DIE VIPER

Die Viper
Roma a mano armata | Italien | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

In Rom ist das Verbrechen außer Kontrolle! An jeder Straßenecke kommt es zu Überfällen, Banken werden im Minutentakt ausgeraubt und niemand ist seiner Haut mehr sicher. Einzig Kommissar Ferro (Maurizio Merli) ist Herr der Lage und begegnet dem Verbrechen mit harter Hand. Als er allerdings auf den buckligen Obergauner Vincenzo Moretto (Tomas Milian) stößt, entwickelt sich ein rücksichtsloser Zweikampf …

Nachdem er sich in der ersten Hälfte der 70er Jahre vornehmlich im Bereich des Giallo herumtrieb, wechselte Umberto Lenzi ab 1973 das Fach und debütierte mit GANG WAR IN MILAN (1973) und DER BERSERKER (1974) im Bereich des Poliziesco, in welchem er sich dann die nächsten Jahre höchst umtriebig aufhalten sollte. Es folgten FLASH SOLO (1975), in dem Tomas Milian wie schon in DER BERSERKER eine zentrale Rolle innehatte, und CAMORRA – EIN BULLE RÄUMT AUF (1976), in welchem Maurizio Merli das Heft in die Hand nahm. Merli hatte ein Jahr zuvor in Marino Girolamis VERDAMMTE, HEILIGE STADT (1975) maßgeblich dazu beigetragen, dass das durch Stenos großartigen DAS SYNDIKAT (1972) begründete Genre sich ab der Mitte der 70er Jahre zunehmend zu einem vordergründigen Action-Spektakel mit teils fragwürdigen gesellschaftlichen Aussagen entwickelte. DIE VIPER stellt da zwar keine Ausnahme dar, verhält sich im Vergleich zu dem arg reaktionären VERDAMMTE, HEILIGE STADT aber um einiges geschickter.
Denn Lenzis Skript, welches er zusammen mit Fachmann Dardano Sarcchetti schrieb, kopiert Girolamis Werk zwar bezüglich des Inhalts allerweitestgehend, behält es sich aber dann an den wichtigen Stellen vor, diesem nicht gänzlich in die Reflexionslosigkeit zu folgen. Trotzdem fallen auch die Abenteuer des Kommissar Ferro sehr episodisch aus, was auch hier vornehmlich dazu dient, diesen schrittweise zu charakterisieren. So folgt der Zuschauer Ferro bei der Klärung diverser kleinerer Delikte, die sehr schnell sehr klar werden lassen, dass der Commissario jedweder Form von Kriminalität mit einem Maximum an Gewalt und Rücksichtslosigkeit begegnet. Selbst minderjährige Taschendiebe sind vor seinem Zorn nicht sicher, ältere Zeitgenossen bekommen grundsätzlich erst einmal Ferros Faust zu schmecken, bevor ihnen die erste Frage gestellt wird.

Typ: Die hat sich vor Angst in den Schlüpfer geschissen, die Hure!

Anstatt diese Darbietungen aber wie Girolami ein Jahr zuvor unkommentiert stehen zu lassen (und somit der Identifikation seitens der Zuschauer mit dem fiesen Bullen Vorschub zu leisten), nutzt Lenzi diverse Nebenrollen dazu, die Handlungen Ferro kritisch zu kommentieren. Ferro bewegt sich in einer Gesellschaft, die sein Tun nicht einfach hinnimmt, sondern ihm seine Fehler vor Augen führt. Dabei näherte sich Lenzi zwar zu keinem Zeitpunkt der gesellschaftlich-politischen Tiefe eines DAS SYNDIKAT an, positioniert sich aber immerhin zwischen den Stühlen Freiheit und Sicherheit – und das auch mittels seines kongenialen Antagonisten.

Denn der vom Regista gern besetzte Tomas Milian darf hier als buckliger Widerling Moretto nach Herzenslust Bosheit feilbieten und Maurizio Merlis Ferro so einen Widersacher stellen, den auch der Zuschauer nur allzu gern besiegt sehen möchte. Schmierig und rücksichtslos wird Milian (im echten Leben Anhänger linker Ideale) zum tollen Kontrast gegenüber Merlis (im echten Leben Anhänger konservativer Ideen) gerecht-reaktionären Ferro. Dazwischen geht Kannibalenfilm-Ikone Ivan Rassimov als Drogendealer Tony Parenzo fast schon etwas unter und auch Maria Rosaria Omaggio kann als Ferros Freundin Anna kaum punkten. Letzteres ist sehr schade, da Omaggio in ihrer Funktion als Sozialarbeiterin durchaus inhaltliches Potenzial gehabt hätte. Mit US-Amerikaner Arthur Kennedy, der in jenen Jahren in Italien weilte, und Mimen wie Giampiero Albertini, Aldo Barberito oder Luciano Catenacci gibt es dann noch diverse bekannte Genre-Gesichter zu sehen, die jedoch allesamt höflich hinter dem zentralen Duo Merli/Milian zurückstehen.

Caputo: Bist du versetzt worden? Bist du raus aus dem Büro? Oder muss die Viper ihren Giftzahn mal wieder testen?

Zusammen mit seinem häufig engagierten Kameramann Federico Zanni fast Lenzi diesen Inhalt dann in ein sehr abwechslungsreiches Gewand aus Verfolgungsjagden, Prügelszenen und Dialogen, das zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Dabei nutzen die beiden Rom als wundervoll umtriebigen Hintergrund und machen schon in der Eröffnung ihr Vorhaben deutlich, den Zuschauer für die folgende Spielzeit tief in diesen grauen und unübersichtlichen Moloch hineinzureißen. Franco Micalizzi, der vor allem durch seinen Soundtrack zu DIE RECHTE UND DIE LINKE HAND DES TEUFELS (1970) Berühmtheit erlangte, unterlegt dieses Treiben mit einem netten Score und so wird DIE VIPER letztlich zu einer Blaupause für jene action-orientierte Ausprägung des Poliziesco, die ab der Mitte der 70er Jahre massenweise produziert werden sollte; und das auch weiterhin von Umberto Lenzi, der diesem Film – neben diversen anderen Werken im Genre – 1977 in Form von DIE GEWALT BIN ICH und 1978 mit DIE KRÖTE noch zwei Quasifortsetzungen spendieren sollte.

Vordergründig, aber keineswegs dümmlich, formuliert Lenzi hier eine Blaupause für die ab dieser Zeit deutlich action-lastiger ausfallende Welle an Polizieschi. Zwar bleibt der gesellschaftlich-politische Kommentar dabei weit hinter den Begründern des Genres zurück, dafür gibt es schmissige und toll inszenierte Nonstop-Action mit einem tollen Duell zwischen Milian und Merli.

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Eine Antwort zu “DIE VIPER

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