DIE RECHNUNG GING NICHT AUF

Die Rechnung ging nicht auf
The Killing | USA | 1956
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Gerade wieder auf freiem Fuß plant der Ex-Knacki Johnny Clay (Sterling Hayden) einen großen Überfall auf die Kasse einer Pferderennbahn. Dazu stellt er eine sehr heterogene Truppe von Komplizen zusammen, zu der auch der Kassierer George Peatty (Elisha Cook Jr.) zählt. Dessen dominante Frau Sherry (Marie Windsor) kommt jedoch hinter den Plan und gefährdet so das ganze Unternehmen.

1955 konnte Stanley Kubrick mit DER TIGER VON NEW YORK einen künstlerischen Achtungserfolg landen, der ihm jedoch finanziell keinerlei Gewinne bescherte. Also war es auch ein Jahr später eine große Herausforderung für den angehenden Filmemacher, ein Budget für sein nächstes Projekt aufzutreiben. Da kam es ihm mehr als gelegen, dass er den ebenfalls aufstrebenden Filmverleiher James B. Harris traf, der seinen Verleih zu verkaufen gedachte, um ein Produktionsstudio zu gründen. Zusammen schufen die beiden dann die Harris-Kubrick Productions, mit Hilfe derer es gelang, weitere Geldgeber zu akquirieren. Die United Artists stellten der Produktion knappe 200.000 US-Dollar zur Verfügung und Harris sowie dessen Vater erweiterten dieses Budget um weitere rund 100.000 US-Dollar, sodass Kubrick mit etwas über 300.000 US-Dollar an Gesamtkapital planen konnte. Die Gründung der eigenen Gesellschaft und die Zusammenarbeit mit UA hatten allerdings auch zur Folge, dass Kubrick sein angestammtes New York verlassen musste, um fortan in Hollywood tätig zu sein; mit all den daraus folgenden künstlerischen Konsequenzen.

Maurice: Menschen wie du sind Stiefkinder des Schicksals. Eigenwilligkeit und Originalität sollte man schon in der Wiege erdrosseln, sie schaffen nur Verdruss.

Da sich sowohl bei seinem Erstling FEAR AND DESIRE (1953) als auch bei DER TIGER VON NEW YORK das Drehbuch als Schwachpunkt herauskristallisiert hatte, war Kubrick an dieser Stelle von Anfang an auf Unterstützung bedacht und holte sich den von ihm äußerst geachteten Pulp-Autoren Jim Thompson ins Boot. Des Weiteren ging Kubrick erstmalig einen Schritt, der in der Zukunft typisch für ihn werden sollte und sicherte sich für 10.000 US-Dollar die Rechte an einer Romanvorlage. Der Millionencoup von Lionel White wurde dann von Kubrick und Thompson in eine spielfilmgerechte Form überführt, wobei jedoch die zentralen Eigenheiten der Vorlage, das Aufbrechen der zeitlichen Kontinuität und die Multiperspektivität, beibehalten wurden.
Und tatsächlich sind es im fertigen Film vor allem diese beiden Aspekte, die für Spannung und Unterhaltung sorgen. Die Geschichte setzt sich für den Zuschauer nur schrittweise zusammen, die einzelnen Elemente ergeben erst kurz vor Schluss ein funktionierendes Gesamtbild. Bis dahin ist es vor allem der stoische, gerade lakonisch-dokumentarische Off-Kommentar, der die Geschichte beieinander hält. Zusammen mit den zahl- und facettenreichen Charakteren entsteht so ein Gewebe, das aus einer an und für sich überschaubaren Heist-Storyline eine fesselnde Erfahrung macht.

Als Kopf der Darstellerschaft agiert Sterling Hayden in der Rolle des gewieften Johnny Clay. Die UA forderten als Gegenleistung für ihre finanzielle Beteiligung einen bekannten Namen in der Besetzungsliste und tatsächlich konnte Harris Kubricks Favoriten Sterling, der seit John Hustons ASPHALT-DSCHUNGEL (1950) ein gefragter Mime war, zur Mitarbeit bewegen. So verfügte Kubrick zum ersten Mal über einen wirklich großen Schauspieler, den er auch gekonnt einzusetzen weiß. Hayden trägt die Geschichte spielerisch, was er allerdings auch der starken Rückendeckung durch die übrigen Mimen zu verdanken hat.

Fay: Johnny, du musst fliehen!
Johnny: Nein, das hat keinen Sinn mehr.

Denn ein weiterer großer Kniff des Films ist, dass er die Gruppe von Kriminellen sehr heterogen zusammenstellt. Allen voran der schüchterne und von seiner Frau Sherry unterdrückte George wird von Elisha Cook Jr., der diesen Charakter im Laufe der Jahre in unzähligen Produktionen verkörperte, vortrefflich gegeben. Aber auch Ted de Corsias Bulle Randy oder Joe Sawyers Wirt Mike, der nur das Geld für die Behandlung seiner Frau auftreiben möchte, sind Charaktere die der Gruppe einiges an Facetten verleihen. Marie Windsor trumpft als Georges dominante Gattin Sherry ebenfalls auf, auch wenn ihre Rolle ein wenig zu überzeichnet angelegt ist.
Am erstaunlichsten ist dann sicherlich, dass der in späteren Jahren so ausschweifende Kubrick diesen Cast dann sehr konzentriert und reduziert in der Geschichte verortet. Alles, was es zu sehen gibt, hat seinen Sinn, nichts ist überflüssig. Jede Handlung, jede Szene ist somit für das Gesamtwerk grundlegend, was dem Film einiges an Tempo verleiht. So kann leichthin – ohne dabei jedoch eine Bewertung zu intendieren – behauptet werden, dass es sich bei DIE RECHNUNG GING NICHT AUF um Kubricks stringentesten Film handelt.

Bezüglich der Inszenierung macht der 28-Jährige gleich mehrere Schritte vorwärts und präsentiert dem Zuschauer eine bereits sehr ausgereifte Darstellungsweise. Obwohl es ihm die Gilden Hollywoods untersagten, selbst als Kameramann zu agieren (stattdessen übernahm Lucien Ballard), und obwohl es deshalb mehrfach zu Disputen am Set kam (aus denen Kubrick jedoch stets als Sieger hervorging), kann man die Handschrift des späteren Meisters der Inszenierung schon deutlich erkennen. Wiederum stark durch den Film Noir beeinflusst bieten sich dem Zuschauer am laufenden Band tolle Einstellungen und Kamerafahrten dar, die einen trefflichen Kontrast zu den schattenreichen Aufnahmen der Innenräume darstellen.

Fay: Manchmal habe ich schreckliche Angst, Johnny. Ich hab doch keinen Menschen außer dir. Ich bin nicht hübsch und sehr klug bin ich auch nicht. Bitte lass mich nie wieder allein, bitte!

Dass der Film seinen einigermaßen geregelt verlaufenden Coup dann in einem Desaster für alle Beteiligten enden lässt, untermauert dabei noch einmal die enge Verbindung von Heist-Movie und Film Noir, die Kubrick hier entwirft. Zahlreiche Analogien zeichnen die tatsächlichen Geschehnisse vor bzw. nach und deuten ebenfalls auf Kubricks entstehende Leidenschaft für Bildsprache hin: die wertlosen Billets auf dem Boden, George hinter den Gittern seiner Kasse oder ein Toter neben einem sein Leben lang eingesperrten Vogel sind nur einige der Parabeln, die es im Film zu entdecken gibt.
Und obwohl auch die zeitgenössische Kritik mit dem Film deutlich wohlwollender umging als es bei seinen beiden Vorgängern der Fall war, vermochte auch dieser dritte Spielfilm Kubricks sein Budget nur knapp wieder einzubringen. Dass kann retrospektiv aber vernachlässigt werden, denn mit DIE RECHNUNG GING NICHT AUF machte Kubrick die entscheidenden Schritte hin zum professionellen Filmemacher. Auch deshalb stellt der Streifen bis heute einen frühen Klassiker der Genres Heist-Movie und Gangsterfilm dar und wurde auch deshalb in seiner Struktur und Erzählform vielfach zitiert und kopiert.

Im dritten Anlauf gelingt Kubrick endlich der große Wurf, der ihm die Pforten zu Größerem öffnen sollte. Neben der tollen Inszenierung ist es dabei vor allem die Erkenntnis, dass es für ihn ratsam ist, sich für seine Werke Vorlagen in der Literatur zu suchen, die einen entscheidenden Entwicklungsschritt darstellt. So entstand mit DIE RECHNUNG GING NICHT AUF ein Vorreiter des Heist- und Gangsterfilms, der bis heute uneingeschränkt zu empfehlen ist.

3 Antworten zu “DIE RECHNUNG GING NICHT AUF

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