JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN

Junge Mädchen zur Liebe gezwungen
La settima donna | Italien | 1978
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem der charismatische Aldo (Ray Lovelock) mit seinen Kumpanen Mario (Flavio Andreini) und Nino (Stefano Cedrati) eine Bank überfallen und dabei auch Unschuldige getötet hat, verschanzt sich die Bande in einem Landhaus außerhalb von Neapel. Unglücklicherweise hält sich dort auch die Nonne Cristina (Florinda Bolkan) mit ihren Schülerinnen auf. Es kommt, wie es kommen muss, und die Halunken fallen über die Mädchen her …

1972 schlug Wes Cravens DAS LETZTE HAUS LINKS (1972) ein wie eine Bombe und riss auch den letzten drogenschwangeren Hippie aus seiner heilen Welt. Inspiriert durch die Gräueltaten des Vietnamkriegs führte der Film seinen Zuschauern schonungslos vor Augen, zu was die Bestie Mensch fähig ist, wenn man sie nur lässt. Dieser Ansatz kam dem italienischen Kino gerade recht, befand es sich doch seit Mitte der 70er zunehmend auf dem absteigenden Ast. Also mussten neue – krassere – Schauwerte erzeugt werden; was passt da besser als Gewalt und ihrer (vermeintlichen) selbst willen? Aldo Lados NIGHT TRAIN – DER LETZTE ZUG IN DIE NACHT (1975), Ruggero Deodatos EISKALTE TYPEN AUF HEIßEN ÖFEN (1976) oder Sergio Griecos DER TOLLWÜTIGE (1977) sind dann Werke, die sich dieser Struktur mehr oder minder vordergründig bedienten und die bewiesen, dass man damit beim Publikum Erfolg haben konnte. Selbiges blieb auch Regisseur Francesco Prosperi nicht verborgen, der mit TOTE PFLASTERN SEINEN WEG gerade einen unkomplizierten Action-Poliziesco abgeliefert hatte, und der dann ebenfalls auf den Zug der Terrorfilmchen aufsprang.

Elisa: Sie sind anders als Ihre Freunde.
Aldo: Sicher bin ich anders, das hast du doch längst gemerkt.
Elisa: Eine alte Weisheit ist aber, dass man den Menschen nach seinen Freunden beurteilt.
Aldo: Das ist ‘ne Phrase – die Freunde von Judas waren ganz anständige Leute.

Obwohl bei dieserlei Produktionen nur selten eine ausgereifte Storyline im Vordergrund steht, fanden sich doch ganze drei Schreiberlinge ein, um an dem Drehbuch herumzubasteln. Die Geschichte stammt von Ettore Sanzò, der neben dem bereits erwähnten Genrekollegen NIGHT TRAIN – DER LETZTE ZUG IN DIE NACHT auch an Massimo Dallamanos Giallo-Poliziesco-Mixtur DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER (1975) beteiligt gewesen ist. Die szenische Ausarbeitung fiel wiederum Romano Migliorini zu, der seine erste Schritte bei Bavas DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA (1966) gemacht und später dann Castellaris EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE (1978) mitgeschrieben hatte.
Und erwartungsgemäß bleibt das Narrativ des Films höchst überschaubar. Die simple Geschichte bleibt jeden Hintergrundes bar, Motivation und Antrieb der Protagonisten sind nicht zu erkennen. Die Mädchen haben nichts getan, die Kerle haben keinen Grund. So entsteht eine in sich geschlossene Situation, da jeglicher Einfluss von außen ignoriert wird. Es gibt nur das Haus und die Menschen, die sich darin aufhalten. Dieser abgeschlossene Corpus entzieht die Gewalttaten auch einer grundsätzlichen Bewertung, vielmehr können die einzelnen Ausbrüche nur in Relation zueinander und in Reaktion aufeinander beurteilt werden.

So entsteht eine bedrückende Atmosphäre, die die allgegenwärtige Bedrohungslage der Mädels gut an den Betrachter weitergibt. Jeden Augenblick kann es zu einem weiteren Ausbruch der beiden Schmalgeister Nino und Mario kommen, gegen den sich die Damen nicht zu wehren vermögen. Diese Stimmung wird an einigen Stellen dann von tatsächlicher Gewalt unterbrochen. Jedoch verzichtete Prosperi hier im Gegensatz zu zahlreichen Genrekollegen darauf, die Schandtaten allzu explizit darzustellen. Beide Vergewaltigungen kommen so ohne derbe Entblößungen aus und generieren so eher psychische Gewalt. Die grinsenden Fratzen der Täter wirken hier deutlich eindringlicher als die x-te Nahaufnahme des Opfers in vergleichbaren Werken. Zugleich enthebt diese Technik den Film weitgehend des Vorwurfs, sich die Vergewaltigungen zum billigen Schauwert zu machen; da es quasi nichts zu sehen gibt, bleibt nur die gedankliche Qual.
Dass das ganze so funktioniert, ist vor allem Kameramann Christiano Pogany zu verdanken, der sowohl die Gewaltszenen als auch die übrigen Einstellungen begnadet einfängt. Schon die Exposition, welche lediglich Schuhe und Hosen zeigt, lässt erahnen, was Pogany im Verlaufe des Films an Können offenbaren wird. Eine tolle Einstellung reiht sich an die nächste und so macht der Cinematographer die immer mal wieder auftauchenden inhaltlichen Längen geschickt vergessen. Zusammen mit Roberto Pregadios genial-schmissigem Score (zu dem sogar Hauptdarsteller Ray Lovelock einen Track einsang) entsteht so auf der formalen Ebene feinste Exploitation-Kunst.

Aldo: Von Haus aus bin ich ‘nen ganz cooler Kerl, das wirste ja schon gemerkt haben.

Herr Lovelock, der schon 1976 seine Niedertracht im erwähnten EISKALTE TYPEN AUF HEIßEN ÖFEN demonstriert hatte und der 1974 im italienisch-spanischen Zombie-Reißer DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN aufgetrumpft war, fällt dann auch die mit Abstand interessanteste Rolle des Films zu. Sein Aldo hebt sich nämlich von seinen stumpf-sadistischen Freunden Nino und Mario ab, indem er einen feinen Geist und gute Manieren offenbart. Dass hinter dieser Fassade ein mindestens ebenso schlimmer Sadist steckt, macht diese Rolle interessant und hilft dem ansonsten arg überschaubaren Spannungsbogen des Films deutlich auf die Sprünge. Florinda Bolkan, die ihren größten Auftritt in Elio Petris Klassiker ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER (1970) hatte, darf als Protagonistin ordentliche Arbeit abliefern und wird dabei von einer Phalanx an mehr oder minder bekannten Genre-Darstellerinnen begleitet, die allesamt stereotype Rollen zu bekleiden haben.
Und obwohl der Film bis zum Schluss an den üblichen Genreversatzstücken der Bereiche Terror und Rape-and-Revenge festhält und somit bezüglich der Story und des Spannungsbogen wahrlich keine Bäume ausreißt, bleibt er doch aufgrund seiner vergleichsweise geringer Explizität ein interessanter Vertreter dieser Filmwelle. Er macht nicht die Opfer, sondern die Täter zum Mittelpunkt und wird genau deshalb – und auch wegen der großartigen Kamera- und Tonarbeit – zu einem feinen Stück italienischer Expolitationkultur.

Gerade weil sich der Film bezüglich der Explizität zurückhält und anstelle der Opfer die Täter in den Fokus der Gewalttaten rückt, kann er sich von seinen Genrekollegen abheben und trotz der eher mauen Geschichte und der oftmals fehlenden Spannung zu einem feinen kleinen Exploitation-Reißer werden.

2 Antworten zu “JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN

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