UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

Unheimliche Begegnung der dritten Art
Close Encounters of the Third Kind | USA | 1977
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Als Roy Neary (Richard Dreyfuss) des Nachts zufällig ein außerirdisches Flugobjekt beobachtet, ändert sich sein Leben schlagartig. Von merkwürdigen Ahnungen heimgesucht, wird er schließlich von seiner Frau Ronnie (Teri Garr) verlassen und ihren gemeinsamen Kindern verlassen. Zusammen mit Jillian Guiler (Melinda Dillon), deren Sohne Barry (Cary Guffey) von den Besuchern entführt wurde, macht sich Roy alsdann daran, die Außerirdischen zu treffen. Doch verschiedene Regierungsorganisationen unter Leitung von Claude Lacombe (François Truffaut) haben den vermeintlichen Landungsplatz am Devils Tower in Wyoming bereits abgeriegelt …

Seit der US-amerikanische Regisseur Steven Spielberg vom seinem Vater in frühester Kindheit des Nachts auf ein Feld geschleppt wurde, wo er dann zusammen mit anderen Schaulustigen Zeuge eines Meteoritenhagels werden durfte, war er vom Nachthimmel und all den ihm innewohnenden Geheimnissen fasziniert. Bevor er dieser Obsession aber mittels eines Spielfilms gerecht werden konnte, musste er zunächst diverse universitäre Kurzfilme und TV-Serien-Arbeiten auf sich nehmen, bevor er dann mit SUGARLAND EXPRESS (1974) einen ersten Coup landen und schließlich mit DER WEIßE HAI (1975) seinen großen Durchbruch feiern konnte. Letzter brachte ihm dabei so viel Renommee und Vertrauensvorschuss ein, dass es nun endlich an der Zeit war, einen Film nach seinem ureigensten Interesse zu machen. Und welches Thema dieses Werk zum Inhalt haben sollte, stand dabei nie zur Disposition.

Roy: Wie alt bist du?
Brad: Acht.
Roy: Möchtest du neun werden?
Brad: Ja.
Roy: Dann wirst du dir morgen Abend Pinocchio ansehen!

Als Produzenten konnte Spielberg das Ehepaar Julia und Michael Phillips gewinnen, welches zuvor George Roy Hills DER CLOU (1973) und Martin Scorseses TAXI DRIVER (1976) produziert hatte. Die beiden leierten Columbia Pictures dann knappe 20 Millionen US-Dollar aus der Hüfte und machten so den Weg frei für eine ungezwungene Drehbucharbeit seitens Spielbergs. Zwar waren auch einige weitere Personen am Skript beteiligt, darunter auch Hal Barwood, der als Kopf von LucasGames einige der Adventure-Klassiker schlechthin auf den PC-Spielemarkt warf, aber es steht völlig außer Frage, dass es Spielbergs Drehbuch ist, das hier zur Basis eines höchst ungewöhnlichen Science-Fiction-Filmchens wurde.

Denn grundsätzlich steht das Werk in der Folge der in den 50er Jahren so beliebten Science-Fiction-Paranoia-Kost, die das Ost-West-Weltbild jener Tage zur Grundlage hatte (nicht von ungefähr lautete der Arbeitstitel der Films Watch the Skies, was den Schlusssatz aus Christian Nybys Klassiker DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1951) darstellt). So spielt Spielbergs Film dann auch in jener Zeit und lässt sich mit der unerklärlichen Sichtung mysteriöser Flugobjekt zunächst auch ganz ähnlich an. Doch mit zunehmender Spielzeit wird immer klarer, dass die außerirdischen Besucher hier mitnichten Aggressoren sind, sondern viel mehr friedfertige (von den ungefragten Entführungen mal abgesehen) Gäste. Überaus geschickt nutzt Spielberg diese Ausrichtung aber auch nicht dazu, um seinem Film ins platte und vorhersehbare Gegenteil kippen zu lassen, indem die Menschen dann allzu aggressiv auftreten, sondern es herrscht vielmehr Harmonie und Zufriedenheit.

Roy: Entschuldigen Sie, Sir. Also ich wollte es nicht sehen!
Regierungssprecher: Und ich wünschte, ich hätte es gesehen!

Diese positive Grundstimmung wird nur durch das halbherzige Eingreifen des Militärs unterbrochen, welches jedoch auch nicht mit letzter Konsequenz vorgeht und so auch nur sehr bedingt Gefahr ausstrahlt. Einzig im Mittelteil kommt es zu einer 20-minütigen Sequenz, in der der Film seinen Zuschauer noch einmal auf die Falsche Fährte zu locken sucht. Wenn Jillians Sohn Barry im Glanze der UFOS entschwindet und Roys zunehmender Wahn seine Kinder erst zum Weinen und seine Frau dann zum Packen bringt, entwickelt der Film plötzlich eine ungeahnte Fallhöhe, die Spielberg dann jedoch wieder geschickt zurück- bzw. dem toll gestalteten Finale entgegenschraubt. Waren außerirdische Wesen in den Jahren zuvor nur allzu oft eine platte Parabel für den Kommunismus, gegen den über-amerikanische Heroen die Freiheit verteidigen mussten, liefert uns der gute Steven hier ein Bild, in dem sich beiden Seiten/Ansichten/Ideologien die Hand reichen und friedlich miteinander verkehren. Jimmy Carter, der 1977 gerade seine Präsidentschaft angetreten hatte, wird’s gefreut haben.

Ebenfalls von sehr positiven Gefühlen erfüllt dürfte Douglas Trumbull gewesen sein, der für seine Spezialeffekte zwar keinen Oscar einheimsen konnte (sein Kumpel John Dykstra nahm diesen für seine Arbeit an George Lucas‘ KRIEG DER STERNE (1977) entgegen), der hier aber trotzdem bahnbrechende und überaus stimmige Arbeiten ablieferte. Trumbull hatte bereits bei Stanley Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) geübt und danach mit seiner eigenen Regiearbeit LAUTLOS IM WELTRAUM (1972) überzeugt, bevor er nun für Spielberg eine weitere fantastische Arbeit leisten sollte. Zusammen mit Kameramann Vilmos Zsigmond, der seinerseits einen Academy Award erhielt, entstanden so Szenen, die das Thema mit dem nötigen Ernst und der nötigen Imposanz darstellen. Das mächtige Flugobjekt am Ende, aber auch die zahlreichen kleinere Trickeffekte tragen so maßgeblich zur tollen Stimmung des Films bei.

Jillian: Sie … haben ihn mitgenommen!

Gleiches muss man von Richard Dreyfuss sagen, der hier als besessener Roy Neary eine wahre Glanzleistung abliefert. Dreyfuss hatte zwei Jahre zuvor schon in Spielbergs DER WEißE HAI mitgespielt und 1973 bei dessen Kollegen George Lucas in AMERICAN GRAFFITI die Hauptrolle gegeben. Als seine Frau Ronnie gibt Teri Garr ihr Bestes, bleibt jedoch im Vergleich zu Melinda Dillion als Jillian recht blass. Deren Sohn Barry wird übrigens von fünfjährigen Cary Guffy gespielt, dem zwar keine große Karriere beschieden sein sollte, der aber dafür an der Seite von Bud Spencer in DER GROßE MIT SEINEM AUßERIRDISCHEN KLEINEN (1979) und BUDDY HAUT DEN LUKAS (1980) auftreten durfte. Bemerkenswert ist darüber hinaus sicherlich noch die Besetzung der französischen Regie-Legende François Truffaut als Mastermind Claude Lacombe.
Begleitet von John Williams berühmten Score spielte der Film dann weltweit rund 300 Millionen US-Dollar ein und auch die Kritiker waren ihm in einem langsam auftauenden weltpolitischen Klima durchaus wohlgesonnen. Und auch wenn Spielberg fünf Jahre später mit E.T. – DER AUßERIRDISCHE (1982) seinen wohl berühmtesten Film über Besucher aus anderen Welten abliefern sollte, so bleibt UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART doch einer der erstaunlichsten: mit welcher Unverhohlenheit er hier einen Film drehte, der eigentlich nur von Harmonie und Friedfertigkeit handelt, das ist schon mehr als nur anerkennenswert.

Der Clou von Spielbergs erster Annäherung an die Thematik außerirdischer Besucher ist vor allem in seiner ausgesprochenen Friedfertigkeit zu finden: Weder die Aliens noch die Menschen verursachen Ärger, eigentlich haben sich alle lieb. Ein beeindruckendes Statement in einem Genre, welches bis dato meist von Ängsten und Vorurteilen lebte. Hut ab!

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5 Antworten zu “UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

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