ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN

Zinksärge für die Goldjungen
Zinksärge für die Goldjungen | Deutschland/Italien | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Mafiaboss Otto Westermann (Herbert Fleischmann) regiert in Hamburg mit eiserner Hand und wird erst durch das Auftauchen des Italoamerikaners Luca Messina (Henry Silva) in seiner Allmacht bedroht. Während die beiden Gangster miteinander ringen, verlieben sich jedoch ihre Kinder Erik (Horst Janson) und Sylvia (Patrizia Gori) ineinander.

Nach seinen diversen Fernost-Reißern und der folgenden Welle an unterschiedlichsten REPORT-Filmen erkannte der deutsche Produzent Wolf C. Hartwig bei einem Blick über die Alpen, dass ein neues Genre sich im europäischen Kino Bahn brach: in Italien feierten nämlich seit Beginn der 70er Jahre diverse Gangster- und Mafiafilme große Erfolge und Hartwig wäre nicht Hartwig, wenn er aus diesem Umstand nicht sogleich ein Konzept für eine Produktionen basteln würde. Folgerichtig tat er sich dazu mit der in Rom ansässigen Produzioni Cinematografiche Romane zusammen und versicherte sich so nicht nur einiger Finanzmittel, sondern auch der Drehbuchautorin Tatiana Pavoni, die Werner Jörg Lüddecke und August Rieger bei der Anfertigung eines Skripts unterstützen sollte.
Lüddecke hatte zuvor bereits an den ebenfalls von Hartwig produzierten Schmuddelwerken DIE ENGEL VON ST. PAULI (1969) und JÜRGEN ROLAND’S ST. PAULI-REPORT (1971) mitgewirkt und sollte nun die ganze Bandbreite der in den späten 60er Jahren populären St. Pauli-Filme oft verwendeten Versatzstücke in einem Gangsterkrimi verarbeiten. Tatsächlich hatten Rolf Olsen mit WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEPERBAHN (1967) und seiner Fassung von AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS (1969) sowie Wolfgang Staudte mit FLUCHTWEG ST. PAULI – GROßALARM FÜR DIE DAVIDSWACHE (1971) und einige andere dem Kinogänger bereits einige Jahre zuvor tiefe Einblick in Deutschlands bekanntestes Rotlichtviertel dargebotenen, sodass sich das Autorentrio Lüddecke, Rieger und Pavoni nun der Aufgabe gegenübersah, dieses bekannte Setting mit einer neuen Handlung zu füllen.

Luca: Hört zu! Wem das nicht gefällt, der kann sich ‘nen Sarg bestellen. Aber einen aus Zink, das reicht für euch Ratten!

Dafür bedienen sich die Drei shakespeare’scher Tradition und konzipieren eine Romeo-und-Julia-Geschichte im Milieu. Die Kinder verfeindeter Clans suchen den Weg zueinander, während sich ihre Eltern mit immer rabiateren Mitteln bekriegen. Die Autorenschaft bedient sich hier allerdings nur des Grundkonzepts und fügt diesem eigene Ideen und Wendungen zu. Dabei entsteht ein zwar simples, aber doch überwiegend stimmiges Gesamtkonzept. Gerade die zwischenzeitliche Annäherung beider Parteien, die dann durch einen Todesfall wieder erschüttert wird, sticht dabei durchaus hervor. Daneben fällt das Skript vor allem durch ein brachiales Tempo auf, welches in nicht einmal 90 Spielminuten Schlag auf Schlag folgen lässt. Ständig brennt es irgendwo, immer ist Trubel angesagt, Ruhepausen gibt es kaum.

Dass sich dieser Ansatz auch in der Inszenierung wiederspiegelt, dafür trägt Genrefachmann Jürgen Roland die Verantwortung. Der vornehmlich für seine TV-Krimis berühmte Regisseur hatte zuvor schon den Großteil seiner Spielfilmproduktionen bei Hartwigs Rapid Film umgesetzt und sollte hier ein weiteres Mal sein Können unter Beweis stellen. Äußerst flott und einfallsreich fängt Roland das Geschehen ein und sorgt so für viel Kurzweil. Zusammen mit Kameramann Klaus Werner, der für Hartwig sämtliche SCHULMÄDCHEN-REPORTE fotografierte, zeigt Roland ein schnittiges Bild von Hamburgs zwielichtigem Leben und beeindruckt gerade am Ende mit einer grandios gefilmten (wenn auch inhaltlich etwas belanglosen) Verfolgungsjagd zu Land und zu Wasser.
Davor gibt es neben den kriminellen Machenschaften natürlich auch einige ordentlich choreografierte Kämpfe und massig humorvolle Dialoge zu sehen. Der Film überhöht seine Verbrecherwelt und macht aus den beiden Bossen pausenlos sprücheklopfende Großmäuler. Auffällig – insbesondere in Anbetracht der italienischen Inspiration – ist dabei, dass sich der Kriminalität keiner in den Weg stellt. Der Film spart die Exekutive schlicht aus und lässt die Gangster machen, was sie wollen. Während die Polizei in italienischen Mafiafilmen zumindest eine Statistenrolle zugedacht bekommt (und in späteren Jahren, mit der Hinwendung zum Poliziesco, immer mehr zuvor Hauptrolle wird), kommt sie hier schlicht nicht vor. Was auch immer die Bösen tun bleibt hier ungesühnt, was der Szenerie eine überwiegend irreale Atmosphäre verleiht.

Otto: Wer schneller schießt hat mehr vom Leben!

Innerhalb derer gibt es dann einen sehr gelungenen Cast zu sehen, an dessen Spitze sich Herbert Fleischmann und Henry Silva bekriegen. Erster war seinen Zuschauer vor allem durch seinen Auftritt in der 1965 hergestellten Sci-Fi-Serie RAUMPATROUILLE – DIE PHANTASTISCHEN ABENTEUER DES RAUMSCHIFFES ORION bekannt und hier gibt er dann einen sehr trefflichen, alteingesessenen Mafiaboss. Zunächst noch voll stoischer Ruhe, dann vom Tode seines Sohns hart getroffen schafft es Fleischmann gekonnt, die Rolle mit einer Mischung aus nötigem Ernst und überzeichnetem Gehabe zu spielen. Henry Silva, der sich seit einigen Jahren in diversen Italowestern verdiente und der durch sein Mitwirken in Fernando Di Leos Klassikern DER MAFIABOSS – SIE TÖTEN WIE SCHAKALE (1972) und DER TEUFEL FÜHRT REGIE (1973) bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt hatte, gibt als Kontrast einen sehr viel kühleren Emporkömmling, der Fleischmanns Westermann das Wasser abzugraben versucht. Mit seiner gewohnt kühlen Mimik und einigen sehr düsteren Szenen sorgt Silvas Luca Messina hier meist für das niederträchtige Moment.

Lächeln kann Luca (neben der Szene, in der Fleischmann mit seinem Boot mal eben auf einen Steg kachelt) nur, wenn seine Tochter Sylvia, gegeben von Patrizia Gori, auftritt. Die 23-jährige gibt hier ihre erste große Rolle, bevor sie dann in den schmierigen Tiefen des italienischen Genrekinos verschwinden sollte, und dient dabei vor allem als Fleisch gewordene Unschuld. Trotz ihrer Liebesbeziehung zu Erik ist Sylvia das Aushängeschild des Guten und Unverdorbenen und hat somit, anders als die – wieder mal – lediglich als Schauwert dienende Sonja Jeannine, eine durchaus sinnvolle Rolle inne. Als ihr Verehrer und Gefährte darf dann Horst Janson ran, der sich zwar redlich müht, mit seinen 38 Lenzen allerdings arge Probleme damit hat, den gedankenlosen Jüngling zu geben. Genrebekanntheiten wie Raf Baldassarre und Dan van Husen runden schließlich einen Cast ab, der kaum Grund zur Beanstandung bietet.

Otto: Engelsgesicht, fummel‘ nicht immer an dir rum! Und puhl‘ nicht dauernd in den Zähnen! Mach lieber mal ‘nen Kaffee, aber ‘nen bisschen dallidalli!
Tilly: Otto, manchmal weiß ich nicht, ob ich bei dir als Putze oder als Betthäschen engagiert bin.
Otto: Als Betthäschen, nur als Betthäschen …

Gleiches gilt für die Musik, deren Herkunft relativ schwer zu bestimmen ist. Neben dem Deutschen Rolf Kühn war auch der Italiener Coriolano Gori an dieser beteiligt. Der Grund für die Unklarheiten ist, dass zwei Schnittfassungen des Films existieren, die sowohl visuelle als auch akustische Unterschiede aufweisen. Fest steht aber, dass Goris treibende Titelstücke in beiden Fassungen Verwendung fanden, sich bezüglich des übrigen Klangbilds allerdings Unterschiede auftun. Das gilt auch für die Szenenfolge und die Charakterzeichnung, die sich stellenweise deutlich voneinander unterscheiden. Insgesamt kommt die italienische Fassung so etwas kürzer und rauer weg und wird so zu einer reizvollen Alternative; auch, weil sie sich die, in der deutschen Fassung durch Messinas Mutter dargestellten, dümmlichen Scherze über Italiener spart.
Egal in welcher Fassung bleibt ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN aber ein wundervoller Beweis dafür, dass deutsches Kino auch abseits von Schmuddel-REPORTEN und Krimis, abseits von Fernost-Exotik und EGDAR WALLACE-Stereotypen prächtige Unterhaltung bieten konnte. Roland haut seinem Zuschauer hier wundervolles Stück Exploitationkino um die Ohren und hat damit einen Platz ganz weit vorne in der Krautsploitation inne.

Wundervoll schmieriger und mit massig Action angereicherter Milieu-Reißer, der das Konzept der italienischen Mafiafilme prächtig nach Norddeutschland transferiert. Tolle Mimen und eine rasante Inszenierung machen den Streifen dann zu einem echten Hingucker.

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Eine Antwort zu “ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN

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