MARRAKESCH

Marrakesch
Our Man in Marrakesh | Großbritannien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Gerade in Marrakesch angekommen findet der Architekt Andrew Jessel (Tony Randall) eine Leiche in seinem Schrank. Noch ehe er diesen Schock verdaut hat, stürmt die undurchsichtige Kyra Stanovy (Senta Berger) in sein Zimmer und tischt ihm eine tolldreiste Geschichte auf. Doch Andrew verfällt Kyras Charme und gerät so in eine höchst undurchsichtige Affäre, die ihn schon bald auf die Abschussliste des Gangsters Mr. Casimir (Herbert Lom) und dessen Handlangers Jonquil (Klaus Kinski) bringt.

Der britische Regisseur Don Sharp und sein produzierender Landsmann Harry Alan Towers hatten gerade zusammen ICH, DR. FU MAN CHU (1965) veröffentlicht und bereiteten sich gerade auf die Fortsetzung DIE 13 SKLAVINNEN DES DR. FU MAN CHU (1966) vor, als ihnen einfiel, dass Marokko doch eigentlich ein ganz nettes Land für einen Sommeraufenthalt wäre. Und da ein Brite namens JAMES BOND den kinoliebenden Menschen gerade zeigte, dass humorvolle Abenteuer in fernen Landen einiges an Unterhaltungspotenzial bergen, beauftragte Towers kurzerhand seinen Stammautoren Peter Yeldham mit der Anfertigung eines passenden Drehbuchs. Yeldham hatte bereits zusammen mit Towers die Bücher zu dessen Produktionen DIE VERDAMMTEN DER BLAUEN BERGE (1964), GEHEIMNIS IM BLAUEN SCHLOß (1965) oder BLONDE FRACHT FÜR SANSIBAR (1965) geschrieben und war deshalb genauestens über dessen Pläne und Wünsche im Bilde.
Folglich verquickt MARRAKESCH die grundlegenden Elemente des Agentenfilms (auch ohne einen Agenten in der Hauptrolle aufzubieten) mit einer gehörigen Portion Komödie und sorgt so für leichtfüßige Krimi-Komik. Tatsächlich fallen die komödiantischen Anteile dabei auffällig groß aus, sind die Charaktere doch meist nicht um überdeutliche Situationskomik und Sprücheklopferei verlegen. Teilweise kommentieren sie sogar ihre eigenen Handlungen auf einer Metaebene und machen den Film so beinahe zu einer Parodie des Genres. Letztlich bleibt aber alles im Rahmen und das Werk übertritt (fast) nie die Grenze zur sinnentleerten Blödelei.

Mr. Casimir: Ich beschäftige Sie, weil Sie erfreulicherweise ein paar unerfreuliche Eigenschaften haben.

Stattdessen begreift es sich eher als Ensemblestück, fährt es doch eine für den grundsätzlichen Knauserer Towers äußerst beeindruckende Besetzung auf. Das US-amerikanische Comedy-Talent Tony Randall bekleidet als Andrew Jessel die Hauptrolle und seinem Naturell folgend darf Randall hier gehörig mit seinem Gesicht arbeiten. Grimassierend zieht er durch den Film und wird dabei von Senta Berger begleitet, die hier mit einer Menge Charme die verführerische Quasselstrippe Kyra gibt. Diesen beiden zuwider arbeiten Herbert Lom, der ein Jahr zuvor in Géza von Radványis ONKEL TOMS HÜTTE (1965) mit von der Partie war, als Marrakeschs Unterwelt-Oberhaupt Mr. Casimir und Klaus Kinski, der kurz zuvor seine renommierten Nebenrollen in DOKTOR SCHIWAGO (1965) und FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) absolviert hatte, als Jonquil. Zusammen mit dem britischen Schauspielstar Wilfrid Hyde-White und dem ebenfalls britischen Komiker Terry-Thomas, der im gleichen Jahr einen begnadeten Auftritt als Butler im Ausnahme-Agentenstreifen UNSER MANN IN RIO (1966) hinlegte, entsteht so eine ausnehmend tolle Besetzung, die so manchen Hänger in der Storyline vergessen macht.

Denn tatsächlich funktioniert die Geschichte um Verwechslungen und Betrügereien nicht immer einwandfrei. Zu sehr konzentriert sich der Film stattdessen auf seine Späße, zu oft leiden darunter Stringenz und Spannung. Dafür zeigen Don Sharp und Kameramann Michael Reed, der neben Tenrence Fishers Hammer-Klassiker BLUT FÜR DRACULA (1966) drei Jahre später auch Peter R. Hunts IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT (1969) fotografieren sollte, viel Gespür, was die Inszenierung der marokkanischen Hauptstadt und ihres Umlands anbelangt. Ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht versprüht der Film massig arabisches Flair, wenn die Protagonisten durch enge Gassen und über staubige Wüstenstraßen hetzen. Zusammen mit einem tollen Score aus der Feder Malcolm Lockyers, der ebenfalls schon das eine oder andere Stückchen für Towers geschrieben hatte, gibt es an den Formalia des Streifens wahrlich nichts zu meckern.

Mr. Casimir: Heute Nacht werde ich hoffentlich die drei schönsten Worte unserer Sprache hören.
Samia: Ich liebe dich.
Mr. Casimir: Nein: Zwei Millionen Dollar!

In einem Jahrzehnt, in dem hochwertige ebenso wie preisgünstige, lustige ebenso wie ernste und bahnbrechende ebenso wie platt kopierende Agentennummern nur so aus dem Boden schossen, reicht all das freilich nur für einen Platz im Mittelfeld. Es fehlt einfach an einer spannenden Geschichte und dem letzten bisschen Innovation und Eigenständigkeit. Nichtsdestotrotz kann MARRAKESCH als Komödie überwiegend unterhalten und sich nicht zuletzt aufgrund der Top-Besetzung und der eskapistischen Qualitäten ein gemütliches Plätzchen im Mittelfeld der 60er-Krimi-Komödien sichern.

Sharps Mixtur aus Komödie und Krimielementen krankt zwar an einer mauen Story, der Spannung und Stringenz immer mal wieder abgehen, kann dafür aber mit einem tollen Setting und einem außerordentlichen Cast beeindrucken. Das reicht zwar trotzdem nur für einen Mittelfeldplatz, aber auch ein solcher kann ja mitunter für gelungene Unterhaltung sorgen.

Eine Antwort zu “MARRAKESCH

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