CHINATOWN

Chinatown
Chinatown | USA | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Privatdetektiv Jake Gittes (Jack Nicholson) wird mit einem Fall beauftragt, der sich schnell vom Ehebruch zum Mord auswächst. Dass dabei auch die Wasserversorgung der Metropole Los Angeles eine Rolle spielt, verkompliziert die Lage ebenso, wie das Auftauchen der undurchsichtigen Evelyn Mulwray (Faye Dunaway).

Nach den großen Erfolgen von TANZ DER VAMPIRE (1967) und ROSEMARIES BABY (1968) sollte Roman Polanskis sich gerade auf dem aufsteigenden Ast befindliche Karriere einen massiven Einschnitt erleiden. Seine zweite Frau Sharon Tate fiel 1969 einem Mord durch den Manson Clan zum Opfer und Polanski zog sich voller Wut, Trauer und Schuldgefühle aus Hollywood zurück. So entstanden die bluttriefende Shakespeare-Adaption MACBETH (1971) und die satirische Komödie WAS? (1973) überwiegend im alten Europa, bevor Polanski dann 1973 in die USA zurückkehrte und dort für Paramount, und somit erstmals für einen der großen Player, den Neo-Noir-Kriminalfilm CHINATOWN inszenieren sollte. Den Weg dafür ebnete der Produzent Robert Evans, der Polanski schon von den Dreharbeiten zu ROSEMARIES BABY kannte und der aus Paramount im Verlaufe der frühen 70er Jahre das erfolgreichste unter den US-amerikanischen Filmstudios gemacht hatte.

Noah Cross: Politiker, alte Häuser und Huren haben alle einen guten Leumund, wenn sie es lange genug durchstehen.

Für das Drehbuch setzten sich Polanski und Robert Towne, der 1967 bereits am Skript zu Arthur Penns BONNIE UND CLYDE beteiligt war, zusammen und schufen auf Grundlage der Autoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler ein Buch, welches den Geist derer Hardboiled-Novels aufgriff und diesen mit dem ebenso darauf fußenden Film Noir verband. Anstatt dann aber – den zahlreichen Vorlagen nacheifernd – auf vordergründige Unterhaltung und Atmosphäre zu setzen, verbanden Polanski und Towne die düstere, einsame Welt der literarischen Inspirationen mit einer anspruchsvollen Geschichte um den Wasserskandal, der Los Angeles in den 20er und 30er Jahren fest in seinem Griff hatte. So erhält der Film neben seiner Gefühlsebene auch eine im höchsten Maße gesellschaftlich relevante Facette, die es ihm ermöglicht, ein unglaublich enges und dichtmaschiges Netz aus Personen und Geschehnissen zu knüpfen.

Der Zuschauer folgt so einer zahlreiche Charaktere umfassenden Handlung, die in ihren Stoßrichtungen immer wieder variiert. Eben noch Politik-Thriller wandelt sich der Film innerhalb von Minuten zu einem tiefemotionalen Drama um dann wiederum den Schwenk zu einem actionreichen Gangsterfilm zu vollziehen. Ständige Aufmerksamkeit ist von Nöten, um all diese unterschiedlichen Ebenen und deren Zusammenhänge zu erfassen und begreifen. Der Film zeichnet so ein äußerst realistisches Bild seiner Zeit und reißt den Zuschauer förmlich in diese hinein.
Natürlich ist diese Fähigkeit auch maßgeblich Polanskis Inszenierung zu verdanken. Zusammen mit den Kameramännern John A. Alonzo und Stanley Cortez, die atemberaubende Arbeit leisten, mischt der Regisseur seine ureigene klaustrophobische Art der Darstellung mit den Stilmitteln des Film Noir und schafft so einen sehr eigenständigen Look, der nicht nur die Zeit, in der der Film spielt, prächtig wiederspiegelt, sondern auch die Hardboiled-Detektivgeschichte wundervoll in den Blick fasst.

Ida Sessions: Sind sie allein?
Jake Gittes: Ist das nicht jeder?

Das diese so blendend funktioniert ist dann wiederum Jack Nicholson zu verdanken, der sich mittels dieses Films gänzlich in die A-Liga der Darsteller erheben konnte. Waren ihm zuvor mit diversen Corman-Reißern oder dem Klassiker EASY RIDER (1969) schon beeindruckende Auftritte gelungen, glänzt Nicholson als Jake Gittes wie nie zuvor. Unglaublich facettenreich und charaktertief gibt es den Detektiv, der stets zwischen Abgebrühtheit und Anteilnahme schwankt. Nicholson trägt den Film somit quasi alleine, die übrige Darstellerschaft, so stark sie auch aufspielen mag, steht immer einen Schritt hinter Nicholson zurück.

Dabei fällt auch Faye Dunaways Spiel äußerst beeindruckend aus, ist sie als good bad girl doch lange Zeit eine der spannendsten Figuren. Dunaway transportiert die zahlreichen Stimmungen und Motivationen der Figur dabei eindrucksvoll und biete dem überragenden Nicholson so eine nahezu ebenbürtige Partnerin. Die US-amerikanische Filmlegende John Huston, der als Regisseur des Film Noir-Grundsteins DIE SPUR DES FALKEN (1941) im Genre zu Hause ist, ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben und gibt dem Film als zunehmend wahnsinniger Noah Cross gerade gen Ende eine äußerst bedrückende Facette. Aber auch in den Nebenrollen ist der Film mit Perry Lopez als Lieutenant Escobar oder John Hillerman als zwielichtigem Wasserunternehmer Yelburton trefflich besetzt. Polanski selbst gönnt sich einen Cameo-Auftritt als messerschwingender Nasenschlitzer. Gerüchten zufolge ließ er den Dreh dieser für Nicholson durchaus unangenehmen Szene dabei mehrfach wiederholen, um sich an seinem Hauptdarsteller für einige Meinungsverschiedenheiten am Set zu rächen.

Noah Cross: Ihr Ruf ist, gelinde gesagt, miserabel, Mr. Gittes. Ich mag das.

Neben Jerry Goldsmiths nahezu perfekt abgestimmter Musik und dem wie erwähnt genialen – und deshalb auch völlig zu Recht mit einem Academy Award prämierten – Drehbuch ist es dann sicherlich auch der geniale Kniff um den Terminus Chinatown, der den Film so faszinierend macht. Der Begriff wird hier zum Synonym für etwas Vergangenes, für etwas Düsteres, für etwas Gesetzloses. Und obwohl der Streifen nur wenige Minuten wirklich in Chinatown spielt, durchzieht das Wort den Film doch wie ein roter Faden. Als Analogie für ein düsteres Schicksal (welches sich am Ende tatsächlich vollzieht) werden die Buchstaben so im Verlaufe des Films immer mächtiger, bis das Finale dann mit aller Brachialität auf den Zuschauer einprasselt. Genial.
Der Umstand, dass Polanski all dies zu einem stringenten Gesamtwerk verbindet ist dabei gar nicht hoch genug zu würdigen, ist es doch gerade die perfekte Verbindung der schon für sich genommen großartigen Einzelelemente, die den maßgeblich Reiz diese Films ausmacht. Der Zuschauer durchlebt unzählige Situation und Geschichten, die allesamt in einer sowohl düster-enthobenen als auch lebensnahen Welt Platz finden. Humor und Tragik, Zukunft und Vergangenheit liegen hier unendlich nah beieinander und machen diesen Film zu einem wahren Erlebnis.

Polanskis Rückkehr in die USA sorgte dafür, dass er einen der grandiosesten Kriminalfilme und Neo-Noirs überhaupt schaffen konnte. Hier stimmt wirklich alles und so entsteht schlicht ein Film, den man gesehen haben muss!

2 Antworten zu “CHINATOWN

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