DIE ERBEN

Die Erben
Die Erben | Österreich | 1982
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Thomas (Nikolas Vogel) hat mit seiner sehr auf ihren sozialen Stand bedachten Mutter nur Ärger und ist deshalb über die Bekanntschaft von Charly (Roger Schauer) sehr erfreut, der seinerseits unter seinem trinksüchtigen Vater zu leiden hat. Als es die beiden in einen Jugendclub der Nationalen-Einheits-Partei verschlägt, lernen die Jungs zwischen Kameradschaft und rechten Parolen eine neue Geborgenheit kennen; die schon bald fatale Folgen für sie haben soll.

Der österreichische Regisseur Walter Bannert, heute vor allem für diverse TV-Serien bekannt (darunter auch einige Folgen der legendären Frühabendserie AUF ACHSE), hatte mit WAS KOSTET DER SIEG? (1981) gerade sein mit diversen Auszeichnungen bedachtes Spielfilmdebut abgeliefert, als er sich zusammen mit dem Produzenten Chris D. Nebe, der bisher mit den Werken DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN (1973) und BIBI – SÜNDIG UND SÜß (1974) auf sich aufmerksam gemacht hatte, zusammentat, um einen Film zu drehen, der sich die rechtsradikalen Umtriebe jener Tage zum Thema macht. Neben eigenem Kapital Bannerts und Unterstützung durch die Monarex Hollywood Corporation gab es für dieses Vorhaben auch Zuschüsse des österreichischen Filmfonds, was in der ohnehin komplizierten Rezeption des Film für weitere Auseinandersetzungen sorgen sollte.
Zusammen mit Erich A. Richter schrieb Bannert dann ein Drehbuch, welches sich vor allem auf die Hauptrollen Thomas und Charly konzentriert und deren Wege in die Fänge faschistischer Häscher darstellt. Dabei entwirft das Buch für beide Rollen einen gänzlich unterschiedlichen Hintergrund. Thomas stammt aus einem wohlsituierten Hause, in dem die Mutter, gegeben von Anneliese Stöckl-Eberhard als Inbegriff der häuslichen Furie, mit eiserner Hand regiert. Sie hat ihren Mann vom Lastkraftfahrer zum Spediteur emporgedrängt und tyrannisiert ihre beiden Söhne, neben Thomas auch seinen schüchternen, sich später selbst das Leben nehmenden Bruder, mit äußerster Rücksichtslosigkeit. Dem gegenüber stammt Charly aus einer proletarischen Großfamilie, die von einem Vater geführt wird, der mit einer Hand zuschlägt während die andere nach dem nächsten Bier verlangt. Diese gegensätzlichen sozio-kulturellen Ausgangslagen nutzt Bannert dann um aufzuzeigen, wie belanglos die Herkunft für die Entscheidung eines jungen Menschen ist, sich faschistischen Ideologien anzuschließen.

Thomas‘ Bruder: Der spinnt schon wieder.

Tatsächlich sind es bis zum Ende auch weniger die Inhalt als vielmehr die Gefühle, die die beiden Hauptcharaktere sowie zahllose andere junge Menschen in die Arme der braunen Rattenfänger treiben. Kameradschaft, Zusammenhalt und die Schaffung eines Wir-Gefühls (das bekanntermaßen nur durch ein ausgeprägte Ablehnung von allem, was nicht zum Wir gehört, entstehend kann) sind die treibenden Kräfte, die die Jungs bei der Stange halten. So zeigen sie sich im Verlaufe der Geschichte auch immer weniger empfänglich für die ideologischen Ziele der grauen Eminenzen, sondern sehen ihre Zukunft vielmehr in einer Wehrsportgruppe. Dort lernen sie in fast schon kindlichem Übereifer den Umgang mit Waffen und militärische Gepflogenheiten, was dann letztlich zu dem fatalen Finale hinleitet.

Drumherum zeichnet Bannerts Film ein faschistisches Netzwerk von beängstigender Ausgereift- und Strukturiertheit. Alte Herren, darunter der trefflich besetzte Wolfang Gasser als Parteivorstand Norbert Fürst, ziehen im Hintergrund die Fäden und führen die Jugendlichen geschickt über Emotionen an ihre Sache heran. Blanke Rassisten ohne Hirn dienen als Werkzeuge dieser Gruppe und führen gewalttätige Aktionen gegen unliebsame Kräfte durch. Im eigens eingerichteten Jugendclub werden Stiefel verteilt, Lieder geschmettert und Ideologien geformt. Und obwohl Bannert diesen Strukturen an einzelnen Punkten immer wieder eine starke, aus der bürgerlichen Mitte entspringende, antifaschistische Grundhaltung gegenüberstellt (im Zentrum steht hier die Thomas unmittelbar widersprechende Schulklasse), bleibt doch der schale Eindruck einer erschreckend weit verbreiteten gesellschaftlichen Krankheit.
Leider schafft es der Film dann oftmals nicht, sein ausgesprochen eindringliches Thema vor den bekannten Klischees zu schützen. Dass die Nazis grundsätzlich dumm und böse sind ist dabei aus Gründen des Realismus nicht zu beanstanden, aber vor allem Thomas‘ Rolle hätte eine facettenreichere Zeichnung gut getan. Bannert unternimmt diesen Versuch einmal, indem er Thomas eine Liebesbeziehung zugedenkt, die diesen tatsächlich kurzfristig taub für die Ansinnen seiner Kameraden macht. Aber gerade in dem Moment, in dem diese körperliche und emotionale Beziehung sich zwischen Thomas und Charly zu drängen scheint, bricht Bannert diesen Versuch unvermittelt ab. Stattdessen nutzt er das eingeführt sexuelle Erwachen Thomas‘ für eine Szene, die dem ansonsten ernsten und bodenständigen Film einen Schuss Exploitation verabreicht: Nackt und mit SS-Mütze ausgestatte poltert Thomas in das Zimmer seines Bruder, entführt dessen Bekanntschaft und bringt diese darauffolgend dazu, ihn oral zu befriedigen; es versteht sich von selbst, dass diese Sequenz sich so gar nicht in die Stimmung des Films fügen möchte.

Thomas‘ Vater: Müsst ihr schon beim Frühstück anfangen zu streiten? Lass ihn doch stinken, wenn er unbedingt will!

Handwerklich gibt es dem Film indes nichts vorzuwerfen. Nikolas Vogel, Sohn des Schauspielers Peter Vogel und Enkel des ebenfalls mimenden Rudolf Vogel, überzeugt als Hauptrolle Thomas durch und durch und auch Roger Schauer, dessen Portfolio diesen Auftritt als einzigem in einem Spielfilm führt, macht seine Sache durchweg ordentlich. Bannerts Regie bleibt überwiegend ruhig, Hanus Polaks Kameraarbeit meist auf Distanz; nur während des Parteitages und der begleitenden Demonstration wirft sich die Kamera ins Getümmel und macht das Geschehen nahbar. Dazu gibt es einen eindringlichen Score, der das Dargebotene passend untermalt.
Bei seiner Veröffentlichung schlug dem Film dann eine Welle der Entrüstung entgegen. Diese stammt weitestgehend aus rechtsradikalen und neonazistischen Kreisen und sorgte für große Probleme beim Verleih. Dieter Heisig, Chef des für den deutschen Vertrieb zuständigen Cosmos Filmverleih, erhielt mehrere Morddrohungen und zahlreiche Kinobetreiber nahmen den Film nach Anschlagsdrohungen aus dem Programm. Faschisten besuchten einige der wenigen Vorführungen und störten diese teils massiv. Es waren am Ende die Programm- und Studentenkinos, die den Film trotz dieser Anfeindungen und Drohungen zeigten, und die Bannert somit den verdienten Lohn und die ihm zustehende Anerkennung einbrachten. Denn Bannerts zweite Regiearbeit ist trotz der kleineren Kritikpunkte eine, die äußerste Aufmerksamkeit verdient hat; diese jedoch bis heute kaum erfährt.

Walter Bannert liefert hier einen ebenso eindringlichen wie wichtigen Film ab, der auch durch kleinere Makel nichts von seinem Wert verliert. Der Weg junger Menschen in die Arme von Rattenfänger wird hier realitätsnah aufgezeigt und der Film dient somit als erschütternder Warn- und Weckruf; damals wie heute.

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