ILSA – DIE TIGERIN

Ilsa – Die Tigerin
Ilsa, Tigress of Siberia | Kanada | 1977
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Ilsa (Dyanne Thorne) hat es mittlerweile zum Chefin eines sowjetischen Gulag gebracht. Dort stößt sie auf den renitenten Andrei Yakurin (Michel-René Labelle), der all ihren Folterungen und Erniedrigungen widersteht. Zwanzig Jahre später, Ilsa ist nun Bordell-Besitzerin in Montreal, kommt ihr ebendieser Andrei erneut unter; diesmal als Torwart der sowjetischen Eishockey-Nationalmannschaft.

1975 wurde der von Don Edmonds gedrehte und von David F. Friedman produzierte ILSA – DIE HÜNDINNEN VOM LIEBESLAGER 7 zu der unumwundenen Blaupause des Naziploitationfilms. Ein Jahr später folgte mit dem nur noch von Edmonds hergestellten ILSA – HAREMSWÄCHTERIN DES SCHEICHS eine schmissige Fortsetzung, die allerdings aufgrund der wesentlich unverfänglicheren Grundthematik deutlich weniger Verruchtheit aufzubieten hatte als der Vorgänger. Wiederum ein Jahr später sollte das ominöse Produktionsstudio Mount Everest Enterprises Ltd., welches auch schon den zweiten Teil produzierte, dann den Schlussstrich unter die ILSA-Trilogie ziehen, indem man die Protagonistin nach Russland schickte. Unkreditiert sollen wohl auch die bekannten US-amerikanischen Produzenten Roger Corman und Ivan Reitman an diesem in Kanada entstandenen Filmchen beteiligt gewesen sein.
Und da Don Edmonds gerade mit seinem Werk ACTION MAN – EIN MANN, EIN KÄMPFER (1977) beschäftigt war und sich danach vornehmlich der Filmproduktion zuwenden sollte, übernahmen Julian Parnell die Produktion und Jean LaFleur, dessen einzige andere Spielfilmerfahrung die 1975 entstandenen Abenteuer-Komödie THE MISTERY OF THE MILLION DOLLAR HOCKEY PUCK (1975) bleiben sollte, die Regie. Dass man dann auch noch Marven McGara, der ansonsten ebenfalls nichts mit irgendeiner Art von Filmwesen zu schaffen hatte oder jemals haben sollte, mit der Anfertigung eines Drehbuch beauftragte, machte den Eindruck, dass hier ein völlig unerfahrenes Team von Unbekannten mit der Aufgabe versehen wurde, eine finanziell sehr einträgliche und formal recht simple Konzeption fortzuführen.

Typ: Dein Körper ist so warm und weich, du bist so wild wie unsere Mutter Russland!

Und tatsächlich lässt sich der Film dann genauso an, wie man es von seinen beiden Vorgängern gewohnt ist: Lageratmosphäre, Quälereien und nackte Tatsache bestimmen den Filmbeginn und sorgen schon nach wenigen Minuten für heimelige Atmosphäre. Was die schneeweiße Landschaft Sibiriens (bzw. Québecs) dann an Schauwerten vermissen lässt, füllt der Streifen mit schmissigen und einfallsreichen Brutalitäten und Absurditäten aus. Diese werden von einer Menge Softcore-Pornographie unterbrochen und so stellt sich der Zuschauer schon auf eine zwar innovationslose, aber durchaus unterhaltsame Fortsetzung des Altbekannten ein, wenn ihm der Film dann plötzlich eine unerwartete Kehrtwende vor die Nase haut.
Denn nach knapp der Hälfte der Spielzeit vollzieht sich ein Bruch und die Handlung wird zwanzig Jahre später in Montreal fortgesetzt. Hier ist von Lagerfilm-Atmosphäre natürlich nichts mehr zu sehen und stattdessen verwandelt sich der Streifen in einen astreinen 70ies-Sleazer. Ilsa leitet plötzlich ein Bordell, in dem sie nebenbei an einer Virtual-Reality-Maschine werkelt. Des Weiteren hat sie die örtliche Mafia besiegt und als dann plötzlich Andreis Kollegen zum Beischlaf vorbeischauen, eskaliert die Situation aufs Neue. Das macht zwar alles keinen Sinn, sorgt aber für ungemeine Abwechslung und transportiert Ilsa und ihre Methoden plötzlich in ganz neue Gefilde.

Da gibt es dann natürlich auch wieder viel Nacktszenen und Schmuddeleien, vor allem aber werden die Folterungen nun durch eine billige Thriller-Handlung ersetzt, im Zuge derer die Russen ein Sonderkommando schicken, das dann unglaublich unbeholfen durch die Schnee stapfend Ilsas Domizil angreift. Es folgen Geballer und Gelaber im munteren Wechsel und immer begleitet wird das Gebotene von unnötigen aber höchst trefflich dargebotenen Gewalteffekten. Die unzähligen Einschüsse sehen klasse aus, die gelegentlichen anderweitigen Einsätze von Kunstblut ebenfalls. Dass es dann noch ein paar knallbunte Spezialeffekte im Zuge der Anwendung von Ilsas skurriler Bewusstseins-Apparatur gibt (und selbige dort als Monster verkleidet Genitalien abbeißt), rundet das Gesamtpaket schön ab.

Mädel: Du hast behauptet, ein Mann aus Eisen zu sein, aber nach einem einzigen Hüpferchen hat sich die Schnecke schon in ihr Häuschen zurückgezogen!

Neben der obligaten Dyanne Thorne als Ilsa gibt es mit Michel-René Labelle als Andrei einen völlig belanglosen Hauptdarsteller zu sehen, der sich zudem von seinen Vorgängern dahingehend unterscheidet, dass er sich Ilsa nichts mittels seiner brachialen Potenz hörig macht. Die übrigen Darsteller mimen leidlich um diese beiden herum, können jedoch über Abziehbildformat nicht hinauskommen. Macht aber auch nichts, da hier nun wirklich keine schauspielerischen Qualitäten gefragt sind. Selbiges gilt auch für die lahme Kameraarbeit des Belgiers Richard Ciupka, während André Trielli, der bereits 1970 den deutschen Reißer CANNABIS – ENGEL DER GEWALT vertonte und 1985 am Bond-Vehikel IM ANGESICHT DES TODES beteiligt sein sollte, den Streifen immerhin mit einem schmissigen Swinging-Score unterlegt.
Wenn man Jess Francos inoffizielles Anhängsel GRETA – HAUS OHNE MÄNNER (1977) ignoriert, wird die ILSA-Trilogie mit ILSA – DIE TIGERIN also mit einem erstaunlich eigenständigen Werk abgeschlossen, das sich nicht damit begnügt, die bereits bekannten Motive zu wiederholen, sondern ein erstaunliches Maß an Eigenständigkeit an den Tag legt. Hier ist wohl die eingangs genannte unbedarfte Crew der große Pluspunkt, fehlen ihr doch samt und sämtlich einengende Verbindungen zu den beiden Vorgängerfilmen. Wenngleich nicht derart böse und verrucht wie ILSA – DIE HÜNDINNEN VOM LIEBESLAGER 7 oder derart sexploitativ wie ILSA – HAREMSWÄCHTERIN DES SCHEICHS überzeugt ILSA – DIE TIGERIN viel mehr durch seine erfrischende Eigenständigkeit und die inhaltliche Neuausrichtung – und wird so zu einem sehr gelungenen Abschluss der Reihe.

Viel Eigenständigkeit und Mut machen den Abschluss der Trilogie zwar weniger reißerisch und brutal als seine Vorgänger, dafür aber umso abwechslungsreicher. Welcher Teil einem am besten gefällt, wird so zur reinen Geschmackssache, dass der dritte allerdings ein wirklich gelungen-sleaziger Action-Reißer ist, steht jedoch außer Frage.

Eine Antwort zu “ILSA – DIE TIGERIN

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