ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN

Rocco – Der Mann mit den zwei Gesichtern
Sugar Colt | Italien/Spanien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Kurz nach dem Bürgerkrieg verwindet ein Bataillon an Soldaten der Nordstaaten spurlos. Der ehemalige Revolverheld Rocco (Jack Betts) wird von seinem väterlichen Freund Pinkerton (Georges Rigaud) damit beauftragt, die Truppe zu finden. In dem Dorf Snake Valley, dem Ort des Verschwindens der Soldaten, angekommen, muss Rocco jedoch feststellen, dass ihm ein kniffeliger Fall bevorsteht.

Nachdem er für Sergio Leones Meisterwerk FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR (1964) ein paar Aufnahmen beigesteuert hatte, konnte Franco Giraldi mit seinem Regiedebut DIE 7 PISTOLEN DES MCGREGOR (1965) einen durchaus ordentlichen Italowestern abliefern. In der folgenden Hochphase dieses Genres sollte er dann noch drei weitere Beiträge abliefern, von denen vor allem ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN zu den wirklich gelungenen Vertretern seiner Art gezählt werden darf.
Neben Sandro Continenza, Augusto Finocchi, Giuseppe Mangione sowie Giraldi selbst, war dann auch Fernando Di Leo an der Drehbucharbeit beteiligt. Di Leo hatte bereits an den Büchern zu FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR und FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) mitgearbeitet und war des Weiteren an Giraldis Regiedebut sowie Sergio Corbuccis gelungenem AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT (1966) beteiligt. Ab den 70er Jahren selber als Regisseur einiger der besten Polizieschi bekannt, war es dann Di Leo, der dem Skript zu Giraldis zweitem Italowestern eine Ausrichtung verpasste, die ihn von zahlreichen Genrekollegen jener Zeit abhebt.

Rocco: Sie wünschen, Madame?
Kundin: So eine Frage, Schießen lernen natürlich.
Rocco: Darf ich fragen warum?
Kundin: Ich möchte meinen Mann umlegen, es muss sein. Da ich eine Dame bin, wünsche ich es mit Stil zu tun.
Rocco: Wie schön für Ihren Gatten!

Der Film macht aus seiner Hauptrolle nämlich quasi einen Geheimagenten, der sich in bester JAMES BOND-Manier in ein Dorf einschleicht, dessen Geheimnis es zu ergründen gilt. Zunächst noch als dümmlicher Arzt verkleidet, wird seine Identität dann jedoch enthüllt, was den Protagonisten dazu zwingt, sich anderer Hilfsmittel zu bedienen um den Kriminalfall aufzudecken. Neben diversen Gadgets finden dabei vor allem List und Einfallsreichtum Anwendung und diese lassen Rocco oftmals wie einen Geheimagenten aus der Mitte der 60er Jahre wirken.

Des Weiteren ist die Rolle quasi der Gegenentwurf zu Sergio Corbuccis im selben Jahr veröffentlichtem DJANGO (1966). Während Franco Nero dort als schwarz-gewandeter Rächer durch die Matsche streift, präsentiert Giraldi mit Rocco einen feinzüngigen Gentleman, der zwar keineswegs weniger begabt mit dem Revolver hantiert, sich mit einem gepflegten Umgangston und allerlei ironischen Kommentaren aber bzgl. des Auftretens deutlich von diesem distanziert. Tatsächlich ist Rocco ein auffällig facettenreicher Charakter, der nicht auf den ersten Blick zu durchschauen ist. Diese Rolle agiert dann innerhalb einer Krimihandlung, die zwar immer wieder ironische Brechungen erfährt, in ihrem Kern allerdings eine ernste, stellenweise sogar tragische Geschichte bleibt.

Rocco: Wir wollen doch nicht übertreiben. Ich könnte mir etwas Schlimmeres vorstellen, als von mir einen Kuss zu bekommen.

Dieser toll gezeichnete Charakter wird vom US-Amerikaner Jack Betts dann sehr trefflich und mit viel Feingefühl gespielt. Betts, der sich bis dato als TV-Darsteller in Übersee verdingt hatte, feierte mit dieser Rolle sein Debut im italienischen Genrekino, dem er auch die folgenden fünf Jahr treu bleiben sollte. Er bringt den Rocco nicht nur glaubhaft, sondern auch voller ironischer Distanz, was mit der wie erwähnt ebenfalls immer mal wieder augenzwinkernden Geschichte bestens zusammenarbeitet. An Betts Seite gibt die Spanierin Soledad Miranda, die kurz darauf zur Dauerhauptrolle von Jess Franco werden sollte, eine gelungene Rolle als zunächst abweisende, dann zunehmend involvierte Schönheit Josefina, der mit Gina Rovere, die kurz darauf im Spencer/Hill-Debut GOTT VERGIBT – DJANGO NIE! (1967) glänzen sollte, eine toughe Tante zur Seite steht. Giuliano Raffaelli schließlich, der zwischen seinen zahlreichen Nebenrollen hier seinen wahrscheinlich bedeutendsten Auftritt hat, darf als niederträchtiger Colonel Haberbrook einen ordentlichen, wenn auch letztlich austauschbaren Antagonisten geben.
Giraldi inszeniert dann flott und abwechslungsreich und bringt so die an Eigenheiten nicht arme Geschichte auch in den Formalia des Films gekonnt unter. Der bekannte Italowestern-Kameramann Alejandro Ulloa gibt hier sein Genre-Debut und unterhält mit diversen einfallsreichen Einstellungen und einer grundsätzlich sauberen Arbeit. DJANGO-Komponist Luis Bacalov steuert dann noch einen gelungenen – in einen Spitzen sogar großartigen – Score bei und somit braucht sich der Film auch formal nicht vor seinen Genrekollegen zu verstecken. Es bleiben aber letztlich doch die originelle Agenten-Story und die großartig geschriebene und gespielte Hauptrolle, die ROCCO – DER MANN MIT DEN ZWEI GESICHTERN zu einem ebenso erfrischenden wie unterhaltsamen Vertreter des Italowestern machen.

Diese Mixtur aus Agentenfilm und Italowestern funktioniert auffällig gut und unterhält vor allem wegen der großartig geschriebenen und gespielten Hauptrolle prächtig.

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