DER PATE VON HARLEM

Der Pate von Harlem
Black Caesar | USA | 1973
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem er sich als Jugendlicher mit kleinen Jobs durchgeschlagen hat und dabei von dem rassistischen Bullen McKinney (Art Lund) dauerhaft am Bein verletzt wurde, geht der Afroamerikaner Tommy Gibbs (Fred Williamson) als Erwachsener selbst daran, zum Mafiaboss aufzusteigen. Schnell stellen sich Erfolg und Gewinn ein, doch sein Privatleben leidet und letztlich wird die Rache an McKinney wichtiger als alles andere …

Nachdem der gebürtige New Yorker Larry Cohen mit dem zwiespältig rezipierten BONE (1972), dem mit Yaphet Kotto ebenfalls ein schwarzer Hauptdarsteller vorsteht, sein Spielfilmdebut vorgelegt hatte, sollte er sich ein Jahr später dem florierenden Blaxploitation-Genre zuwenden. Zwei Jahre zuvor hatten SWEET SWEETBACKS LIED (1971) und SHAFT (1971) das Genre (teils unfreiwillig) begründet und schon zwei Jahre später sahen sich derlei Filme dem Vorwurf gegenüber, sie würden nur die Vorurteile der Weißen bedienen. Dass der erfolgreiche BLACULA (1972) gar von Weißen produziert wurde, verlieh dem Vorwurf, das schwarze Kino diene lediglich weißen Interessen, zusätzlich Munition.

Joe: Und zweitens werden wir dafür sorgen, dass die Straßen sauber werden. Der Müll wird abgeholt und bei den Weißen abgeladen.

Umso erstaunlicher fällt da Larry Cohens für American International Pictures gedrehter Beitrag aus. Cohens selbstgeschriebenes Drehbuch hält sich erstaunlich weit von den gängigen Klischees und Mechanismen anderer Blaxploiter entfernt und konzentriert sich stattdessen sehr stark auf seine Hauptfigur. Doch Tommy Gibbs ist mitnichten ein Stereotyp des schwarzen Kinos (auch wenn einige Szenen dem Zuschauer ebendies glauben machen wollen), sondern eine facettenreiche Figur, deren Hauptfarbe eben nur eine Eigenschaft seiner Persönlichkeit darstellt. Gibbs hat eine schwierige Vergangenheit, Gibbs hat soziale Defizite, Gibbs versteht die ihn umgebende Welt nicht vollständig und somit versucht er sie seinen Regeln zu unterwerfen.

Dass dieser während seines Aufstieges noch überwiegend positiv konnotierte Hauptcharakter dann seine Freundin vergewaltigt, sondern besten Freund misshandelt, seinen Vater bedroht und letztlich seinem Erzfeind McKinney mit den gleichen rassistischen Ressentiments begegnet, die dieser ihm damals zu teil werden ließ, verwandelt ihn letztlich zu einem tragischen Helden, der am Ende allen Kredit beim Zuschauer verspielt hat. Diese von Cohen einfallsreich skizzierte Ambivalenz stellt dann auch die große Stärke des Films dar, hebt sich der Streifen doch genau deshalb vom Gros der vordergründigen Blaxploitation-Reißer jener Tage ab.

Gibbs: So möchte ich das Schwein: reich und fett – bevor ich ihn erledige!

Leider fehlte Cohen respektive seinen Produzenten der Mut, den Film zu einem echten Epos auszuweiten, denn wie Brian De Palma mit SCARFACE (1983) oder Martin Scorsese mit GOODFELLAS – DREI JAHRZEHNTE IN DER MAFIA (1990) Jahre später belegen sollten, braucht das Vorhaben, den Aufstieg und Fall eines Menschen umfassend zu porträtieren, seine Zeit. Cohens Film hingegen, der seine Grundidee von Mervyn LeRoys Gangsterfilm-Klassiker DER KLEINE CAESAR (1931) entleiht, muss in Anbetracht seiner nur knapp 90 Minuten Laufzeit oftmals Stauchungen hinnehmen und verkommt so stellenweise zu sehr stakkato-haften Zusammenschnitten. Dass die Geschichte letztlich trotzdem überwiegend stringent bleibt, ist sicherlich Cohens schon hier erkennbarem inszenatorischem Können zu verdanken.

Ähnlich muss man übrigens über Fred Williamson sprechen, der hier nach NIGGER CHARLY (1972) und HAMMER (1972) seine dritte Genre-Rolle abliefert. Und tatsächlich offeriert das spätere Blaxploitation-Aushängeschild hier eine durchaus beachtliche, da bodenständige Leistung. Fernab vom Overacting späterer Tage spielt Williamson den Tommy Gibbs überlegt und bedacht und auch seine späteren Wutausbrüche fallen nachvollziehbar und genau deshalb sehr bedrückend aus. D’Urville Martin, der zuvor in den gleichen Werken wie Williamson zu sehen war, kann da als Freund und Reverend durchaus mithalten, auch wenn er manches Mal etwas zu übermotiviert zu Werke geht.

Gibbs: Willst du’s nicht aufmachen? Keine Angst, tickt nicht.

Leider fällt Gloria Hendrys, die im gleichen Jahr in LEBEN UND STERBEN LASSEN (1973) das erste schwarze Bondgirl geben sollte, Rolle im Gegensatz dazu etwas blass aus. Das liegt jedoch weniger an Hendrys Spiel, als vielmehr an der Konzeption der Figur; auch hier wäre mehr Spielzeit wohl einer umfassenderen Ausarbeitung der Rolle dienlich gewesen. Art Lund darf dann als mieser weißer Widersacher die genreüblichen Stereotype verkörpern und Hollywood-Schwergewicht Val Avery bekommt als Mafia-Pate Cardoza in einer Nebenrolle sein Fett weg.
Neben Cohens atmosphärischen Aufnahmen von New York (man merkt ihm seine Verbundenheit mit der Stadt stark an) ist es dann vor allem der Soundtrack, der maßgeblich zum Flair des Films beiträgt. Verweigert sich der Streifen den gängigen Klischees ansonsten standhaft, ist der von Lyn Collins und Fred Wesley arrangierte und mit zahlreichen Hits von James Brown versehene Score tatsächlich besten Genre-Ware. Funkige Sounds und soulige Rhytms tragen maßgeblich zum gelungenen Gesamtkonzept bei und wenn gleich zu Beginn Browns Down and out in New York ertönt, dann dürften die meisten Zuschauer ihr Herz schon an den Soundtrack/den Film verschenkt haben.

Larry Cohens zweiter Spielfilm ist ein erstaunlich eigenständiger Blaxploiter, der mittels einer facettenreichen und obendrein vom jungen Fred Williamson gut gespielten Hauptfigur punkten kann. Die treffliche Inszenierung und ein grandioser Soundtrack machen dann die durch die kurze Spielzeit bedingten inhaltlichen Sprünge locker wieder wett und verschaffen dem Streifen so einen Platz recht weit oben in der Genre-Hitliste.

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3 Antworten zu “DER PATE VON HARLEM

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