CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO

Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo
Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo | Deutschland | 1981
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nach einer düsteren Jugend in der Gropiusstadt, einer Plattenbausiedlung in Berlin, gerät die junge Christiane (Natja Brunckhorst) über Freunde in die örtliche Drogenszene. Was zunächst harmlos beginnt, führt schnell zum Heroin und in die Prostitution. Auch ihr Freund Detlef (Thomas Haustein) entstammt diesem Milieu, was einen Entzug ungleich schwieriger macht.

Als die beiden Stern-Reporter Kai Hermann und Horst Rieck 1978 das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo veröffentlichten, wurde das schon latent bekannte Heroinproblem zahlreicher deutscher Jugendlicher vollends zur bestimmenden Schlagzeile. Die beiden hatten das bisherige Leben der heroinabhängigen Christiane Felscherinow nach Tonbandaufnahmen verschriftlicht und somit den deutschen Jugendbuch-Klassiker schlechthin geschaffen. Zur gleichen Zeit hatte der aufstrebende Produzent Bernd Eichinger einen Großteil der Konkursmasse der Constantin Film erworben und daraus die Neue Constantin Film gemacht. Mit einem beeindruckend großen Budget von rund vier Millionen DM sollte Eichinger dann mit der Verfilmung des Romanerfolgs seinen ersten großen Wurf landen.
Für den Posten des Regisseurs war dann Roland Klick auserwählt worden, der 1970 mit dem Neo-Western DEADLOCK für Aufsehen gesorgt hatte. Klick galt gemeinhin als exzentrischer Autorenfilmer, der die brisante Vorlage schwungvoll umzusetzen in der Lage sei. Doch kurz vor Drehbeginn häuften sich ob Klicks unkonventionellen Methoden die Zwistigkeiten zwischen ihm und Eichinger, was letztlich dazu führte, dass der Regisseur die Segel streichen musste. An seiner statt übernahm dann Uli Edel, der zuvor eine Handvoll TV-Produktionen umgesetzt hatte, das Ruder. Zusammen mit dem Drehbuchautoren Herman Weigel war Edel dann an einer stark überarbeiteten Fassung des Drehbuchs beteiligt, der man bis heute nachsagt, sie habe gegenüber den von Klick konzipierten Entwürfen deutlich an Schlagkraft eingebüßt. Ob das tatsächlich der Wahrheit entspricht, ist nicht mehr zu überprüfen, in Anbetracht der emotionalen Gewalt des Films scheint diese Behauptung aber zumindest anzweifelbar.

Christiane: Bumsen is‘ bei mir nicht drin!
Freier: Und warum nicht?
Christiane: Hör‘ mal, ich hab ‘nen Freund!
Freier: Dann bläste mir einen.
Christiane: Da muss ich kotzen …
Freier: Dann bleibt aber nicht mehr viel …

Denn Edel gelingt es ohne Weiteres, die simpel formulierte, aber nichtsdestotrotz durchschlagende emotionale Überforderung, die die Buchvorlage prägt, auf die Leinwand zu transportieren. Ohne sich den Charakteren unnötig anzubiedern, zeigt er in bedrückendem Realismus die Ausweglosigkeit, derer sich die jungen Menschen am Bahnhof Zoo gegenübersahen. Schönster Beleg für Edels Widerwillen, sich klischeebeladenen Holzhämmern hinzugeben, ist vielleicht die Entscheidung, Christianes Vater gar nicht auftreten zu lassen. Während das Buch die ersten 50 Seiten mit unzähligen Schilderungen von Prügeln und anderen Misshandlungen verbringt, zeigt Edel keinen einzigen Schlag. So umgeht er die Gefahr, die Anfälligkeit für Heroinsucht lediglich auf Kinder aus zerrütteten Elternhäusern zu projizieren; und gleichzeitig erhöht er so den Schrecken bei Zuschauern aller sozio-kulturellen Hintergründe.

So folgt der Zuschauer dann einer ausweglosen Geschichte, die zu korrigieren so einfach scheint, aber so unmöglich ist. Er muss verstehen, dass Sucht etwas ist, was rationale Gedanken unmöglich macht und irrationales Handeln befördert. Dazu bedient sich Edel auch durchaus drastischen Aufnahmen und Mitteln: Prostitution, Verwahrlosung und körperlicher Verfall werden erschreckend realistisch dargestellt und machen manche Szene zu einer Belastungsprobe. Der erste Entzugsversuch von Christiane und Detlef, Drogenkonsum auf öffentlichen WC-Anlagen oder Christianes erster Freier, diese Szenen sind – obwohl Edel zusammen mit seinen Kameramännern Jürgen Jürgens und Justus Pankau auch hier stets eine gewisse Distanz wahrt – harte Tobak, der die Aussage des Films mehr als deutlich vorträgt; und diese Spekulationen über eine eventuell jugendgefährdende Wirkung des Gezeigten doch nicht abzuwehren vermochte.
Innerhalb diese wundervollen halb-dokumentarischen Aufnahmen sind es dann vor allem die Darsteller, die den Film greifbar machen. Die bei den Dreharbeiten 14-jährige Natja Brunckhorst füllt die Rolle der Christiane nahezu perfekt aus und überrascht – besonders in Anbetracht der Tatsache, dass sie zuvor über keinerlei Schauspielerfahrung verfügte – mit ebenso glaubwürdigem wie bodenständigem Spiel. Aber auch die ebenfalls schauspielunerfahrenen Thomas Haustein als Detlef und Jens Kuphal als Axel beeindruckend mit ihren Darbietungen. Daneben gibt es noch zahlreicher Laien zu sehen, von denen einige auch Angehörige der örtlichen Drogenszene waren, was die Unmittelbarkeit des Schauspiels – ebenso wir ihr Stattfinden an Originalschauplätzen – noch einmal erhöht. Neben der gekonnten Inszenierung ist es also vor allem den tollen Mimen zu verdanken, dass der Film trotz seiner über zwei Stunden Laufzeit kaum Längen zu durchstehen hat.

Christiane: Ey, haste überhaupt was zum Anziehen?
Babsi: Ja, ich bin ja nicht nackt hergekommen.
Christiane: Kannst doch nicht immer in den gleichen Klamotten rumlaufen.
Babsi: Warum nicht?

Der Vorlage getreu zeichnet dann David Bowie für einen Großteil der im Film verwendeten Musik verantwortlich. Neben seinem zum inoffiziellen Soundtrack des Films gewordenen Heroes sind es zahlreiche andere seiner Stücke, die Melancholie und Ausweglosigkeit einfangen und in Worte fassen. Die übrigen Klänge besorgte Jürgen Knieper, der ebenfalls ein feines Ohr beweist und den ohnehin schon bedrückenden Einstellungen des Films die passenden, teils niederschmetternden Töne verleiht.
So ist der Streifen dann letztlich nicht nur eine überaus gelungene Literaturverfilmung, sondern auch eine der eindringlichsten und schonungslosesten Auseinandersetzungen mit den Drogenproblemen in der Bundesrepublik. Stellenweise wundervoll fotografiert und trefflich inszeniert unterhält er auch auf formaler Ebene uneingeschränkt und mauserte sich so nicht nur schnell zu einem beeindruckenden finanziellen Erfolg (der Eichinger und seiner neuen Constantin Film einige weitere Kracher ermöglichen sollte), sondern bis heute zu einem Kultfilm und Klassiker. Und wenn man Christiane mal wieder durch die neonerleuchtete Nacht stromern sieht, auf dem Weg zu Bahnhof Zoo, dann sagt einem der Schauer auf dem Rücken auch, weshalb das so ist.

Großer Klassiker des deutschen Films, der auch heute nichts an Eindringlichkeit und Wirkung verloren hat. Grandios gespielt und gekonnt inszeniert, proträtiert der Film ein Leben, ohne über selbiges zu richten. Das macht zwar keinen Spaß, fesselt aber ungemein.

Eine Antwort zu “CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO

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