DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu liebe
Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb | Großbritannien | 1964
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Im kalten Krieg ist der Brigadegeneral Jack D. Ripper (Sterling Hayden) verrückt geworden: Er schickt eine mit Atomwaffen ausgestattete Bomberstaffel in Richtung UdSSR, in der Hoffnung, dass US-Präsident Merkin Muffley (Peter Sellers) sich diesem Unternehmen anschließt. Der wiederum versucht zusammen mit dem sowjetischen Botschafter De Sadesky (Peter Bull) und entgegen seines kriegstreibenden Generals Buck Turgidson (George C. Scott), die Bomber aufzuhalten. Und über dieser skurrilen Konstellation thront Dr. Seltsam (Peter Sellers), ein deutschstämmiger genial-verrückter Atomwissenschaftler.

Kurz nach der Veröffentlichung von LOLITA (1962) begann Stanley Kubrick damit, sich tief in die Materie Kalter Krieg hineinzuarbeiten. Als er die Thematik dann nach monatelanger Arbeit soweit durchdrungen hatte, dass ihm klar wurde, dass er dieser nur mit einer Satire würde beikommen können, schnappte er sich den Roman Bei Rot: Alarm! Der Roman des Drucktastenkriegs des britischen Autors Peter George und schrieb auf dessen Grundlage ein Drehbuch. Dabei ließ er sich zunächst von George begleiten, doch während der Arbeit wurde immer deutlicher, dass dieser trotz Kubricks Bemühungen zu realistisch und bodenständig dachte. Also wurde Terry Southern, der kurze Zeit später Kracher wie CINCINNATI KID (1965), BARBARELLA (1968) oder EASY RIDER (1969) mitschreiben sollte, engagiert. Dieser ging mit deutlich mehr Freigeist an den Stoff heran und ist so maßgeblich für die überzeichnet-satirische Form des Skripts verantwortlich.

Muffley: Aber meine Herren! Sie können doch hier nicht Krieg spielen, im Kriegsministerium!

Denn tatsächlich steckt in Kubricks siebtem Spielfilm so viel Humor wie in keinem zuvor. Jede Figur ist als Rollenbild angelegt und wird als solches gnadenlos überzeichnet. In allererster Linie trifft das auf Peter Sellers Figuren zu, dessen Mitwirken die Geldgeber von Columbia Pictures als Gegenleistung für die knapp zwei Millionen US-Dollar an Budget forderten. Denn die Studiobosse sahen in dem Komiker einen der maßgeblichen Faktoren für den Erfolg von LOLITA. Trat Sellers dort bereits in verschiedenen Kostümen auf, die seine Person undurchsichtig machten, werden ihm nun gleich drei unterschiedliche Rollen zuteil. Neben dem britischen Captain Mandrake, den man gern als die europäische Kriegsunlust lesen darf, sind es vor allem Präsident Merkin Muffley und natürlich Dr. Seltsam, die zu den herausragenden Charakteren des Films zählen. Muffleys wundervolle Hilfslosigkeit und Entrückung und Seltsams perfider Wahnsinn tragen maßgeblich zur völligen Überzeichnung des Films bei und sind Sinnbild für die verdrehten Persönlichkeiten, die nach Kubricks Denken die Geschicke der Welt bestimmen. Für Peter Sellers waren diese Rollen darüber hinaus eine sehr willkommene Möglichkeit, der Welt zu beweisen, dass er auch abseits von komödiantischen Engagements zu überzeugen vermochte.

Aber auch neben Sellers gibt es wundervolle Darsteller zu sehen. Sterling Hayden, der bereits in Kubricks gelungenem Heist-Movie DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (1956) die Hauptrolle gab, darf als Jack D. Ripper bewundernswerten Unfug reden und somit zum Inbegriff der US-amerikanischen Paranoia jener Tage werden. Seine alles erfüllende Angst vor dem Kommunismus treibt ihn letztlich dazu, „seine Säfte für sich zu behalten“ und die atomare Auseinandersetzung auszulösen. Daneben wirkt George C. Scotts Buck Turgidson zwar ungleich gemäßigter, doch auch der lässt keine Möglichkeit aus, den Krieg gegen „die Russkis“ zu fordern. Er verdächtigt dabei natürlich auch den russischen Botschafter De Sadesky (trefflich gespielt von Hollywood-Veteran Peter Bull), was sich natürlich auch als richtig erweisen soll. Tracy Reed darf als Turgidsons Sekretärin Miss Scott die einzige weibliche Rolle geben, was – ähnlich wie schon in WEGE ZUM RUHM (1957) – deutlich macht, dass Kubrick sich hier voll und ganz in einer von Männern dominierten Welt bewegt.
Deutlichstes maskulines Merkmal dieser Welt ist dann ihre sexuelle Aufladung, die allenthalben hervorbricht. Bereits der Vorspann zeigt eine höchst amouröse Lustbetankung und in der Folge wird höchst konzentriert in Playboys geschmökert, es werden mit Jack D. Ripper (phonetisch quasi-identisch mit dem Sexualmörder Jack the Ripper) oder Merkin Muffley (beide Begriffe beschreiben unter anderem den weiblichen Genitalbereich) eindeutig-zweideutige Namen verwendet oder natürlich mit Seltsams Idee der symmetrischen Fortpflanzung allzu eindeutige Vorschläge gemacht.

Turgidson: Ich wollte, wir hätten so ein Weltvernichtungsmaschinchen!

Dass insbesondere diese Idee, in einer Bunkeranlage, die vor der atomaren Verstrahlung schützt, sollen sich je zehn Frauen einem Manne widmen, so großen Anklang beim Generalstab findet, legt zudem überdeutlich frei, dass sämtliche anwesende Personen zu lernen unfähig sind. Anstatt ihre Fehler zu erkennen blicken sie frohgemut in die Zukunft, die reiche sexuelle Freuden verspricht. De Sadesky spioniert unmittelbar nach dem Bombenabwurf weiter (er knipst die Lagepläne im Kontrollzentrum) und selbst der Präsident hat sich scheinbar schon mit dem Leben in einer von Frauen überfluteten Höhle angefreundet. Da kann nur ein mit steifem rechtem Arm emporspringender Dr. Seltsam noch dafür sorgen, dass der Film sein verdient skurriles Ende bekommt. Ohnehin ist dessen Kontrollverlust über seinen Arm und das immer wieder hervorbrechende Grüßen seines Führers eine der interpretierbarsten und wundervollsten Szenen dieses an tollen Momenten wahrlich nicht armen Films. Da ist es glatt zu verschmerzen, dass es die legendäre Kuchenschlacht, die ursprünglich das Finale darstellen sollte, nicht in die finale Schnittfassung geschafft hat, da Kubrick sie letztlich doch für zu vordergründig hielt.

Und auch abseits dieser inhaltlichen Brillanz gelingt es Kubrick ein weiteres Mal auch auf formaler Ebene für Hochgenuss zu sorgen. Maßgeblich dafür verantwortlich ist Ken Adam, den Kubrick als Produktionsdesigner engagierte und der zuvor mit JAMES BOND 007 JAGT DR. NO (1962) gezeigt hatte, was ihn ihm steckt. Keiner Wunder also, dass vor allem die Kommandozentrale (das geistige Pendant zur Geheimbasis sämtlicher Superschurken) großartig umgesetzt wurde. Die dunkle Größe, der erleuchtende Lampenkranz, die übergroßen Weltkarten und die allgegenwärtige Unwirklichkeit dieses Raums sind zentrales Motiv des Films geworden. Aber auch die übrigen (wie gewohnt in ihrer Anzahl sehr limitierten) Sets werden von Kubrick und Gilbert Taylor, der 13 Jahre später auch den KRIEG DER STERNE fotografieren sollte, wundervoll eingefangen. Rippers Büro, das Innenleben der B-52 oder auch Turgidsons Bett sehen klasse aus und sorgen für einen optischen Genuss, der zudem von Laurie Johnsons Soundtrack und der Verwendung des US-amerikanischen Sezessionskriegsklassikers When Johnny Comes Marching Home abgerundet wird.

Ripper: Nicht, dass ich Frauen meide, Mandrake …
Mandrake: Nein.
Ripper: … aber ich gebe ihnen nicht meine Essenz!

War WEGE ZUM RUHM sieben Jahre zuvor noch der Versuch, die Ignoranz der politischen und militärischen Spitzen per ergreifendem Drama offenzulegen, so hat Kubrick 1964 frei nach Friedrich Dürrenmatt erkannt, dass nur noch die Komödie der Realität beikommen kann. Im Gegensatz zu den Schrecken des Ersten Weltkrieges kann man dem Wahnsinn des Kalten Kriegs nur noch mit einer Satire begegnen. Und Kubrick macht das so wahnsinnig gut, dass der Film auch heute noch nichts von seiner beeindruckenden Aussagekraft verloren hat. DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN ist nicht nur aufgrund seiner ikonischen Szenen (und so findet auch der Ritt auf der Bombe hier letztlich noch seine verdiente Erwähnung), sondern gerade aufgrund seiner genial-überzeichneten Offenlegung des Wahnsinns jener Tage ein zeitloser Klassiker.

Kubricks Kommentar zum Kalten Krieg ist nicht nur sein wohl mit Abstand humorvollster Film, sondern auch ein bis heute hochaktueller Kommentar auf die blanke Unvernunft und offenkundige Lernunfähigkeit militärischer und politischer Akteure. Nur ganz wenige Filme schaffen es, gleichzeitig so traurig und lustig zu sein wie Kubricks siebter Spielfilm.

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7 Antworten zu “DR. SELTSAM ODER: WIE ICH LERNTE, DIE BOMBE ZU LIEBEN

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