VENUS MIT DEN 1000 GESICHTERN

Venus mit den 1000 Gesichtern
Qian Mian Mo Nu | Hongkong | 1969
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die junge Polizistin Chi Ying (Tina Chin Fei) hat einen harten Fall zu knacken, denn die mysteriöse Venus mit den 1000 Gesichtern (Pat Ting Hung) begeht in Hongkong nach Herzenslust Diebstahldelikte. Keiner weiß, wie die Kriminelle aussieht und als diese auch noch Chi Ying verschleppt und deren Gesicht kopiert, um fortan mit der Maske einer Polizistin zu stehlen, weiß nicht mal mehr Chis Freund und Reporter Yu Ta (Chen Liang), wer die echte Chi ist und wer die Schwerkriminelle.

Nicht erst in den 70er Jahren, als sich die Shaw Brothers einem immer größeren finanziellen Druck gegenübersahen, kamen Run Run und Runme Shaw auf die Idee, dass europäische Ideen doch eigentlich auch im heimischen Hongkong umzusetzen sein müssten. André Hunebelles FANTOMAS-Reihe hatte soeben das Kinopublikum verzaubert und seitdem ein gewisser JAMES BOND auf der Leinwand agierte, standen Geschichten um Superschurken und Helden, die sie zur Strecke bringen, ohnehin hoch im Kurs. Um dieses Konzept möglichst unvorbelastet umsetzen zu können engagierten die Shaws dann Cheng Chang Ho und ließen diesen somit sein Regiedebut vollführen.
Das Drehbuch verfasste der ansonsten nicht im Filmgewerbe tätige Autor Sung Chin, der sich dafür nach Herzenslust an Form und Inhalt der oben erwähnten Filmreihen bediente. Ein Überfall, eine Antagonisten-Höhle, eine ehrenwerte Protagonistin und jede Menge Gadgets und Tamtam bilden folglich das Grundgerüst dieser Geschichte. So richtig sinnvoll fällt das alles zwar nicht aus (tatsächlich reiht sich ein inhaltliches Loch an das nächste), aber wer erwartet das von einem Film diesen Genres auch?!

Venus: Wie findest du diesen Ort?
Chi Ying: Was ist Besonderes daran?
Venus: Das alles stammt aus Diebstählen und Betrügereien!

Stattdessen wird das Drehbuch zur Grundlage eines von Cheng Chang Ho flott inszenierten Thrillers, der mit schönen, bunten Aufnahmen Hongkongs und noch schöneren, bunteren Aufnahmen des unterirdischen Verstecks der Antagonistin glänzt. Dazu gibt es Massen einfallsreicher Kostüme, einen charmanten 60ies-Einrichtungsstil und schmissige Musik. Formal kann man dem Filmchen also wahrlich nichts vorwerfen, das Herz eines jeden Anhängers von derlei Design dürfte hier einige zusätzliche Schläge in der Minute einlegen.

Tina Chin Fei macht dabei als Polizistin Chi Ying eine durchaus geschickte Figur und überzeugt auch in den Actionsequenzen. Pat Ting Hung glänzt in der Doppelrolle als Journalistin und Titelgeberin, während die exponierteste Männerrolle mit Chen Liang eher unauffällig besetzt ist. Das dürfte zum einen dem Umstand geschuldet sein, dass die Knauserer aus dem Hause Shaw bei diesem unkonventionellen Film kein allzu großes finanzielles Risiko eingehen wollten (und deshalb keines ihrer bekanntesten Gesichter aus dem Hut zauberten), zum anderen aber auch der Tatsache, dass der Film seine weibliche Figuren ganz bewusst in den Mittelpunkt rückt.

Venus: Als ich erwachsen wurde, musste ich mich den Männern hingeben, um zu überleben. Und deshalb räche ich mich an ihnen!

Hier kämpft eine Frau gegen eine Frau. Die Helfer der Schurkin sind (überwiegend) Mädels und in den meisten übrigen Sprechrollen treten ebenfalls Damen auf. Die wenigen Herren, vornehmlich Gesetzeshüter, kommen meist nicht sehr gut davon und dienen überwiegend als bloße Statisten oder veralberte Sidekicks. Gerade weil der Film wie erwähnt eher ein Experiment darstellte, ist diese ebenfalls ungewöhnliche Konzeption umso erstaunlicher – und bemerkenswerter!
Das alles kaschiert zwar die nicht, dass der Film auf der inhaltlichen Ebene de facto nur aus bekannten Genreversatzstücken besteht, macht ihn aber was die Stimmung und den Unterhaltungswert anbelangt zu einem überaus gelungenen Werk. Endlich sind Frauen in einem 60er-Thriller mal mehr als schmückendes Beiwerk, endlich hauen sie mal richtig auf den Putz. Tolle Sache!

Das shaw’sche Experiment, nicht nur europäische Thriller-Elemente nach Hongkong zu holen, sondern diese auch noch von einem vornehmlich weiblichen Cast darbringen zu lassen, gelingt auf ganzer Linie und sorgt – ungeachtet der inhaltlichen Armut – für einen erstaunlich schmissigen Superschurkinnen-Reißer.

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