FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT

Falsches Spiel mit Roger Rabbit
Who Framed Roger Rabbit | USA | 1988
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Privatdetektiv Eddie Valiant (Bob Hoskins) soll anzügliche Fotos von Jessica, der Frau des Toons Roger Rabbit, machen. Doch was für Eddie zunächst nur wie ein kleiner Gehaltscheck wirkt, entpuppt sich schnell als riesige Verschwörung, die ihn fortan dazu zwingt, mit den verhassten Toons zusammenzuarbeiten …

Der 1981 veröffentlichte Mystery-Roman Who Censored Roger Rabbit? von Gary K. Wolf erregte gleich nach seiner Verlegung das Interesse von Walt Disney Productions und fand folglich umgehend den Weg in deren Ansammlung von Verfilmungsrechten. Regisseur Robert Zemeckis bot sich zeitgleich an, doch war man bei Disney der Meinung, dass dieser nach seinen wenig erfolgreichen Filmen I WANNA HOLD YOUR HAND (1978) und MIT EINEM BEIN IM KITTCHEN (1980) nicht für ein derartiges Projekt geeignet sei. Als wurschelte man ein paar Jahre auf eigene Faust herum, bevor man schließlich Mitte der 80er Jahre feststellen musste, dass die Produktion kaum ersichtliche Fortschritte machte.
1985 schließlich, das Projekt war mittlerweile quasi eingeschlafen, tat man sich mit Steven Spielbergs Amblin Entertainment zusammen und sorgte so für neuen Antrieb. Spielberg sorgte für das nötige Kleingeld, um die Produktion auf einem adäquaten Niveau zu ermöglichen, und auch Robert Zemeckis wurde wieder kontaktiert und durfte nun auf dem Regiestuhl Platz nehmen. Der hatte nämlich in der Zwischenzeit mit AUF DER JAGD NACH DEM GRÜNEN DIAMANTEN (1984) und ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT (1985) zwei riesige Erfolge landen können und war folglich bei Disney herzlich willkommen.

Eddie: Trinken wir auf die Bleistift-Schwinger. Mögen sie alle an Bleivergiftung eingehen!

Produzent Steven Spielberg war es dann auch, der dank seiner Kontakte innerhalb der Entertainment-Branche die nötigen Weichen stellen konnte, um einen Einsatz der Comicfiguren aus allen möglichen Häusern zu erwirken. Denn die Kernkompetenz des Films, die selbstreflexiven Auftritte zahlreicher gezeichneter Protagonisten konnte nur funktionieren, wenn eine möglichst breite Auswahl dieser Figur zu sehen sein würde. Also besorgte Spielberg neben den obligaten Disney-Figuren auch die Rechte an den Toons von Warner Bros., den Fleischer Studios, King Features Syndicate, Felix the Cat Productions, Turner Entertainment, Universal Pictures und Walter Lantz Productions. So war es dem Film dann möglich, einen nie zuvor gesehenen Querschnitt durch die Welt des US-amerikanischen Zeichentricks zusammenzutragen.

Und tatsächlich kommen Freunde dieser Unterhaltungsform voll auf ihre Kosten. Unzählige Charaktere bekommen (Kurz-)Auftritte und die Erfassung aller erscheinenden Figuren dürfte wohl so einiger Sichtungen des Films bedürfen. Im Zentrum steht aber der von Gary K. Wolf ersonnene Roger Rabbit, der als Mischfigur die Eigenschaften diverser berühmter Comicfiguren in sich verbindet und so vor allem der Parodie dient. Mittels dieser Rolle werden die gängigen Klischees des Zeichentricks einfallsreich und konsequent durchexerziert. Anders verhält es sich mit Jessica, die als Mixtur aus Toon und Mensch eine Sonderolle einnimmt. Als erotische Femme fatale kommt ihr eine exponierte Rolle zu, die sich sowohl in Design als auch im Auftreten wiederspiegelt.
Auf Seiten der realen Darstellerschaft ist es vor allem Bob Hoskins, der zuvor bereits in Nebenrollen in Francis Ford Coppolas COTTON CLUB (1984) und Terry Gilliams BRAZIL (1985) überzeugt hatte, der zu beeindrucken weiß. Seine Hard-Boiled-inspirierte Darstellung des gescheiterten Detektivs fällt äußerst beeindruckend aus und stellt dem stets überdrehten Roger einen kühlen und sarkastischen Kontrast gegenüber. Joanna Cassidy unterstützt diesen Eindruck trefflich und Christopher Lloyd darf nach seinem Doc Brown aus ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT hier ein weiteres Mal in einer überaus exzentrischen Rolle glänzen.

Baby Herman: Mein Problem ist, ich hab Lust wie‘n Fünfzigjähriger und ‘nen Schniedel wie‘n Dreijähriger …

Die große Stärke des Films besteht dann in der großartigen Verschmelzung von Tricktechnik und Realsequenzen. Gänzlich ohne CGI auskommend, schafften es die Tricktechniker des Films in einer beinahe zwei Jahre andauernden Kleinstarbeit, die beiden Welten äußerst trefflich miteinander zu verbinden. Da die realen Aufnahmen zunächst ohne die nachträglich eingefügten Comicfiguren gedreht wurden, es aber eine Vielzahl an Interaktionen letzterer mit der realen Welt gibt, waren immer wieder findige Lösungen und Tricks von Nöten, um die Effekte zu erzielen; von der Herausforderung für die Mimen ganz zu schweigen. Bei der Nachbearbeitung der 82.000 einzelnen Comicbilder half dann George Lucas Industrial Light & Magic und das Ergebnis ist wahrlich beeindruckend und macht einen maßgeblichen Anteil des optischen Reizes des Films aus.

Ebenfalls sehr gelungen ist die fiktive Welt in der der Film spielt. Die 40er Jahre in Kalifornien werden durch zahlreiche Zeitbezüge dargestellt und profiliert. Die Anwesenheit der Toons steht dem mitnichten gegenüber, sondern skizziert eine einfallsreiche Alternativrealität. Auch die auf Wolfs Grundidee beruhende Einbringung von Elementen des Film Noir passt wie die Faust aufs Auge und macht den Film so auch für Filmfreunde interessant, die mit der Comicwelt an sich weniger anfangen können.

Jessica: Sie wissen ja nicht, wie schwer es ist, eine Frau zu sein, die so aussieht wie ich.
Eddie: Tja, also Sie wissen auch nicht, wie schwer es ist, ein Mann zu sein, der eine Frau ansieht, die so aussieht wie Sie.

Und genau das macht auch eine weitere große Stärke des Films aus: er unterhält Groß wie Klein. Mögen jüngere Zuschauer sich vor allen an den aberwitzigen Eskapaden der gezeichneten Protagonisten erfreuen, können sich ältere Betrachter an einer durchaus gelungen Geschichte und einer anspielungsreichen und originellen Welt erfreuen. Die Bandbreite an Gags reicht sowohl von simpler Slapstick bis hin zu hintergründigen und anspruchsvollen Verweisen. Diese Ambivalenz macht den Film – so abgedroschen diese Phrase auch klingen mag – zu nahezu perfekter Unterhaltung für die ganze Familie.
Folgerichtig räumt der Streifen dann auch beim Kinopublikum aller Altersklassen ganz groß ab und konnte sein im Verlaufe der Produktion auf immense 70 Millionen US-Dollar angewachsenes Budget locker wiedereinspielen. Über 300 Millionen US-Dollar konnten weltweit eingenommen werden und die Frage nach einer Fortsetzung kam schnell auf. Da der Film aber von der charmanten Verschmelzung von klassischem Zeichentrick und Realfilm lebt, erscheint eine Fortführung in Zeiten der CGI-Ekstase kaum noch mach- bzw. finanzierbar. FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT wird also voraussichtlich ein alleinstehendes Werk und ein Kind seiner Zeit bleiben; und wahrscheinlich ist das auch gut so …

Tolle Verbindung von Trick- und Realfilm, die mittels einiger Film Noir-Anleihen, toller Darsteller und grandioser Trickeffekte zu begeistern weiß. Und dass der Streifen sowohl junge Zuschauer unkompliziert als auch ältere Betrachter anspruchsvoll zu unterhalten vermag, macht ihn zu einem wirklich großen Wurf.

Eine Antwort zu “FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT

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