VERDAMMTE, HEILIGE STADT

Verdammte, heilige Stadt
Roma violenta | Italien | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Kommissar Berti (Maurizio Merli) steht der überbordenden Kriminalität in der italienischen Hauptstadt machtlos gegenüber. Bürokratie und fehlende Mittel machen die Aufklärung der zahllosen Delikte nahezu unmöglich, sodass sich Berti dazu berufen fühlt, abseits der rechtstaatlichen Mittel nach Lösungen zu suchen. Als er schließlich vom Dienst suspendiert wird, schließt er sich einer autonom agierenden Bürgerwehr an.

Seit Stefano Vanzinas DAS SYNDIKAT (1972) diente der Poliziesco immer wieder dazu, die eingeschränkte Handlungsfähigkeit der Exekutive gegenüber einer kriminellen Übermacht darzustellen. Unantastbare Organisationen und Einzelpersonen standen engagierten, aber letztlich machtlosen Kommissaren gegenüber, die schließlich zu Mitteln greifen müssen, die von den ebenfalls auftretenden Staatsanwälten nicht gebilligt werden (können). Im Verlaufe der nächsten Jahre wurde diese grundsätzlich nachdenkliche Ausrichtung dann immer mehr zum Selbstzweck und die gleichzeitige Veröffentlichung von US-amerikanischen Produktionen wie EIN MANN SIEHT ROT (1974) oder der erfolgreichen DIRTY HARRY-Reihe beförderte diese Entwicklung noch. Fortan diente die politische Aussage der frühen Polizieschi oftmals nur noch als Hintergrund für vordergründige Action-Thriller. 1975 war es dann Marino Girolami, der nach einem Skript von Vincenzo Mannino, welcher zuvor schon die Bücher zu Castellaris TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT (1973) und De Martinos SCHWARZE MESSE DER DÄMONEN (1974) geschrieben hatte, diese Entwicklung in einem Film zusammenfasste.
Denn während die bisherigen Kommissare die (unrechtmäßige) Gewalt stets als letzten Ausweg nutzten, der ihnen quasi aufgezwungen wurde, ist Berti von der Richtigkeit seines Vorgehens überzeugt. Zwar skizzieren Girolami und Mannino einige Beweggründe, wie übermäßige Bürokratie und mangendes Personal, letztlich steht es aber außer Frage, dass Berti ein Reaktionär ist, der mit der Kriminalität aufräumen möchte. Dazu kommt der Umstand, dass die polizeiliche Gewalt hier gegen zahllose Kleinkriminelle angewendet wird. Waren es bis dato stets übermächtige Akteure, denen die Protagonisten beikommen mussten, sind es nun oftmals die kleinen Fische, die dran glauben müssen.

Berti: Hör mal Erika, warum bist du eigentlich mit mir zusammen? Weil ich dir gefalle oder weil ich zufälligerweise bei der Polizei bin?
Erika: Kündige bei der Polizei, dann weißt du es.

Das spiegelt sich auch in dem sehr episodischen Charakter des Films wieder. Es gibt keinen Hauptgegner, stattdessen präsentiert der Streifen im regelmäßigen Takt neue Antagonisten, die dann kurze Zeit später dahingerafft werden. Hier offenbart sich die gefährliche Tendenz, die rechtlose Form der Justiz in jedem beliebigen Fall anzuwenden und somit faschistischer Argumentation Tür und Tor zu öffnen (was Berti im Falle seiner letzten beiden Opfer sogar so verbalisiert). Immerhin ringt sich der Film dann in der zweiten Hälfte dazu durch, die vermeintlich gerechte Gewalt mit der vordergründig kriminellen gleichzusetzen, indem Girolami die Bürgerwehr ebenso inszeniert wie ihre Gegner. Denn auch die vermeintlich rechtschaffende Organisation (die Parallele zu Vanzinas oben genanntem Werk ist überdeutlich) nutzt die gleichen Mittel wie die Kriminellen: nächtliche Überfälle, Gewalt und Einschüchterung. Zusammen mit dem nachdenklichen Ende fängt Girolami seinen Film so in der letzten Sekunde etwas ab; es bleibt jedoch eine durchaus reaktionäre Grundstimmung, die mit dem gegebenen zeitlichen Abstand sicherlich zu ertragen ist, die jener Tage allerdings manch ungehörige Forderung befördert haben dürfte.

Für Girolami und Kameramann Fausto Zuccoli bietet das vor allem die Möglichkeit, einen schmissigen Actioner zu inszenieren. Vor allem die zentrale Verfolgungsjagd sticht dabei hervor, aber auch zahlreiche Kampf- und Schusssequenz sorgen für Kurzweil. Dabei gibt es neben einigen originellen Kameraeinstellungen auch nette Slowmotion-Szenen zu sehen und immer wieder kredenzt der Film explizite Gewaltmomente. Neben einer Vergewaltigung sind es vor allem die blutigen Schlusswechsel, die dem Film einen realistischen und harten Look verleihen.
In der Hauptrolle durfte dann Maurizio Merli antreten, der sich somit auf Anhieb in die A-Riege des Genres zu Herren wie Franco Nero, Fabio Testi oder Tomas Milian gesellte. Merli spielt dabei bekanntermaßen recht unspektakulär und bietet ein auf das Nötigste reduziertes Minenspiel. Er sollte somit zum Prototyp des neuen rücksichtslosen Bullen werden und durfte die Rolle der Berti/Betti folgerichtig ein Jahr später in Girolamis ähnlich gelagertem COP HUNTER (1976) und Lenzis CAMORRA – EIN BULLE RÄUMT AUF (1976) erneut verkörpern. Aber auch danach sollten für Merli noch zahlreiche Auftritte in diversen Polizeischi anstehen.

Staatsanwalt: Wir haben nun mal ein bürgerliches Gesetz, und ich bin dazu da, auf seine Einhaltung zu achten.
Berti: Ja natürlich, ein bürgerliches Gesetz, das unsere bürgerliche Gesellschaft nicht daran hindert, Tag für Tag neue Verbrechen zu produzieren.

Daneben gibt es noch zahlreiche durchaus namenhafte Mimen, die jedoch alle in Nebenrollen gedrängt werden. Ray Lovelock, ein Jahr zuvor in Jorge Graus großartigem DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN (1974) als Hauptrolle zu sehen gewesen, darf hier als Biondi die Fahne der Moral hochalten, während der US-Amerikaner Richard Conte als Richter Sartori die gegenteilige Position bekleidet. Ansonsten gibt es mit Silvano Tranquilli, John Steiner oder Daniela Giordano einige bekannte Gesichter des italienischen Films zu sehen.
Die Gebrüder De Angelis steuern einen schmissigen Score bei und so kleidet sich der Film in ein formal gelungenes Gewand. Die inhaltliche Ausrichtung bleibt wie erwähnt zweifelhaft, was hingegen nicht für die filmhistorische Bedeutung gilt, die sich recht klar darstellt: tatsächlich kann man den Film als Startschuss für die von Marino Girolami und Umberto Lenzi in den folgenden Jahren massenhaft gedrehten Action-Polizieschi lesen, die meist eine ähnlich reaktionäre Grundhaltung einnahmen. Mit dem gebührenden Abstand kann das die durchaus gegebene Fähigkeit zur Unterhaltung zwar nur bedingt trüben, eine Auseinandersetzung mit dieser Haltung bleibt jedoch für eine gelungen Rezeption unerlässlich.

Girolamis Genredebut machte nicht nur Maurizio Merli mit seiner Paraderolle bekannt, sondern begründet auch eine neue Ausrichtung des Polizieschi (mit): ab 1975 kleidet sich eine deutlich reaktionärere Grundhaltung in ein deutlich action-lastigeres Filmgewand, was zwar mit dem gegebenen zeitlichen Abstand durchaus einzuordnen ist, seinerzeit allerdings einen durchaus faden Beigeschmack gehabt haben dürfte. So oder so bleibt eine Auseinandersetzung mit dieser Entwicklung für den Rezipienten unerlässlich.

3 Antworten zu “VERDAMMTE, HEILIGE STADT

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