ALPHABET CITY

Alphabet City
Alphabet City | USA | 1984
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Johnny (Vincent Spano) ist der Chef in Alphabet City, einem Teil des East Village in Manhattan, und treibt dort die Kohle für die Unterweltgröße Gino (Raymond Serra) ein. Als Johnny jedoch eines Tages das Haus anzünden soll, in dem seine Mutter (Zohra Lampert) und seine Schwester Sophia (Jami Gertz) leben, eskaliert die Situation und schnell wird es auch für Johnnys Frau Angie (Kate Vernon) und ihr gemeinsames Baby gefährlich …

Nachdem er mit THE BLANK GENERATION (1976) eine der ersten relevanten Dokumentationen über die Punk-Kultur gefertigte hatte, lieferte der US-Amerikaner Amos Poe mit Filmen wie UNMADE BEDS (1976), DER FREMDE (1978) oder SUBWAY RIDERS (1981) verschiedene Liebeserklärungen an den Big Apple ab. Dabei standen wahrlich nicht immer die Storylines im Vordergrund, denn sämtliche dieser in New York gedrehten Filme nutzten die zu dieser Zeit von Kriminalität und Armut beherrschte Metropole nicht nur als bloßen Hintergrund, sondern als Charakter, als Figur. Und auch ALPHABET CITY, dessen Drehbuch Poe unter Mithilfe von Gregory K. Heller schuf, macht New York wieder zu einem eigenen Wesen – und nutzt dazu die aus dem Punk entstandene New Wave-Culture als optischen und formalen Rahmen.
Dementsprechend ist die Handlung auch ebenso schnell erklärt wie beendet. Die Geschichte um den Kriminellen Johnny, der sich als grundlegend netter Bursche immer weiter in Machenschaften verstrickt, die ihn schließlich böse werden lassen, ist weder originell, noch sonderlich einfallsreich gezeichnet. Ganz im Gegenteil nimmt Poe sich die Freiheit, die Geschichte mit teils riesigen Logiklöchern und Sprüngen darzubieten und dem es dem Zuschauer zu überlassen, die Einzelteile irgendwie zusammenzusetzen. Dabei kann freilich nicht viel herumkommen, bietet der Streifen doch eigentlich nur Fragmente einer zusammenhängenden Geschichte an. Hinter- und Beweggründe, ebenso wie der größere Zusammenhang, bleiben im dichten Nebel.

Gino: Du kleiner Mistkerl! Ich hab dir bisher immer deinen Arsch gerettet, aber davon kriegt man jetzt klebrige Finger, das gefällt mir nicht mehr.

Dafür wird dann aber genau dieser Nebel zu einem zentralen Element des Films. Und es handelt sich nicht etwa um schlichten New Yorker Nachtnebel – der Film bedarf über seine gesamte Spielzeit hinweg keines einzigen Sonnenstrahls –, sondern um den neongefärbten Nebel der New Wave-Kultur. Inmitten diese Dunsts inszeniert Poe eine Hatz, die Johnny immer schneller durch die endlose Nacht treibt. Wohin er gerade läuft, warum er das tut und was dabei letztlich rumkommen soll, bleibt ihm dichten Qualm verborgen, dafür strahlt der Protagonist darin umso heller. Schon die Exposition, in der der Zuschauer jedes Detail von Johnnys Outfit genauestens unter die Lupe nehmen darf, macht klar, dass hier Design und Form im Mittelpunkt stehen.

Untermauert von einem von Erfolgs-Produzent Nile Rodgers geschaffenen Soundtrack, der sowohl die Disco-Sequenzen, als auch die Action- und Dialogparts trefflich unterlegt, hangelt sich der Film dann zwar durch manche Länge – vor allem der Mittelteil mit der Auseinandersetzung zwischen Johnny und Angie fällt hier negativ auf – bleibt aber allenthalben auf Kurs. Und wer sich zu diesem Zeitpunkt noch über fehlende Handlung oder reißbrettartige Charakterzeichnung beschwert, dessen Stimmgabel hat der Film ohnehin nicht getroffen; alle anderen schwingen dann nämlich schon lange in einem berauschenden Takt mit der New Yorker Nacht und den durch sie wuselnden Gestalten.

Angie: Du kommst hier einfach so reinmarschiert, in unser Zuhause, und schleppst den ganzen Shit aus der Gosse mit rein!

Dazu gehört hier vor allem Vincent Spano, der als Johnny die uneingeschränkte Mitte der Schauspielerschaft bildet. Ein Jahr zuvor noch in Francis Ford Coppolas RUMBLE FISH mit von der Partie gewesen, geht Spano in der Rolle des einzelgängerischen Nachtschwärmers voll auf. Er zieht den Zuschauer sofort mit in seine Welt und lässt ihn von dort nicht wieder ziehen. Aber wer will auch weg aus einer Welt, in der Breakdancer vor Clubs rumhampeln und Michael Winslow, der im gleichen Jahr als Geräusch-begabter Larvell Jones in der POLICE ACADEMY-Reihe zu Ruhm gelangen sollte, an einer brennenden Mülltonne rumpöbelt. Als heroinabhängiger Sidekick darf Winslow sogar das Finale regeln und somit auch Kate Vernon retten, die hier Johnnys bessere Hälfte Angie gibt. Mit Raymond Serra gibt es letztlich noch ein bekanntes Gesicht des US-amerikanischen TV-Rummels zu sehen, der hier den stereotyp schmierigen Gangsterboss Gino mimen darf.
Poe inszeniert gekonnt und mit viel blendendem Licht und sorgt so für einen Film, der seinen Zuschauer entweder packt oder eben nicht. ALPHABET CITY lässt seinem Zuschauer kaum die Chance, ihm neutral gegenüberzustehen, viel mehr wird man als Rezipient gezwungen, dem Streifen atemlos zu folgen oder ihn gähnend zu durchstehen. Und jeder, der zu ersterem in der Lage ist, wird einen rauschhaften Trip durch die New Yorker Nacht erleben – in Neonlicht und Straßennebel!

Ein Film, der nicht an den Kopf, sondern an das Herz appelliert. Wer trotzdem versucht, sich dem Film mit dem Hirn zu nähern, der wird scheitern, wer sich aber mit dem Herz drauf einlässt, den erwartet ein furioser New Wave-Trip.

Eine Antwort zu “ALPHABET CITY

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