VAMPYROS LESBOS – DIE ERBIN DES DRACULA

Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula
Vampyros Lesbos | Deutschland/Italien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die Anwältin Linda Westinghouse (Ewa Strömberg) wird von der Gräfin Nadine Carody (Soledad Miranda) auf deren Mittelmeerinsel eingeladen, um dort den Nachlass ihres verstorbenen Ehegatten zu regeln. Dass es sich bei dem Herrn um den berühmten Graf Dracula handelte, erfährt Linda allerdings zu spät.

1970 veröffentlichte Jess Franco seinen Vampir-Reißer NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT und landete damit einen unerwartet großen Erfolg. Und Franco wäre nicht Franco, wenn ihn ein Erfolg nicht dazu antreiben würde, diesen gehörig auszuschlachten. Also nahm er sich ein Jahr später erneut Abraham Stokers berühmtem Roman zur Brust und zimmerte unter der Mitarbeit von Jaime Chávarri und Anne Settimó ein weiteres Drehbuch zum Thema. Während NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT sich jedoch redlich darum bemühte, Figuren und Handlung des Romans originalgetreu umzusetzen, nimmt sich VAMPYROS LESBOS alle nur erdenklichen Freiheiten, um den Stoff aufzupeppen; und bekanntlich geht das mit viel nackter Haut am einfachsten.

Nadine: Es macht Spaß, nackt am Strand zu liegen. Besonders zu zweit!

Franco und Co. behalten also sämtliche Rollen und Konstellationen bei, wechseln allerdings alle einzelnen Elemente aus. Aus Graf Dracula wird dessen laszive Gattin Nadine, aus Jonathan wird Linda, Renfield wird ebenfalls weiblich (vertilgt allerdings kein Getier mehr) und aus Transsilvanien wird eine Insel irgendwo vor der türkischen Küste. Nur Dr. Arwin Seward bleibt als vampirjagende Van Helsing-Adaption weitestgehend erhalten, auch wenn sich seine Motivationen ein wenig ändern. Diese grundsätzliche Werktreue bei geänderter Form macht den Film auch für Freunde von Stokers Original interessant, zeigt sich der Film doch immer wieder und reich an feinen und kenntnisreichen Details.
Dem Gegenüber steht Francos unermüdlicher Wille, dem Zuschauer so viel nackte Haut wie nur eben möglich zu bieten. So tanzt die Gräfin der Nacht nebenbei in einem Erotikclub und Linda wird regelmäßig von erregenden Träumereien heimgesucht. Der Horror der Vorlage fällt hier weitestgehend unter den Tisch und macht den typischen franco’schen Schmuddeleien Platz; die unumgänglichen Tanzeinlagen inklusive.

Im Mittelpunkt steht dabei meist seine Muse Soledad Miranda, die hier als hocherotische Gräfin eine ihrer Paraderollen abliefert. Von Francos Stamm-Kameramann Manuel Merino wundervoll eingefangen, bekommt Miranda so viel Raum wie sie möchte, um ihr Können darzubieten. Aber auch die Schwedin Ewa Strömberg weiß, was sie tut und zusammen schaffen es die beiden Damen, sowohl Dialoge als auch erotische Szenen abwechslungsreich und unterhaltsam zu gestalten.
Die männlichen Darsteller um den Briten Dennis Price und den Schweizer Paul Muller bekommen hingegen nur Randrollen zugestanden und dienen überwiegend als Staffage. Immerhin kann José Martínez Blanco als stylisher Gehilfe Morpho überzeugen, während Franco selber als skurriler SM-Lüstling Memmet eher für einen der abstruseren Momente des Films verantwortlich zeichnet.

Dr. Steiner: Meine liebe Linda, glauben Sie nicht, dass Ihr Problem neu für mich ist. Es gibt heute viele Frauen, die sexuell unbefriedigt sind. Ich werde Ihnen das beste Mittel verraten, das es dagegen gibt: Suchen Sie sich einen Liebhaber, einen besseren Liebhaber.

Wie für das Werk des spanischen Vielfilmers üblich, zeichnet sich übrigens auch dieser Streifen durch einen auffälligen Mangel an Stringenz aus. Der Rezipient ist immer wieder dazu gezwungen, sich einzelne Handlungsstränge und Szenen selbst zusammenzureimen, da der Film von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit springt. Das schafft Interpretationsfreiheit, stößt Neulinge allerdings vor den Kopf. Dass die Handlung darüber hinaus de facto keinen Progress zeigt, sondern es mehr oder minder nur zur Zurschaustellung diverser Einzelsituationen kommt, vertieft diesen Eindruck.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen Francos gelingt ihm hier allerdings etwas, was VAMPYROS LESBOS einen exponierten Platz innerhalb seines Oeuvres verschafft: Der Film verbindet Ästhetik und Kitsch, Leidenschaft und Sexploitation. Da werden erotische Szenen durch hellrotes Kunstblut beendet, billigste Pornodialoge vor wunderschönen Kulissen vorgetragen und ewiglange Tanzeinlagen in ein fast schon surrealistisches Bild gefasst. Die wundervollen Sets versprühen 70ies Flair ohne Ende und die Musik von Manfred Hübler und Sigi Schwab (neben der Produzenten Artur Brauner und Karl Heinz Mannchen nicht die einzigen Deutschen bei der Produktion) ist sowieso über jeden Zweifel erhaben. Ton und Bild werden zu einem Strudel, der den Zuschauer mitträgt und den Film zu einem rauschhaften Erleben werden lässt.

Nadine: Die Herrscherin der Nacht nimmt dich von nun an auf ihre schwarzen Schwingen!

In Anbetracht des zur Schau gestellten Könnens Francos ist es dann ein wenig bedauerlich, dass der Film eine Zäsur innerhalb von Francos Schaffen darstellt. Der begann nämlich in den 70er Jahren mit einer quantitativ (noch) exzessive(re)n Filmerei, die den einzelnen Werken immer weniger Augenmerk einräumte. Was den europäischen Exploitationmarkt dann auf der einen Seite mit zahlreichen Klassikern versorgte, war somit aber auch dafür verantwortlich, dass nur noch wenige Filme eine Qualität wie VAMPYROS LESBOS erreichten. Man stelle sich vor, was für Werke Franco hätte schaffen können, wenn er auch in den 70er Jahren weniger Film hätte drehen müssen, jedoch mehr Zeit und Geld für diese zur Verfügung gehabt hätte.
Aber derlei Konjunktive sind Schall und Rauch und so stellt VAMPYROS LESBOS heute eines der bekanntesten und auch zur Recht geachtetsten Werke Francos dar, welches vor allen wegen seines visuellen und akustischen Stils bis heute zu den Klassikern des Genres zählt. Gerade deshalb ist es sehr schade, dass in der allgemeinen Rezeption oftmals die Meinung vertreten wird, dass der Film seine Qualitäten vor allem aus der Relation zu Francos sonstigen Werken ziehe. Ohne jetzt Francos Oeuvre beurteilen zu wollen, tut man VAMPYROS LESBOS ein großes Unrecht an, wenn man ihn nur im Vergleich mit (vermeintlich) schlechten Filmen als gelungen beurteilt. Denn auch für sich genommen stellt der Film einen der glanzvollen Klassiker der frühen 70er-Sexploitation dar!

Irgendwo zwischen Sexploitation und Leidenschaft, zwischen billig und schön schafft es Francos Klassiker zu einem wundervollen Filmerlebnis zu wachsen. Visuelle und akustische Finesse stehen hier klar über dem Narrativ und sorgt für feinste Unterhaltung.

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