WESTWORLD

Westworld
Westworld | USA | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Peter Martin (Richard Benjamin) und John Blane (James Brolin) wollen einfach mal abschalten. Dazu fahren sie in den Freizeitpark Delos, der ihnen ein ganz besonderes Erlebnis verspricht: Eine lebensechte Wildwest-Welt voller Roboter, in der man tun und lassen kann, was man will. Dummerweise zeigt sich bald, dass einer der mechanischen Revolverhelden (Yul Brynner) sich nicht an diese Gesetze zu halten gedenkt …

Michael Crichton hatte Ende der 60er Jahre gerade ein paar Romane unter diversen Pseudonymen veröffentlicht, als ihn auch schon der Ehrgeiz packte, eines seiner Werke auf die Leinwand zu bringen; und das möglichst als Regisseur. Doch sein im August 1972 fertiggestelltes Drehbuch über einen Freizeitpark, der den Besuchern zum Verhängnis wird, wollte keines der großen Studios produzieren. Nur im Hause Metro-Goldwyn-Mayer, deren Ruf in jenen Tagen höchst miserabel war, fand Crichton ein Plätzchen. Denn MGM wurde damals von verschiedenen Seiten vorgeworfen, die für sie arbeitenden Regisseure und sonstigen Filmschaffenden stark unter Druck zu setzen: enge Budgets, zahlreiche Vorgaben und andauernde Planänderungen gehörten wohl zum Standardrepertoire an den Sets des Studios. Und ebendas sollte auch Crichton bei seiner ersten Regiearbeit widerfahren.

Techniker: Eine der Schlossmaschinen reagiert völlig falsch: Verweigert Verführung durch den Gast.

Denn da er seine Idee ansonsten wohl nicht hätte verfilmen können, unterschrieb er bei MGM und wurde dafür mit einer knappen Million US-Dollar an Budget ausgestattet. Nicht allzu viel, wenn man bedenkt, dass der Autor und Neu-Regisseur gleich drei historische Schauplätze in seinem Sci-Fi-Streifen unterzubringen gedachte. So viele verschiedene Areale umfasst nämlich der Freizeitpark Delos, den Crichton zum Zentrum seiner Geschichte macht. Dieser weit ab der Zivilisation gelegene Park ermöglicht es mittels sehr ausgereifter Roboter, die kaum vom Menschen zu unterscheiden sind, die Wünsche seiner Besucher weitestmöglich zu erfüllen. Diese begehren dabei meist simpelst-maskuline Erlebnisse wie Schießereien, Folterungen und Beischlaf mit käuflichen Damen.
Innerhalb dieses Setting zeichnet Crichton dann mit Geschick und Feingefühl eine Welt, die mit klassischen Rollen- und Erwartungshaltungen spielt. Im titelgebenden Wild West-Bezirk wird geballert, gehurt und mittels Dynamit aus Gefängnissen ausgebrochen, während das alte Rom ein Hort ständiger Orgien ist und im Mittelalter fast ausschließlich gefoltert (und natürlich ebenfalls miteinander geschlafen) wird. Die wahrlich fantastischen Möglichkeiten, die die Roboter und die sonstige Technologie dieser Welt ermöglichen würden, bleiben den Protagonisten verschlossen – sie interessieren sie auch gar nicht.

Hinter den Kulissen des Freizeitparks werkeln dann ununterbrochen Wissenschaftler, die den Ferienspaß mit viel Technik und Knowhow aufrechterhalten. Deren Selbstoffenbarung, die Technik der Roboter nicht wirklich zu verstehen, ist dann einerseits ein Zugeständnis an den Zeitgeist (in den 70er Jahren gab es zahlreiche Filme und Bücher, die der zunehmenden Technologisierung der Welt misstrauten) sowie Auslöser des Konflikts im Film. Aus ungeklärten Ursachen wenden sich die Maschinen nämlich von den asimov’schen Grundsätzen ab und fallen über die Besucher her. Crichton führt die Gründe und Anlässe dazu gar nicht weiter aus, sondern nutzt diesen Umstand stattdessen dazu, seinem Film einiges an Interpretationsspielraum zu verpassen.

Barkeeper: Na, was soll‘s sein?
John: Whiskey!
Barkeeper: Und was wollen Sie
Peter: Äh, Wodka Martini on the Rocks mit ‘nem Schuss Zitrone. Sehr trocken bitte.
John: Geben Sie ihm auch ‘nen Whiskey, er ist neu in der Stadt.

Am vordringlichsten ist dabei die Kritik an dem oben skizzierten Verhalten der Protagonisten. Die völlenden, hurenden und mordenden (der biblische Anstrich dieser Terminologien findet im Film übrigens keine Entsprechung) Gäste werden dabei von genau dem System bzw. den Wesen, die ihnen diese Entgleisungen erst ermöglichen, gerichtet. So werden die augenscheinlich unbeschwerten Tätigkeiten als das entlarvt, was sie eigentlich sind: Missetaten. Lachend Menschen zu erschießen und danach aus dem Gefängnis auszubrechen (nicht ohne den Sheriff ebenfalls über den Haufen zu ballern) ist eben auf der einen Seite gedankenlos-spaßig und auf der anderen Seite eine Straftat; die hier von den Opfern derselben – und seien es auch Maschinen – gerächt wird. Dabei gefiel Crichton das Bild des Freizeitpark, der sich an seinen Gästen vergeht, wohl derart gut, dass er 1990 auch noch den Roman DinoPark schrieb, der dann von Steven Spielberg zu JURASSIC PARK (1993) gemacht wurde. Und auch James Cameron und Gale Anne Hurd dürften schon mal über Crichtons namenlosen Revolverhelden gestolpert sein, bevor die das Skript zu ihrem Klassiker TERMINATOR (1984) schrieben.

Denn Yul Brynner gibt hier als ebenjener Revolverheld einen bahnbrechenden Roboter, der an Kälte und Erbarmungslosigkeit keinen Vergleich mit Camerons Version zu scheuen braucht. Optisch exakt aus John Sturges DIE GLORREICHEN SIEBEN (1960) übernommen wird Brynner hier zur Personalisierung des Freizeitparks und gleichzeitig zur Verkörperung der bereits erwähnten allgegenwärtigen Angst vor der Technik. Nahezu unbesiegbar und undurchschaubar wird er so zu einem tollen Gegenspieler für Richard Benjamin, der drei Jahre zuvor mit Mike Nichols CATCH-22 (1970) Bekanntheit erlangt hatte. Hier gibt Benjamin den naiven Peter, der sich, zunächst völlig unbedarfter Feriengast, am Ende als einziger gegen die mörderischen Absichten der Roboter wehren muss. James Brolin darf als übermütiger Draufgänger John Blane antreten, fällt jedoch im Vergleich zu Brynner und Benjamin deutlich ab.

Wissenschaftler: Wir haben es hier nicht mit gewöhnlichen Maschinen zu tun, sondern mit empfindlichen Apparaturen, fast schon wie lebende Organismen. In manchen Fällen wurden sie von anderen Computern entworfen und gebaut. Wir wissen noch nicht einmal genau, wie sie funktionieren.

Die eingangs erwähnte Million setzte das Team dann mehr als gekonnt ein und zauberte einen sehr ansehnlichen Film auf die Leinwand. Die Westernsettings sehen traumhaft aus, die (leider sehr spärlichen) Eindrücke aus den Epochen Mittelalter und Antike ebenfalls. Der wahre Eyecatcher sind aber die Gänge und Laboratorien unterhalb der Anlage, die für das spannende Finale (Crichton zeigt schon bei seiner ersten Regiearbeit sein durchaus achtbares Können) geschickt genutzt werden. Des Weiteren gibt es mit den Einstellungen, in denen die Welt aus den Augen des androiden Revolverhelden zu sehen ist (hier scheint es angemessen, erneut kurz an J. Cameron zu denken), die wohl ersten computergenerierten Effekte der Filmwelt zu sehen.
Einziger Wermutstropfen bleibt die vergebene Chance, noch deutlich mehr aus dem Setting und der Grundidee herausgeholt zu haben. Was wäre nicht alles möglich gewesen, wenn Crichton bei einem anderen Studio ein größeres Budget zur Verfügung gestellt bekommen hätte. Womöglich wäre aus diesem durchweg gelungenen Sci-Fi-Thriller dann ein Klassiker für die Ewigkeit geworden. Aber auch so (und vor allem ob der Umstände) hat sich Crichton bei seiner ersten Regiearbeit wahrlich nichts vorzuwerfen, liefert er doch ein intelligentes, spannendes und gleichzeitig immer wieder augenzwinkerndes Debut ab, welches auch heute noch ohne Einschränkungen zu unterhalten weiß.

Crichtons ebenso intelligentes wie unterhaltsames Regiedebut nutzt zwar bei weitem nicht das gesamte Potenzial, das in diesem Konzept steckt, bietet aber trotzdem Anlass zum Lachen, Staunen sowie Nachdenken und sieht darüber hinaus noch klasse aus. Was will man mehr?!

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2 Antworten zu “WESTWORLD

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