivmanier ihre Ermittlungsergebnisse vortragen, was allenthalben prächtig funktioniert. Dass die Geschichte zu einem letztlich nicht allzu erstaunlichen Ende kommt, mag dabei vordergründig als störend empfunden werden, tatsächlich öffnet sich aber gerade durch die inhaltliche Zügelung ein Raum, der vom eigentlichen Glanzstück des Films eigenommen wird.

Denn ab der ersten Minute sind es die zahlreichen Figuren, die im Zentrum aller Aufmerksamkeit stehen. Tarantino nimmt sich unfassbar viel Zeit, diese Stück für Stück einzuführen und nutzt dabei seine typischen Verfahrensweisen. Jeder kennt jeden, jeder trägt einen wilden Spitz- oder Klarnamen und alle tasten sich in – und das folgende Attribut sei in seiner positivsten Konnotation verwendet – ellenlangen Dialogen gegenseitig ab. Dabei werden alle Rollen in lediglich zwei Settings (Kutsche und Hütte) gezwängt, was die intensive Auseinandersetzung miteinander zusätzlich befördert – keiner kann hier der Auseinandersetzung entkommen. Dass es runde 45 Minuten dauert, bis diese Hütte überhaupt erreicht ist, und dass noch einmal die gleiche Zeitspanne darauf verwendet wird, wirklich sämtliche Rollen auszuarbeiten, ist dabei weniger als Ausschweifung, sondern vielmehr als bewusste Entschleunigung zu lesen. Folglich gibt es bis zur Filmmitte – von schwungvoll auffliegenden Türen einmal abgesehen – auch keinerlei Action zu sehen.

John Ruth: Niemand sagt, dass dieser Job leicht werden wird.
Marquis Warren: Sagt aber auch niemand, er müsste anstrengend sein!

Stattdessen folgt der Betrachter einer Besetzung, die fast makellos daherkommt. Kurt Russell brilliert als beinharter Kopfgeldjäger John Ruth, der jedoch in einigen Szenen auch sein großes Herz und die Fähigkeit zu einem fast hundetreuen Blick unter Beweis stellen darf. Lange an ihn gekettet gibt Jennifer Jason Leigh eine äußerst unnahbare und undurchschaubare Daisy Domergue, die bis zum Ende eine der interessantesten Rollen bleibt. Tarantino-Liebling Samuel L. Jackson liefert als Marquis Warren gewohnt hohe Qualität ab und Walton Goggins darf Südstaaten-Sheriff zunächst den tief rassistischen Umsympath geben, der sich letztlich immerhin zum draufgängerischen Opportunisten mausert (und dessen prächtiger Südstaaten-Akzent sogar in der deutschen Synchronisation durchaus gut funktioniert).
Aber auch Tim Roth, der als Oswaldo Mobray durchaus deutlich auf den Spuren von Christoph Waltz wandelt, Demián Bichir als Bob und Channing Tatum als Jody Domingray überzeugen spielend in diesem großen Cast. Einzig Michael Madsen fällt im Vergleich etwas ab, kommt seinem Joe Gage doch die gleichzeitig durchschaubarste und belangloseste Rolle zu. Dafür überzeugt aber der 79-jährige Bruce Dern ein weiteres Mal in seiner tollen Karriere und zeigt als General Sandy Smithers einiges an schauspielerischer Bandbreite.

Während die erste Filmhälfte dann vornehmlich dazu dient, diese Figuren gebührend einzuführen, ändert der Streifen seinen Ton in der zweiten Halbzeit abrupt. Hier kehrt Tarantino dann zeitweise zu jener Art von Inszenierung zurück, die ihm einiges an Ruhm eingebracht hat. Brutal und einfallsreich zugleich bricht sich der schwelende Konflikt Bahn und am Ende schwimmt die ganze Holzhütte im Blut. Doch am Ende dieses Massakers steht wiederum ein ruhiges und sich letzten Unklarheiten widmendes Finale, welches den zurückgenommenen Grundton des Films nochmals herauskehrt.
So lässt sich THE HATEFUL 8 letztlich dergestalt in Tarantinos Gesamtwerk einordnen, wie der ganz ähnlich konzipierte JACKIE BROWN. Jener diente 1997, nach den Erfolgen von RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE (1992) und PULP FICTION (1994), dazu, sich bewusst vom verschachtelten Stil abzuwenden und klares, auf seine Figuren bedachtes Kino zu machen. Und auch nach INGLOURIOUS BASTERDS und DJANGO UNCHAINED scheint es mit THE HATEFUL 8 ein zweites Mal Tarantinos Anliegen zu sein, die Erwartungen seiner Zuschauer zu unterlaufen und einen viel ruhigeren (und genau deshalb wiederum so gelungenen) Film abzuliefern.

John Ruth: Ich wüsste ‘nen schönes Zeichen deiner Dankbarkeit: Halt‘s Maul!

Abseits dieser inhaltlichen Betrachtung nutzte der bekennende Kino- und Zelluloid-Liebhaber Tarantino diesen Film übrigens auch dazu, seine technische Leidenschaft auf neue Höhen zu treiben. Der gesamte Film wurde im Format Ultra Panavision 70 gedreht, welche ein 65mm Filmnegativ ausspuckt, das dann wiederum auf 70mm-Filmkoipie aufgeblasen wird. Es wurden spezielle Linsen und Bänder gefertigt und auch keine sonstigen Mühen gescheut, um dieses seit den 60er Jahren kaum noch gebräuchliche Format anzuwenden. Dies gipfelte dann in einer weltweit in ausgewählten Kinos (die Beschränkung stellte hier meist die in den meisten Lichtspielhäusern nicht mehr vorhandene Abspieltechnik dar) gezeigten Roadshow-Fassung, die neben ihrem außergewöhnlichen (da mit einem Seitenverhältnis von 2,75:1 sehr breiten und äußerst detaillierten) Format auch eine Ouvertüre, eine Intermission und einige verlängerte Einstellungen umfasste. Und wenn auch nur einem kleinen Kreise zugänglich, so muss man doch zweifelsfrei eingestehen, dass Tarantino hier eine neue Möglichkeit entdeckt hat, den zahlreichen Cineasten unter seinen Fans abseits der natürlich mal wieder zahllosen Filmzitate und Verweise eine neue Form der speziellen Unterhaltung zu bieten. Chapeau!

Ein unerwartet ruhiger Film, der die Erwartungshaltung der meisten Zuschauer gekonnt unterläuft, deshalb aber keineswegs weniger gelungen ist. Denn gerade weil Tarantino die Geschichte zugunsten der Charaktere deutlich zurückfährt, bekommen diese den Platz, den sie brauchen, um sich wahrhaft zu entfalten. Wer sich auf diesen ruhigen und beobachtenden Stil einlässt, der bekommt einen Film, der abseits der klassischen Wege dieses Regisseurs wahnsinnig gut unterhält. Ein Western-Kammerspiel vom Feinsten!

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