DER FLÜSTERNDE TOD

Der flüsternde Tod
Albino | Deutschland/Großbritannien/Simbabwe/Südafrika | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Im Rhodesien der 70er Jahre sorgt eine Befreiungsarmee für Aufsehen, die sich im Kampf gegen die europäischen Kolonialisten immer wieder höchst grausamer Methoden bedient. Eines Tages wird dabei Sally (Sybil Danning), die Verlobte des gerade entlassenen britischen Soldaten Terrick (James Faulkner), vom Anführer der Rebellen (Horst Frank) vergewaltigt und ermordet. Terrick sinnt auf Rache, während ihn sein Vorgesetzter Bill (Christopher Lee) davon abzuhalten versucht, um den fragilen Frieden vor Ort nicht zusätzlich zu gefährden.

In den 70er Jahren begehrten im Süden Afrikas sowohl in Südafrika als auch in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, diverse Gruppierungen gegen die Apartheid und die sonstigen Formen der Repression durch die Kolonialherren auf. Das sorgte auf der restlichen Welt für zaghafte Solidarität und reichlich Gleichgültigkeit, war vielen das Eisen doch schlichtweg zu heiß. Dass dann ausgerechnet ein deutscher Theaterregisseur aus Oldenburg, mit Namen Jürgen Goslar, sich dieser Thematik annahm und daraus einen Spielfilm von internationalen Format und mit ebensolcher Besetzung machte, darf inmitten einer Zeit, in der das deutsche Kino sich in einer Flut aus Schmuddel-Filmchen und seichter Unterhaltung verlor, getrost als Sensation gewertet werden.
Die Geschichte basiert dabei auf einem Roman des britisch-rhodesischen Autors Daniel Carney, dessen bekanntesten Werk The Wild Geese 1978 Erwin C. Dietrichs Söldner-Vorreiter DIE WILDGÄNSE KOMMEN als Grundlage dienen sollte. The Whispering Death wurde dann vom Drehbuchautor Scott Finch umgesetzt, der dabei die Figur Terrick in den Mittelpunkt rückte. Dass das Rache-Motiv somit zum maßgeblichen wird, heißt allerdings keinesfalls, dass sich Jürgen Goslar (und somit der Film) eines Kommentars zur damaligen Situation enthält; er tut es nur nicht so plakativ und vordergründig, wie man es in Anbetracht der einzelnen Zutaten eventuell erwarten könnte.

Terrick: Es liegt was in der Luft.
Bill: Polizisten sollen Tatsachen rausfinden und nicht in der Luft rumschnüffeln.

Wohlwissend, dass es ihm in einem Spielfilm ohnehin nicht gelänge, zur damaligen Situation im Süden Afrikas adäquat Stellung zu beziehen, macht Goslar die ethnischen Konflikte also zum Rahmen seiner Handlung. Er stellt sich dabei weder auf sie Seite der Einheimischen, noch auf die der Kolonialisten, sondern versucht, den Konflikt in dem sich beide Parteien befinden als Außenstehender zu betrachten. Dabei kommt ein Film heraus, der zwar an manchen Stellen zu einer etwas flachen Darstellung der Situation und ihrer Beteiligten tendiert, sich aber jedweder tendenziöser Kommentare enthält. Dass die Farbigen dabei lediglich die Rolle von Dienern oder Rebellen bekleiden ist dabei kaum als rassistische Haltung zu lesen, agieren sie doch in ihren Rollen jederzeit nachvollziehbar und facettenreich.

Kerngeschäft des Films bleibt aber die Jagd, die der durch den Tod seiner Verlobten erschütterte Terrick in den Weiten Simbabwes veranstaltet. Von der ansonsten eher für simpel-unterhaltsame Stoffe bekannten Eichberg-Film sowie der Lord Film Produktion nach Simbabwe und Südafrika geschickt, inszeniert Goslar eine unfassbar eindrückliche Hatz durch die Savannen und Steppen der Region. Dabei nutzt der die wundervolle Landschaft wohldosiert und tendiert nie dazu, diese als reinen Selbstzweck abzufilmen. Stattdessen wird die Weite zu einer schönen Parabel für Terricks Einsamkeit. Und auch die Zerrissenheit in der Beziehung zwischen Einheimischen und Kolonialisten oder zwischen Terrick und seinem befreundeten Diener Katchemu spiegelt sich hier wider. Wenn dann noch ein kleiner Funken (entzündet von Terrick, angefacht durch den Helikopter des Militärs) für einen riesigen Steppenbrand sorgt, ist der Reigen an Symbolen komplett und der Interpretation jeder Spielraum geboten.

Rebell: Hab Mitleid!
Terrick: Als ihr meine Farm niederbrandet und meine Frau umbrachtet hab ich alles verloren … vor allem Mitleid!

Goslar tendiert dabei nur selten dazu, in exploitative Bezirke abzudriften. Zwar ist der Albino-Antagonist, dessen Vergewaltigung oder so manch vordringlicher Schnitt oder Dialog durchaus dazu befähigt, auch derartige Interessen zu bedienen, aber überwiegend zieht es der Film doch vor, sich ernst und düster zu geben. Das sorgt dann für zahlreiche nihilistische Momente, die später in einem Delirium Terricks gipfeln, bevor dessen Tod das niederschmetternde Ende besiegelt. Dass im Epilog dann Terricks Schwiegervater (und Altkolonialherr) Johannes, von Trevor Howard gewohnt toll gespielt, das Schild, welches seinen Traum verortet, mit dem Kommentar, selbiger sei nun beendet, abhängt, darf ebenso als hoffnungsloser Schlussstrich, wie als kitschige Übertreibung gelesen werden.

Während der erfahrene deutsche Kameramann Wolfgang Treu dann für wundervolle Aufnahmen (und ein schmissiges Italowestern-Finale) sorgt und Erich Ferstl dem Film einen einzigen, dafür aber perfekt melancholischen Ohrwurm-Track verpasst, kann man vor der Besetzung nur staunend den Hut ziehen. Der Brite James Faulkner gibt hier eine seiner ersten großen Rollen und trifft die Trauer und Wut des Terrick perfekt auf den Kopf. Blind jagend und letztlich erfolglos (weil von vorneherein chancenlos) sterbend vereint er die ganze Ausweglosigkeit des Films in seiner Person. Seine Verlobte Sally wird von der österreichischen Genre-Ikone Sybil Danning gegeben. Obschon flott aus dem Film scheidend, verpasst ihm die Blondie doch einen leicht anrüchigen Charme, wenn sie wie immer eng und knapp bekleidet die ersten 20 Minuten an sich reißt.

Sally: Wie fühlt man sich denn so als freier Mann?
Terrick: Frei … für ganze fünf Tage, dann kriege ich lebenslänglich vor dem Altar.

Christopher Lee überrascht als erstaunlich zurückgenommener Anführer der Polizeitruppe und die deutsche Schauspielgröße Erik Schumann darf als Captain Turnbull sowohl Law als auch Order walten lassen. Sam Williams als Katchemu und Sascha Hehn, der sich in den Jahren zuvor in diversen deutschen REPORT-Filmen einen Namen gemacht hatte, als Peter differenzieren den Cast weiter aus und zu guter Letzt wäre da noch Horst Frank, der hier eine seiner wohl skurrilsten Darbietungen abliefert. Er übernimmt den Part des Albino-Rebellen, der die mordende Truppe anführt und der zudem mit einem die Situation nicht vereinfachenden Bildungshintergrund ausgestattet ist. Er wird so zum Ausgestoßenen eines Systems, dass er von innen kennengelernt hat. Um Horst aber zum Albino-Rebellen zu machen, fuhren die Maskenbildner ihr ganzes Können auf. Eine blonde Afro-Perücke, riesige Zähne und ein unfassbares Makeup machen den deutschen Bösewicht-Darsteller zu einer höchst eindringlichen Figur, die nicht so schnell aus des Zuschauers Erinnerung verwinden wird.
Goslars Film wird so zu einem Zeugnis dessen, was das deutsche Kino einst zu leisten vermochte: hart, roh und nihilistisch läuft er den damaligen Sehgewohnheiten konsequent zuwider. Dass er darüber hinaus noch ein akut-politisches Thema aufgreift, macht ihn nur umso beeindruckender und dass er sich formal vor keinem Werk aus fernen Landen zu verstecken braucht ebenso. DER FLÜSTERNDE TOD ist ein beeindruckendes Stück deutscher Filmgeschichte, welches leider viel zu wenig Beachtung erfährt, da es oftmals als billiger Reißer abgetan wird. Eine Schande!

Grandios besetzt und großartig gefilmt, stellt Jürgen Goslars Rache-Drama ein herausragendes Werk des deutschen Kinos der 70er Jahre dar. Roh, finster und nihilistisch aber nie tendenziös oder allzu vordergründig packt der Streifen seinen Zuschauer und lässt ihn auch nach dem Abspann nur schwerlich wieder los.

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