LEBEN UND STERBEN LASSEN

Leben und sterben lassen
Live and Let Die | Großbritannien | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem diverse britische Agenten in New Orleans, New York und auf der Karibikinsel San Monique getötet wurden, wird James Bond (Roger Moore) mit der Lösung des Falls beauftragt. Schon bald kommt er dabei dem Fiesling Kananga (Yaphet Kotto) auf die Schliche, der mit einer geheimen Mohnplantage Massen an Heroin für den amerikanischen Markt herzustellen gedenkt. Hilfe erhält er dabei von seiner Wahrsagerin Solitaire (Jane Seymour), die Bond jedoch schon bald auf seine Seite holt …

Alles Bitten und Betteln sollte nichts helfen: nach seiner Rückkehr in DIAMANTENFIEBER (1971) sagte Sean Connery der JAMES BOND-Reihe für immer auf Wiedersehen. Da der Streifen jedoch trotz seiner deutlich alberneren Note ein großer Erfolg gewesen ist, stand es für Harry Saltzman (der den Bärenanteil des Produzentenjobs bei diesem Werk übernehmen sollte) und Albert R. Broccoli allerdings außer Frage, dass die Serie fortgesetzt werden müsse. Ihre Eon Productions machte sich in Zusammenarbeit mit dem langjährigen Vertrieb der Reihe, United Artists, also auf die lange aufreibende Suche nach einem Connery-Nachfolger. Während UA US-Amerikaner wie Burt Reynolds, Robert Redford oder Paul Newman präferierte, wollte Eon die britische Herkunft des Hauptdarstellers beibehalten. Und tatsächlich sollte mit Roger Moore, der bereits bei der Vorproduktion zu JAMES BOND 007 JAGT DR. NO (1962) in der engeren Auswahl war, ein geborener Londoner die Nachfolge des Schotten Sean Connery (und des Australiers George Lazenby) antreten.
Und somit stand der Autor Tom Mankiewicz, der bereits bei der Überarbeitung des Skripts zu DIAMANTENFIEBER erste Franchise-Erfahrungen sammeln konnte, vor der nicht ganz einfachen Aufgabe, den neuen Darsteller elegant in die seit sieben Film konstituierte Welt einzuführen. Und da sich alle Beteiligten einig darin waren, dass ein bloßer Abklatsch wenig Erfolg verspräche, ersann man für Roger Moore eine neue Ausrichtung des berühmten Geheimagenten; und damit zwangsläufig auch der gesamten Filmreihe. Denn während sich selbige während der 60er Jahre zu einer Institution entwickelte, sorgten unzählige Epigonen und Nachahmer aus Europa dafür, dass es an Parodien und Dekonstruktionen des Genre nicht mangelte. Da wirkt die Bemerkung von M, die Italiener wären von Bonds Arbeit in Rom sehr beeindruckt gewesen, schon fast wie ein Augenzwinkern auf der Metaebene.

Mr. Big: Namen sind was für Grabsteine, Baby.

Und tatsächlich scheinen sich Mankiewicz und Regisseur Guy Hamilton, der nach GOLDFINGER (1964) und DIAMANTENFIEBER (1971) hier seine dritte Arbeit abliefert, dafür entschieden zu haben, den Neustart der Reihe sehr viel augenzwinkernder und humorvoller zu gestalten, als das noch ein paar Jahre zuvor der Fall war. Moores Bond steht den Geschehnissen gerade übermächtig gegenüber und kommentiert die Ereignisse noch deutlich distanzierter als seiner Zeit Connery. Nichts kann ihm etwas anhaben und selbst in der wildesten Explosion zündet er sich seelenruhig eine Zigarre an. Dazu kommt, neben der Distanzierung von altbekannten Trinkgewohnheiten, noch eine deutlich Häufung an Gags und Albernheiten, was die Entwicklung des Jahren 1971 konsequent fortzuführen scheint.

Mit dieser Neuausrichtung geht allerdings auch der Verlust einer stringenten Handlung einher. Wirkt die Story um einen Drogenhändler, der zwei Tonnen Heroin zu verschenken gedenkt, im Vergleich zu den weltbedrohenden Antagonisten der vorherigen Teile ohnehin schon sehr bodenständig, wird sie zusätzlich durch einen kaum vorhandenen Spannungsbogen gehemmt. Bond jagt Kananga aus weitgehend unbekannten Ursachen und auch wenn dann – sehr spät – das Motiv des Drogenschmuggels enthüllt wird, bleibt es doch eine völlige Randnotiz. Kananga wird gejagt, weil James halt jemanden jagen muss, und nicht, weil er tatsächlich etwas übermäßig Bedrohliches tut.

Rosie: Es ist da unten.
James: Aber hast du nicht gesagt, dass sie Banes dort oben auf den Hügeln ermordet haben?
Rosie: Oben auf den Hügeln da unten

Während diese inhaltliche Armut dem Film vor allem in der zweiten Hälfte einige Längen beibringt, reißt das grandiose Setting dafür vieles wieder raus. Deutlich von der durch SHAFT (1971) und SWEET SWEETBACKS LIED (1971) losgetretenen Blaxploitation-Welle beeinflusst, präsentiert der Streifen New Orleans plus Umgebung, das Harlem der 70er und sogar einige Voodoo-Elemente. Das sorgt für Afrofrisuren an allen Ecken, schmissige Musik, coole Nachclubs und obercoole Gangster-Antagonisten. Im Vergleich zum britischen Gentleman-Charme Bonds entsteht so ein toller Kontrast, der die Neuausrichtung ebenfalls trefflich wiederspiegelt. Dass dann noch Beatles-Manager George Martin (der etatmäßige Komponist John Barry war gerade nicht abkömmlich) einen Soundtrack schrieb, der von Paul und Linda McCartney legendär interpretiert wurde, rundet den tollen Stil des Films perfekt ab.
Dazu gibt es dann noch eine Reihe netter Effekte und Gadgets. Obwohl Desmond Llewelyn den Job des Q dieses Mal nicht übernehmen konnte, darf Bond doch ein paar nette Gimmicks, allen voran die magnetische Uhr, ins Feld führen. Ansonsten gibt es einen Gleitflieger und diverse andere Vehikel zu sehen und vor allem die nächtlichen Sequenzen auf einem Friedhof mit Voodoo-Baron Samedi sehen ganz prächtig aus. Die Untergrundbasis von Kananga bekommt leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit, dafür darf sich das Auge an den zahlreichen Geheimtüren in den schmierigen Nachtclubs von Harlem erfreuen.

Neben Roger Moore gibt Yaphet Kotto dann einen relativ blassen Antagonisten. Wie erwähnt kann er nicht nur nicht mit den legendären Bösewichten der Reihe mithalten, es fehlt ihm auch schlicht an Hinter- und Beweggründen. So ist es einzig die schmissige Gangster-Attitüde, mit der Kotto die Rolle darbringt, die ihn den Kopf knapp über Wasser halten lässt. Die junge Britin Jane Seymour gibt hier im Alter von 20 Jahren ein ordentliches Bondgirl Solitaire ab, welches durch ein Ereignis beinahe übermäßig selbstreferenzielle Qualitäten erhält: wenn Solitaire durch den per Trick herbeigeführten Beischlaf mit Bond ihre Fähigkeiten einbüßt, dann charakterisiert das sowohl die Hauptfigur der Reihe als auch dessen Umgang mit Frauen auf überdeutliche Art und Weise.

Agent: Wessen Begräbnis ist das?
Typ: Deins!

Clifton James gibt als rüpeliger Dorfbulle das platte Gegengewicht zur ansonsten vornehmlich schwarzen Darstellerschaft und mit Julius Harris gibt es einen tollen Antagonisten-Gehilfen zu sehen. Harris hatte bereits in der SHAFT-Fortsetzung LIEBESGRÜßE AUS PISTOLEN (1972) und im Blaxploitation-Reißer DER PATE VON HARLEM (1973) Renommee eingeheimst und überzeugt hier als grinsender Irrer mit Metallarm ohne Vorbehalte. Geoffrey Holder gibt einer verstörenden Baron Samedi und Gloria Hendry, ebenfalls in exponierter Rolle in DER PATE VON HARLEM zu sehen, überzeugt als kurzzeitige Bond-Begleitung Rosie. Mit Bernhard Lee als M und Lois Maxwell als Moneypenny gibt es dann auch ein paar altbekannte Gesichter, während Bonds CIA-Kollege Felix Leiter mit David Hedison bereits seinen fünften Darsteller erhält.
Die Zuschauer nahmen die Neuausrichtung indes gut an und sorgten für einen gehörigen Erfolg an den Kinokassen. Nicht inflationsbereinigt wurde LEBEN UND STERBEN LASSEN zum bislang erfolgreichsten JAMES BOND-Film, auch wenn die Resonanz seitens der zeitgenössischen Kritik eher verhalten war. Mit gehörigem zeitlichem Abstand lässt sich der Streifen aber schlicht als mit einem tollen Setting versehener Neubeginn einordnen, der die humorigen Entwicklungen des Vorgängers DIAMANTENFIEBER aufgreift und mit einem neuen, eigenständigen Hauptdarsteller und neuer Ausrichtung die nächsten Jahre vorherbestimmen sollte.

Roger Moores Debut zeigt von der ersten Minute an, wohin die Reise in den nächsten Jahren gehen wird. Inhaltlich bleibt dabei zwar vieles auf der Strecke, dafür gibt es aber ein tolles Setting und angenehm unkomplizierte Agenten-Unterhaltung.

3 Antworten zu “LEBEN UND STERBEN LASSEN

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