MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE

Morte sospetta di una minorenne
Morte sospetta di una minorenne | Italien | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die hübsche Marisa (Patrizia Castaldi) wird auf brutale Art und Weise ermordet. Während die Polizei im Dunkeln tappt, heftet sich der undurchsichtige Paolo Germi (Claudio Cassinelli) an die Fersen des Mörders. Er macht den kleinkriminellen Giannino (Adolfo Caruso) zu seinem Gehilfen und deckt bald einen riesigen Ring von Menschenhändlern auf, an dem auch der angesehene Bankier Gaudenzio Pesce (Massimo Girotti) beteiligt ist.

Der Regista Sergio Martino ist heute vor allem für zwei Perioden seines Schaffens bekannt. Zum einen für die Vielzahl an günstigen bis billigen, handwerklich jedoch stets mehr als ordentlichen, Trash- und Actionfilme der 80er Jahre, zum anderen für seine außerordentlich gelungenen Gialli und Polizieschi der frühen und mittleren 70er Jahre. Zu letzteren zählen vor allem die Gialli DER SCHWANZ DES SKORPIONS (1971), DER KILLER VON WIEN (1971) und DIE FARBEN DER NACHT (1972) sowie der Polizeifilm VIOLENT PROFESSIONALS (1973). Zwei Jahre später sollte Martino dann mit MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE eine Verquickung dieser beiden Spielarten des italienischen Genrefilms abliefern und damit einen weiteren Kracher in sein frühes Portfolio eintragen. Das Drehbuch dazu sollte ihm erneut Ernesto Gastaldi liefern, der bereits die Bücher zu den vier eben erwähnten Film angefertigt hatte und der auch darüber hinaus ein mehr als arbeitsamer Autor innerhalb der italienischen Kinolandschaft war.
Und tatsächlich ist es die gekonnte Mixtur aus verschiedenen Gerne-Elementen, die den Film von Anfang an zu einem Genuss macht. Die Eröffnung ist dabei – nicht nur dank der Anleihen beim zu Beginn des gleichen Jahres erschienenen Giallo-Kracher ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1975) – eine deutliche Anlehnung an das gelbe Genre. Der brutale, aber wundervoll fotografierte Mord an Marisa, die phallische Klinge und der unbekannte Mörder mit der spiegelnden Sonnenbrille als Signet, all das atmet die Luft der klassischen Gialli. Und auch in der Folge ist der Film nie darum verlegen, sich derartige Ästhetik zu Nutze zu machen.

Giannino: Gut, aber darf ich wenigstens wissen, für wen ich arbeite?
Germi: Für die KDUDS.
Giannino: Und für was steht das?
Germi: Kümmer dich um deinen Scheiß.

Dieser Eindruck wird jedoch sofort wieder aufgebrochen, wenn Paolo in die Untiefen der Mailänder Vororte und Problembezirke abtaucht. Zwielichtige Gestalten, Prostitution und Kriminalität, das sind typische Merkmale des in diesen Jahren in zunehmender Blüte stehenden Poliziesco. Durchaus erwartbar entpuppt sich Paolo nach einer auffällig langen Exposition auch als Bulle, der genrekonform vor allem mit der Starrhalsigkeit seiner Vorgesetzten zu kämpfen hat. So muss auch Paolo eigene, meist unlautere Wege finden, um dem immer größer und bedrohlicher werdenden Gegner Herr zu werden. Das Skript entwirft dabei ein tolles Netz aus Seilschaften und moralischen Untiefen, das neben Erpressung und Mord auch die Prostitution Minderjähriger und diverse andere Missetaten umfasst.

Eine Prise Humor rundet diese erfrischende Mischung dann gekonnt ab. Martino driftet dabei jedoch nie in übermäßig alberne Gefilde ab, sondern behält es den gemeinsamen Auftritten von Paolo und Giannino vor, für Unterhaltung zu sorgen. In diesen Augenblicken gibt es dann nicht nur flotte Sprüche und etwas Slapstick zu sehen, sondern Luciano Michelinis ansonsten eher düster-treibender Score wandelt sich hier auch zur fröhlichen Begleitmusik. Dass der Film trotzdem nicht an diesen Passagen krankt, zeigt ein weiteres Mal, mit welch großem Gespür für Rhythmus und Taktung Martino an diesen Film gegangen ist.
Auffällig, und zugleich grundlegend für das Funktionieren des Films, ist auch, mit welchem Einfallsreichtum die Figur des Paolo Germi gezeichnet und gespielt wird. Während Maurizio Merli im gleichen Jahr in Marino Girolamis VERDAMMTE, HEILIGE STADT (1975) den reaktionären Hau-Drauf-Bullen entwickelte, der in den folgenden Jahren die Blaupause für den Boom an Polizieschi-Cops darstellen sollte, darf Claudio Cassinelli hier einen wundervollen Gegenentwurf dazu präsentieren. Zwar ist auch sein Germi durchaus zu gesetzlosem Handeln und Selbstjustiz in der Lage, aber den Großteil der Spielzeit agiert er vielmehr nachdenklich und überlegt. Eine ständige Melancholie und soziale Distanz umgibt diese Rolle, auch wenn die Beziehung zum naiven Kleinkriminelle Giannino, vom dem semiprofessionellen Mimen Adolfo Caruso trefflich gegeben, dies stellenweise durchaus aufzubrechen vermag. Mit Brille und wilder Haarpracht entspricht Cassinellis Kommissar auch optisch so gar nicht dem Stereotypen dieser Rolle und wird somit sowohl optisch als auch inhaltlich zu einem tollen Kontrast innerhalb des Genres; da erstaunt es kaum, dass Cassinelli schon ein Jahr zuvor in Massimo Dallamanos inhaltlich und formell ähnlich gelagertem DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER (1974) zu sehen war.

Prostituierte: In dieser Gegend gibt es kaum ehrliche Leute. Nur Diebe und Nutten …
Germi: … und Polizisten.

Dem gegenüber gibt Massimo Girotti als Bankier Pesce einen tollen Antagonisten, der aufgrund seines mondänen Daseins wiederum einem von Martinos Gialli entsprungen zu sein scheint. Der bereits seit den 40er Jahren in zahllosen Rollen mimenden Girotti wird dabei von Beginn an als Antagonist präsentiert, was zwar das Miträtseln obsolet macht, an Girottis äußerst gelungener Darbietung jedoch nichts ändert. Da kommt Mel Ferrer, der seit Anfang des Jahrzehnts vermehrt in Europa drehte, als Germis Vorgesetzter schon schlechter weg, bleibt seine Rolle doch weitgehend blass und austauschbar. Gleiches gilt auch für Jenny Tamburi, die sich bis dato mit einigen Schmuddel-Produktionen durchgeschlagen hatte und deren Gloria hier ebenfalls deutlich in den Hintergrund gestellt wird.
Das sind aber winzige Kritikpunkte, die dem ansonsten tollen Gesamteindruck von Sergio Martinos Giallo-Poliziesco-Mixtur beileibe nichts anhaben können. Der Film verquickt die Gerne-Elemente geschickt miteinander und sorgt so sowohl für Spannung als auch flotte Unterhaltung. Schön fotografiert und einfallsreich inszeniert wird so ein gelungener Rahmen für einen Film geschaffen, der sich den Genrekonventionen oftmals geschickt verwehrt und der genau deshalb äußerst sehenswert ausfällt.

Sergio Martino legt hier eine tolle Mixtur aus Poliziesco und Giallo vor, die vor allem von der intelligent angelegten (und von Cassinelli wundervoll gespielten) Hauptrolle profitiert. Die wundervoll fotografierten Giallo-Exkurse und ein Schuss Humor runden das Ganze gekonnt ab und machen den Streifen zu einem echten Hingucker!

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5 Antworten zu “MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE

  1. Pingback: HERKULES | SPLATTERTRASH·

  2. Diese Perle von Martino hatte ich bisher nicht auf dem Schirm. Sehr verheißungsvolle Besprechung! LG MacMurray

  3. In der Tat ein wenig Schade, da das auch die einzige VÖ zu sein scheint. Nach kurzer Recherche sehe ich da tatsächlich ein wenig schwarz!

  4. Pingback: DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLT DER TOD | SPLATTERTRASH·

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