LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD

Liane, das Mädchen aus dem Urwald
Liane, das Mädchen aus dem Urwald | Deutschland | 1956
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Thoren (Hardy Krüger) ist Mitglied einer internationalen Expedition, die im afrikanischen Dschungel allerlei Untersuchungen anstellt. Eines Tages entdecken die Forscher ein weißes Mädchen (Marion Michael), die bei einem einheimischen Stamm als Göttin verehrt wird. Als Thorens Konsorten das Mädchen schließlich kidnappen und nach Hamburg bringen, stellt sich heraus, dass sie die lang verschollene Tochter des reichen Reeders Amelongen (Rudolf Forster) sein könnte …

Anfang der 50er Jahre veröffentlichte das größte deutsche Boulevardblatt einen exotischen Roman von Anne Day-Helveg, der sich grob am in jener Zeit beliebten TARZAN-Konzept bediente. Die simple Geschichte bediente die Sehnsucht der deutschen Nachkriegsbevölkerung nach eskapistischen Freuden anscheinend ganz vorzüglich und wurde so umgehend zu einem Bestseller. Kein Wunder, dass sich die Arca-Filmproduktion die Rechte schnell unter den Nagel riss, um daraus einen perfekt durchkalkulierten Kassenschlager zu fertigen.
Für die Regie wurde der Österreicher Eduard von Borsody eingesetzt, der schon seit Stummfilmzeiten umfangreiche Erfahrung gesammelt hatte und 1956 mit der Romanze DANY, BITTE SCHREIBEN SIE einen Riesenerfolg verbucht hatte. Auch wurde der renommierte deutsche Autor und Drehbuchschreiberling Ernst von Salomon zur Umsetzung des Drehbuchs verpflichtet, obwohl von vorneherein klar war, dass dieses weder anspruchsvoll noch innovativ ausfallen würde. Stattdessen zielte der Film von Anfang an auf den berechneten Tabubruch, den die kurzen Darbietungen von Marion Michaels Brüsten lieferten.
Diese Szenen – die tatsächlich nur wenige Sekunden der fertigen Films ausmachen – sind es dann auch, die den Film zu einem skurrilen Zeugnis seiner Zeit machen. Mitte der 50er Jahre stellte die Zurschaustellung von derlei Tatsachen einen Eklat dar, der nur durch die Attribuierung der Hauptdarstellerin als Wilde zu rechtfertigen war. So werden in den ersten Sekunden direkt Eingeborene gezeigt, deren Nacktheit freilich – auch für die FSK – keinerlei Grund zur Anstoßnahme darstellt. Auf Grundlage dieser rassistischen Grundhaltung ist es dann auch möglich, die damals 16-jährige Michael kurzzeitig mit entblößten Brüsten zu zeigen; sie ist zu diesem Zeitpunkt schließlich auch noch unzivilisiert.

Diese Annahme wird auch durch einen Teil der Expedition bestätigt, der die Neuentdeckung mit unverhohlener Abschätzung („Sie ist ein Tier“) betrachtet. Nur Thoren erkennt in Liane ein menschliches Wesen, wenn auch ein unzivilisiertes. Er behandelt sie folglich mit einer Mischung aus Achtung und Mitleid und macht sich so ebenfalls eines überdeutlichen Rassismus schuldig. Dass die Schwarzen im Film völlig durchs Raster fallen („Er kann in der Küche essen“), versteht sich da von selbst.
Aber neben dem allgegenwärtigen, völlig unreflektierten Rassismus sind es auch andere Elemente, die den Film zu einem Kind seiner Zeit machen. Die gebildete und selbstbewusste Jacqueline macht dem grundsätzlich toughen und männlichen Thoren Angst und eine Beziehung wird so unmöglich. Was diesem heute Spott und Hohn einbringen würde, war damals Usus: Eine Frau, die schlauer und weltgewandter ist als der Mann? Die kann alleine bleiben.

Amelongen: Sie müssen mir sogar helfen, sie an die Schwächen der Zivilisation zu gewöhnen.

Hardy Krüger gehört – zumindest schauspielerisch – trotzdem zu den Lichtblicken des Films, legt er seine Rolle doch nah an der Grenze zur Ironie an. Ebenfalls gefällig mimt der Österreicher Reggie Nalder, und sei es nur deshalb, weil er ein derartig überzeichnetes Overacting zur Schau stellt, dass es eine wahre Freude ist. Für Marion Michael stellte sich die frühe Hauptrolle leider als Schuss in den Ofen heraus, stand ihr die enge Verbindung mit der Rolle der Liane doch zeitlebens bei ihrer Karriere im Weg.
Neben einer völlig belanglosen Kriminalgeschichte (deren Auflösung ihre Plumpheit noch einmal unterstreicht) versucht sich der Film dann auch noch an einem Ende, dass suggerieren soll, dass das Leben im Dschungel ein freieres und wahreres ist. Das ist jedoch im Anblick der durch Kolonialdenken und Rassismus geprägten 80 Minuten zuvor eine leicht zu enttarnende Finte und als solche vernachlässigbar. Wenn man über die gesamte Filmlänge hinweg zeigt, wie die Eingeborenen Uga-Uga rufen, auf Trommeln eindreschen und dem weißen Mann in jeder Hinsicht unterlegen sind, dann kann man sich seine Pseudomoral am Ende in die Haare schmieren.

Was diesen obendrein noch äußerst bieder inszenierten Film nun zu einem beachtenswerten Zeugnis seiner Zeit macht, ist die Tatsache, dass er mit rund zehn Millionen Kinobesuchern und mehreren Wiederaufführungen zu einem der erfolgreichsten Filme seiner Zeit wurde. Es ist dabei schwer zu sagen, was der wahre Grund dafür ist. Vielleicht ist es die Sehnsucht der Nachkriegsdeutschen nach Exotik und heiler Welt (der Film wird auch zu guten Teilen durch seine allenthalten präsente Harmonie getragen, die wiederum im krassen Gegensatz zu dem dargestellten Weltbild steht) oder die allgegenwärtige Befriedigung der Annahme, dass der weiße Europäer – hier durch den Deutschen vertreten – immer noch allen anderen Menschen überlegen ist. Vielleicht ist es aber auch einfach der Drang, mal ein paar nackte Möpse auf der großen Leinwand zu sehen oder schlichthinweg der Wille, mitreden zu können, wenn am nächsten Arbeitstag über dieselben debattiert wird. So oder so bleibt der an sich völlig belanglose Streifen ein filmhistorisch äußerst interessantes Werk, dass die Zeit, in der er entstanden ist, durchaus detailliert wiederspielgelt; auch wenn das Bild, das dabei entsteht, wahrlich kein schönes ist.

Inhaltlich und technisch belanglose Abenteuer-Schnulze, die aber trefflich zeigt, wie es in der deutschen Gesellschaft der 50er Jahre aussah. Und was man da sieht, ist nicht schön, sondern vielmehr entlarvend.

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Eine Antwort zu “LIANE, DAS MÄDCHEN AUS DEM URWALD

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