GEHEIMAUFTRAG CIA – ISTANBUL 777

Geheimauftrag CIA – Istanbul 777
Coplan FX 18 casse tout | Frankreich/Italien | 1965
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der CIA-Agent Jeff Collins (Richard Wyler) wird von seinem Geheimdienst damit beauftragt, die entführten deutschen Wissenschaftler Bolz und Schwartz wiederzufinden. Als sich aber nach kurzer Zeit herausstellt, dass der wahnsinnige Hartung (Robert Manuel) den Ägyptern mit Hilfe dieser Wissenschaftler Atombomben zur Verfügung stellen möchte, klinkt sich auch der israelische Agent Shaimoun (Gil Delamare) in den Fall ein. Zusammen versuchen die beiden Geheimdienstler im anatolischen Hinterland nun, den Start einer Atomrakete zu verhindern.

Manchmal ist die Filmwelt eine äußerst gradlinige und in einer solchen ist es auch nur folgerichtig, dass äußerst verworrene Hintergründe auch zu äußerst verworrenen Filmproduktionen führen. Davon war den beiden Belgiern Gaston van den Panhuyse und Jean Libert freilich nichts bekannt, als die beiden unter dem Pseudonym Paul Kenny im Jahr 1953 erste Romanhefte rund um den natürlich an den einer Jahr zuvor auf Papier veröffentlichten JAMES BOND angelehnten Geheimagenten Francis Coplan erschufen. Vier Jahre später folgte das schlicht SPIONE (1957) betitelte Leinwanddebut des französischen Regisseurs Maurice Labro, bevor es dann – von konstanten Romanveröffentlichungen abgesehen – erst einmal wieder ruhiger um den CIA-Menschen Coplan werden sollte.
Erst nachdem der bekannte britische Agent aus dem Hause Eon Productions erneut dafür sorgte, dass dieses Filmgenre einen ungeahnten Ausschwung erfuhr, keimte auch wieder Interesse an derlei Krimigeschichten auf. Maurice Labro mit FBI-AGENT COOPER – DER FALL TEX (1963) und Maurice Cloche mit JACK CLIFTON JAGT WOSTOW 3 (1964) sorgten für weitere Leinwandumsetzungen, die nun allerdings schon eines der zentralen Probleme dieses Agenten erahnen lassen sollten: die deutschen Verleiher zeigten – wohl auch aufgrund der ständig wechselnden Produzenten und Studios – kein Interesse daran, die Reihe hierzulande als solche zu vermarkten. Folglich erhielt Herr Coplan andauernd neue Namen und Titel und konnte sich so nie als Marke etablieren. In Anbetracht der Tatsache, dass er während seiner sechs Leinwandauftritte zwischen 1957 und 1968 (eine gen Ende der 80er Jahre folgende Reihe von TV-Produktionen sei an dieser Stelle geflissentlich ignoriert) nie zweimal vom gleichen Schauspieler gegeben wurde, lässt die Entscheidung der hiesigen Verleiher allerdings schon wieder durchaus nachvollziehbarer erscheinen.

Collins: Ich würde ihn gern nochmal besuchen, aber dann müsste er sich seine Knochen vorher nummerieren lassen.

1965 sollte es dann der Italiener Riccardo Freda sein, der sich des vierten Spielfilms annahm. Freda hatte nach diversen eher phantastischen Stoffen 1957 mit DER VAMPIR VON NOTRE DAME, bei dem bekanntlich ein gewisser Mario Bava nicht unwesentlich beteiligt gewesen ist, für Aufsehen gesorgt und des Weiteren hatte er 1961 mit AGENT 0-1-7 AUF HEIßER SPUR bereits frühe Genre-Erfahrung gesammelt. In den folgenden Jahren tat sich Freda mit den neuen Konzepten des populären Kinos, allen voran dem Italowestern und dem Agentenfilm, allerdings schwer, was dann zu einigen unumwunden rumpligen Produktionen führen sollte. Eine davon ist GEHEIMAUFTRAG CIA – ISTANBUL 777.

Auf Grundlage eines Drehbuchs von Claude-Marcel Richard schusterte Freda nämlich etwas zurecht, was sich eher wie eine gewalttätige Auseinandersetzung denn wie eine eingehende Beschäftigung mit dem Stoff anfühlt. Der ganze Film ist ein Stakkato aus bekannten Genreversatzstücken, die jedoch derart lieb- und funktionslos aneinandergereiht werden, dass es auf ewig ein Rätsel bleibt, was sich Freda und der für den Schnitt verantwortliche Renée Lichtig wohl dabei gedacht haben. Teils folgen vermeintlich wichtige Szenen im Sekundentakt aufeinander, Schnitte zerreißen ganze Zusammenhänge und actionreichere Sequenzen brechen inmitten der Geschehnisse ab. So benötigt auch der Eurospy-vertraute Zuschauer sicherlich einige Minuten, bis er sich an die ruppige Gangart des Films gewöhnt hat. Bis dahin sind ihm allerdings schon so einige Fetzen der ohnehin überaus undurchsichtigen Geschichte um Atombomben, Kloppereien und Nahostkonflikt entgangen, sodass das Ausmachen des Spannungsbogens zu einer noch größeren Aufgabe als ohnehin schon wird.
Also ignoriert man diesen schlicht (Raketen und schöne Aufnahmen der anatolischen Pampa bekommt man am Ende trotzdem zu sehen) und widmet sich stattdessen einfach jenen Aspekten, die jedem Agententhriller eine Grundmenge an Charme verleihen: nette – teils durchaus exotisch anmutende – Aufnahmen Istanbuls, hübsche Frauen, böse Antagonisten und gen Finale wie erwähnte auch Raketen und Männer in Kostümen. Dazu verpasst Michel Magnes, der neben der ebenfalls aus Frankreich stammenden Konkurrenz OSS 117 auch die FANTOMAS-Filme der 60er Jahre vertone, dem Streifen einen unfassbar offensiven Soundtrack, der das übliche swingende Geklimper dem Rezipienten geradezu in die Ohren hineinhämmert. Das passt freilich ganz wunderbar zu Fredas Inszenierung, sodass manche Sequenzen von gerade hypnotisch durchdringender Wirkung sind.

Collins: Das sind aber wirklich seltsame Archäologen!

Der Brite Richard Wyler kann gegen dieses Konzept nicht anspielen und verkommt so schließlich zum unbedeutenden Transportvehikel für die Darbietungen Fredas; und des Weiteren zu einem derjenigen Agententypen, die es zu keiner Sekunde schaffen, ihre unnötigen und überbordenden Gewalttätigkeiten hinter einer Maske aus Charme und Gewitztheit zu verstecken. Auf Gil Delamare, der nur ein Jahr später vorzeitig zu Tode kam, als Shaimoun trifft diese Beurteilung ebenso zu. Der Franzose Robert Manuel, bekannt aus Jules Dassins Heist-Klassiker RIFIFI (1955), hingegen weiß als überdrehter Antagonist Hartung zu unterhalten und die Damenwelt in Person von Jany Clair, Valeria Ciangottini oder Maria-Rosa Rodriguez wird natürlich mal wieder auf die billigen Plätze verbannt.
Es bleibt letztlich also weitgehend offen, wer an diesem Film seine Freude haben könnte: vornehmlich dürften es Freunde des europäischen Agentenkinos sein, die dieses Werk als erfrischende Abwechslung begreifen dürfen. Keineswegs gut, aber durchweg verschroben und ungewöhnlich, kredenzt der Film zwar quasi ausschließlich bekannte Elemente, bettet diese allerdings in derart unwirsche Strukturen, dass er eine ganze eigene Faszination erzeugt. Absicht und Unfähigkeit liegen hier so nahe beieinander wie selten sonst und machen diesen Teil des COPLAN-Universums tatsächlich zu einem leuchtenden Beispiel für signifikante Korrelationen zwischen verworrenen Hintergründen und verworrenen Filmproduktionen.

Erfahrene Eurospy-Freunde dürften mit diesem Werk wohl am ehesten ihre Freude haben, denn sie können die unfassbar unstrukturierte Inszenierung Fredas wohl am ehesten entschlüsseln. Aber selbst wenn das gelingt, so bleibt der vierte Spielfilmauftritt des französischen Agenten Coplan doch ein äußerst verschrobenes und wenig durchdachtes Stück Agentenfilmgeschichte. Puh!

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