DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN

Die Mühle der versteinerten Frauen
Il Mulino delle Donne di Pietra | Frankreich/Italien | 1960
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Architekturstudent Hans von Arnim (Pierre Brice) quartiert sich in der Mühle des Prof. Gregorius Wahl (Robert Boehme) ein, der dort ein skurriles Figurenkabinett mit sterbenden Frauenbildern unterhält. Als ihn dann auch noch Wahls Tochter Elfie (Scilla Gabel) angsterfüllt um ein nächtliches Treffen bittet, ist klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht …

Ab dem Ende der 60er Jahre erblühte auch in Italien eine Filmrichtung, die den gotischen Horror, der einige Jahre zuvor in England den Weg vom Heftroman auf die Leinwand gefunden hatte, Raum zugedachte. Riccardo Fredas (und zu Teilen Mario Bavas) DER VAMPIR VON NOTRE DAME (1957), Stenos SCHLECHTE ZEITEN FÜR VAMPIRE (1959) oder Bavas DIE STUNDE, WENN DRACULA KOMMT (1960) legten hier die Grundsteine für ein in den nächsten Jahren florierendes Genre. Ebenfalls im Jahre 1960 sollte sich dann auch Giorgio Ferroni in selbiges einbringen und sich dazu eines Drehbuchs der Herren Remigio Del Grosso, Ugo Liberatore und Giorgio Stegani bedienen. Die Behauptung, das Buch basiere auf einer flämischen Schriftensammlung aus der Feder ein gewissen Pieter van Weigen, darf dabei getrost als Humbug betrachtet werden und diente wohl eher dazu, in den Opening Credits schon mal ein wenig Atmosphäre zu erzeugen.

Wahl: Haben Sie gedacht, ich würde meine Tochter, mein einziges Kind, einem so verworfenen Menschen wie Ihnen zur Frau geben?

Damit ist der aber wenigstens der Handlungsort Flandern klar und in dessen ländlichem Idyll erschaffen die oben genannten Herren eine atmosphärische Gruselgeschichte. Die stereotypen Zutaten wie alte Gemäuer, skurrile Steinfiguren, mysteriöse Gutsherren und geheimniskrämerische Doktoren werden geschickt miteinander verquickt und so bleibt kein Gothic-Horror-Wunsch offen. Insbesondere das Figurenkabinett verleiht dem Film schon früh eine sehr morbide Seite, die von allerlei offenen Fragen gekonnt unterstützt wird.
Leider taten sich die Herren Autoren dann mit dem Spannungsbogen ein wenig schwer, erleidet dieser doch zur Filmmitte einen empfindlichen Einbruch. Die sich nach der durchaus langen Exposition einstellenden – sehr gelungenen – Irrungen und Wirrungen derart schnell und vollumfänglich aus der Welt zu räumen wie es das Gespräch zwischen Wahl und Bohlem tut, ist sicherlich Geschmackssache. Hier wäre ein wenig mehr Zeit zum Rätselraten durchaus angebracht gewesen. Doch da der Film nach dieser forschen Auflösung deutlich an Fahrt gewinnt, sei es ihm verziehen. Denn die zweite Filmhälfte ist grandioser Schlösser-Spuk gemischt mit irrwitzigen Mad Scientist-Anleihen.

Und nicht erst, wenn der Film im Keller der Mühle zum großen Operieren und Experimentieren aufruft, bietet er eine tolle Ausstattung auf. Während im Verlies die Reagenzgläser blubbern und die Bluttransfusion mittels skurriler Apparaturen vorbereitet wird, gibt es im Stockwerk darüber feinste Einrichtungsgegenstände zu begutachten. Eine ebenso bunte wie prunkvolle Ausstattung erfreut des Zuschauers Augen und bietet Kameramann Pier Ludovico Pavoni einiges an Gelegenheit, seine geschickte Kameraarbeit zu präsentieren. So entstehen ein ums andere Mal Szenen, die an den großen Bava erinnern, ja diesem sogar etwas voraushaben: denn tatsächlich handelt es sich bei DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN wohl um den ersten italienischen Horrorfilm, der in Farbe gedreht wurde; und der deshalb manche Farbspielereien, die kurz darauf Bavas Filme zieren und auszeichnen sollten, vorwegnimmt.
Umso größer also die Ehre für den jungen Franzosen Pierre Brice, hier die Hauptrolle namens Hans von Arnim zu geben. Brice, der zwei Jahre später mit DER SCHATZ IM SILBERSEE (1962) sowie vielen weiteren KARL MAY-Filmen vor allem in Deutschland zu unvergänglichem Ruhm kommen sollte, wandelt hier auf den Spuren der hammer’schen Horror-Größen und schlägt sich überwiegend wacker. Zwar reicht seine Leistung nicht ganz an das Können und die ruhige Klasse der Herren Lee und Cushing heran, aber den verwirrten Jüngling zwischen Liebe und Angst nimmt man ihm doch zu jeder Zeit ab.

Bohlem: Zum ersten Mal in meinem Leben will ich etwas für mich haben und ich werde es bekommen!

Die Damen Scilla Gabel und Dany Carrel verpassen dem Film sowohl einiges an Liebreiz als auch an schauspielerischen Können, sind ihre Rollen doch durchweg ernst und handlungsrelevant angelegt. Der Deutsche Wolfgang Preiss, der ab den 50er Jahren in zahlreichen Kriegsfilmen mitwirkte und ab 1960 auch den Antagonisten in der DR. MABUSE-Reihe geben sollte, mimt hier einen schmissigen Dr. Bohlem, während Robert Boehme den wundervollen Antagonisten Professor Wahl gibt. Boehme überzeugt mit viel Selbstherrlich- und Verschlagenheit und wandelt sich gen Filmende hin zu einem äußerst trefflichen Vertreter des Mad Scientist.
Erstaunlicherweise konnte der Film in Italien kaum erwähnenswerten Gewinn einspielen, im europäischen Ausland war er jedoch deutlich erfolgreicher. Das ebnete dann nicht nur den Weg für Ferronis folgende Karriere als Genre-Filmer, sondern auch den für weitere Gothic-Horror-Produktionen in Italien. Und auch wenn DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN (es ist übrigens einzig dem deutschen Verleihtitel vergönnt, einen Twist des Films derart plump vorwegzunehmen) in Sachen Spannungsbogen und Narrativ einige Schwächen ausweist, so bleibt er doch ein sehr atmosphärischer Gothic-Gruseler, dem zudem die Ehre zukommt, die Farbe in die italienischen Vertreter dieser Stilrichtung eingeführt zu haben.

Früher italienischer Gothic-Horror, der mit tollen Darstellern und einer gelungen-skurrilen Atmosphäre überzeugt. Kleinere Schwächen in Sachen Spannungsbogen und Narrativ werden so spielend aufgewogen und guter Grusel-Unterhaltung steht nichts im Wege.

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Eine Antwort zu “DIE MÜHLE DER VERSTEINERTEN FRAUEN

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