ROBOCOP

RoboCop
RoboCop | USA | 1987
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem der Detroiter Polizist Alex J. Murphy (Peter Weller) durch den sadistischen Kriminellen Clarence Boddicker (Kurtwood Smith) grausam umgebracht wird, nutzt der Großkonzern OCP den Leichnam, um daraus einen Polizeiroboter namens RoboCop zu fertigen. Diese Maschine soll fortan für Ruhe im Detroit der Zukunft sorgen.

Der Drehbuchautor und Produzent Edward Neumeier war Mitte der 80er Jahre unzufrieden mit seiner Tätigkeit bei Universal Pictures und suchte nach Möglichkeiten, eigene Projekte auf den Weg zu bringen. Durch Ridley Scotts DER BLADE RUNNER (1982) inspiriert, ersann er dann einen Drehbuchentwurf, der einen Roboter in die Rolle eines Polizisten versetzen sollte. Zeitgleich schrieb der Regisseur und Autor Michael Miner ein ähnlich gelagertes Drehbuch, welches von der TV-Serie DER SECHS-MILLIONEN-DOLLAR-MANN inspiriert war und sich um einen mit bionischer Technik wieder zusammengeflickten Menschen drehte. Bei einem Treffen verbanden Neumeier und Meiner ihre Konzepte und gingen mit dem so entstandenen Skript, welches bereits unter dem Namen ROBOCOP firmierte auf die Suche nach einem Produktionsstudio.
Doch sowohl der arg nach B-Movie klingende (Arbeits-)Titel als auch das bereits zu diesem Zeitpunkt mit zahlreichen Gewaltspitzen und Absurditäten angefüllte Drehbuch schreckten die Studios gleich reihenweise ab, sodass sich auch nach intensiver Suche kein Geldgeber finden wollte. Erst also man schlussendlich Kontakt zu Orion Pictures aufnahm, sollte sich das Blatt wenden. Spätestens seit dem enormen Erfolg von TERMINATOR (1984) war man dort nämlich von dem Potenzial derartiger Sci-Fi-Projekte überzeugt und sagte Neumeiner und Miner so kurzerhand runde zehn Millionen US-Dollar an Budget zu; aus denen bis zum Ende der Dreharbeiten gar 13 Millionen werden sollten.

RoboCop: Du kommst mit mir, tot oder lebend!

Orion-Produzent Jon Davison war dann derjenige, der sich auf die Suche nach einem geeigneten Regisseur begeben und an dieser Aufgabe beinahe scheitern sollte. Keiner der bekannten US-amerikanischen Regisseure war aus den oben bereits angedeuteten Gründen bereit, sich für ein solches Projekt verpflichten zu lassen. Nach Monaten voller Absagen – und einer Firmenspitze, die zunehmend unruhiger wurde – schickte Davison schließlich ein Skript in die Niederlande zu Paul Verhoeven, der bereits FLESH AND BLOOD (1985) für Orion gedreht hatte. Aber auch Verhoeven war von dem Entwurf nicht begeistert und sagte ab. Erst die Aufforderung seiner Frau, das Drehbuch erneut zu lesen, sorgte dafür, dass Verhoeven das Potenzial des Entwurfs erkannte und zusagte.
So sollte der Streifen Verhoevens erste Regiearbeit in den USA werden, was auch einen ganz erheblichen Einfluss auf den Film haben sollte. Denn so bekam das ohnehin schon sehr gesellschaftskritische Skript noch eine äußere Perspektive auf die USA jener Tage zugedacht. Unter Ronald Reagan herrschte dort eine äußerst konservative Stimmung, die Verhoeven, aus den zu jener Zeit eher links-liberalen Niederlanden kommend, sehr deutlich wahrnahm und an mehreren Stellen im Skript verarbeitete. So stellt das finale Drehbuch, welches teilweise erst während der Dreharbeiten vollendet wurde, eine teils dystopische, teils aber auch sehr Wirklichkeits-referenzielle Darstellung der gesellschaftlichen Situation jener Tage dar.

Die von der Reagan-Regierung immer wieder geforderte Privatisierung steht hier an erster Stelle und findet in Form von OCP ihren Ausdruck. Der Konzern beherrscht quasi das gesamte Detroit und kauft sogar die Polizei, um fortan deren Aufgaben auszuführen. Recht und Gesetz gelten für diesen Konzern nicht und so stehen Gewinnsucht und Einflussnahme deutlich über dem Gesetz. Aber auch die sozio-kulturelle Aufspaltung der Gesellschaft, das immer weitere Vordringen von Technologie in das Privatleben oder eine ausufernde Kriminalität dienen zur Zeichnung einer ebenso verzerrten wie realistischen Welt.
Ein besonderes Mittel, mit Hilfe dessen Verhoeven diese Welt darstellt, sind die immer wieder eingestreuten fiktiven Nachrichtensendungen. Diese nehmen nur selten Bezug auf die tatsächliche Handlung des Films, sondern dienen vielmehr der Formung des Handlungsrahmens. Die Werbung für das Familienspiel Nuk’em zeigt die Normalität, die die Angst vor der atomaren Zerstörung mittlerweile erreicht hat, der Tod mehrere Ex-Präsidenten durch eine Fehlfunktion bei einem Satteliten-gestützten Abwehrsystem hingegen nimmt sehr deutlich Reagans manischen Wunsch, die USA per Weltraum-Laserstrahlen vor dem Kommunismus zu bewahren, auf die Schippe.

Typ: Es ist ein freies Land hier. Aber frei ist hier eigentlich nichts, weil hier nichts sicher ist, wissen Sie. Du stehst allein da, Gesetz des Dschungels.

Abseits von derlei Karikaturen fällt die Welt aber auffällig nüchtern aus. Obwohl in einer nahen Zukunft angesiedelt, unterscheidet sich die Umgebung praktisch nicht von der Realität der Jahres 1987. Dieser Umstand ist mitnichten auf das relativ kleine Budget zurückzuführen, sondern ist von Verhoeven bewusst so gewählt. Nur so ist es möglich, die Geschehnisse real und unmittelbar wirken zu lassen. Aus diesem Grund entschied sich der Regisseur auch dafür, mehrere Szenen (darunter Murphys Besuch beim eigenen Grab) nicht in dem Film zu integrieren, da diese bezüglich des Designs nicht gepasst hätten.

Das karikierte gesellschaftliche System wird dann von einer wahren Welle an Gewalt auf die Spitze getrieben. Der seit jeher expliziter Gewalt zugeneigte Verhoeven lässt seinen Film von Rob Bottin – der sich bereits aus Maskendesigner bei John Carpenters DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1982) einen Namen gemacht hatte – geradezu mit Kunstblut überschütten und gibt ihn so völlig der satirischen Überhöhung preis. Immer wieder kommt es zu äußerst expliziten Gewaltausbrüchen, die wunderbar mit dem dystopischen Konzept zusammenarbeiten und so trotz ihrer deutlichen Darstellung und zeitintensiven Inszenierung nie zu reinem Selbstzweck verkommen. Das erkannten die diversen Zensurbehörden natürlich nicht und sorgten dafür, dass der Film nur geschnitten ins Kino kam. In Deutschland unterlag er sogar einer Indizierung, die erst im Jahre 2013, nach Ablauf der 25-jährigen Sperrfrist, auslief. So ist es heute auch hierzulande möglich, den Film ungeschnitten und in seiner ursprünglichen Intention zu genießen.

RoboCop: Entschuldigen Sie mich, irgendwo geschieht gerade ein Verbrechen.

Neben den Gewalteffekten bietet der Film aber auch einiges an anderer Tricktechnik auf. Zahlreiche Matte Paintings verwandeln das texanische Dallas in das futuristische Detroit und erschaffen die wundervolle OCP-Zentrale. Toll ungesetzte Stop-Motion-Technik sorgt dafür, dass sich ED-209 durch Treppenhäuser bewegt und zahlreiche Kulissen und Requisitenbauten erschaffen eine glaubhafte und fühlbare Welt. Das RoboCop-Kostüm bedurfte dabei besonderer Aufmerksamkeit, musste es seinem Träger doch die Möglichkeit bieten, sich einigermaßen frei zu bewegen (was jedoch nur teilweise gelang). Dieses Beisammensein von klassischer Trick- und Spezialeffekttechnik sorgt übrigens nicht nur für einen großartigen Look, sondern nimmt auch filmhistorisch eine besondere Rolle ein. Denn ROBOCOP ist einer der letzten Filme, der sich vollends auf die klassischen Methoden der Effektkunst verlassen. In den nächsten Jahre sollte nämlich die Computertechnik große Schritte vorwärts machen und dieses großartige Handwerk immer mehr ersetzten.
Der erwähnte RoboCop-Suit war übrigens auch maßgeblich für die zentrale Besetzung des Films verantwortlich. Während sowohl die Produzenten als auch Paul Verhoeven eigentlich Arnold Schwarzenegger oder einem vergleichbaren Heroen die Hauptrolle zugedenken wollten, verbot das Kostüm eine derartige Besetzung. So war es schließlich der mit BUCKAROO BANZAI – DIE 8. DIMENSION (1984) bekannt gewordene Peter Weller, der dank seiner schmalen Statur und seiner durch Kampfsport gestählten Konstitution den Job übernehmen sollte. Und obwohl ihn die Dreharbeiten in dem engen und unter der texanischen Sommerhitze äußerst heißen Kostüm mehrfach fast an die Grenze der physischen und psychischen Belastbarkeit brachten, sollte er eine beeindruckende Leistung abliefern.

Ansonsten gab sich Verhoeven große Mühe, möglichst ungewöhnlich zu besetzten und so ist der liebe TV-Opa Ronny Cox als machtgieriger Firmenunhold Dick Jones zu sehen und der intelektuelle Charakterkopf Kurtwood Smith als Sadist Boddicker. Nancy Allen rundet den engeren Cast ab und darf als Murphys Kollegin Lewis den emotionalen Teil des Films besorgen.
Ein insbesondere von Verhoeven selbst oftmals zur Sprache gebrachtes Element des Films ist übrigens die Darstellung von RoboCop als modernem Jesus. So stirbt auch Murphy im Dienste der Allgemeinheit und ersteht dann in anderer, leuchtender Form wieder auf um den Menschen Gerechtigkeit zu bringen. So ist es auch kein Zufall, dass Boddicker bei Murphys Hinrichtung dessen Handgelenke zerschießt, vielmehr deutet Verhoeven hier auf die Kreuzigung Jesu hin. Ob dieses Element für das Funktionieren des Films von Bedeutung ist oder nicht, obliegt sicherlich dem jeweiligen Geschmack, ein weiterer Beweis für seine Vielschichtigkeit ist es aber allemal.

Dick: Was dachten Sie, dass Sie sind? Ein gewöhnlicher Polizeibeamter? Sie sind unser Produkt, und dass sich unsere Produkte gegen uns wenden, werden wir wohl kaum zulassen.

Und obwohl die Dreharbeiten gen Ende zu einer nervlichen Belastung für alle Beteiligten wurden, schaffte es Verhoeven zusammen mit Kameramann Jost Vacano und dem Cutter Frank J. Urioste ein unfassbar rundes Filmerlebnis zu zaubern. Eine nahezu perfekte Inszenierung und ein auffällig flüssiges Voranschreiten der Geschichte machen den Film zu einem in sich sehr funktionalen Werk. Basil Poledouris, der seit CONAN – DER BARBAR (1982) unsterblich war und bereits bei FLESH AND BLOOD mit Verhoeven zusammenarbeitete, schuf dazu noch einen gelungenen Score und sorgte somit auch für akustische Finesse.
An den Kinokassen räumte der Streifen dann ebenfalls ab und konnte sein Budget so mit Leichtigkeit wieder einspielen. Da auch die Kritiker dem Film durchaus gewogen waren, war somit der Weg für die Nachfolgewerke ROBOCOP 2 (1990) und ROBOCOP 3 (1993) sowie diverse TV-Serien geebnet. Der Erstling bleibt jedoch der übergroße Meilenstein, der einen der letzten großen Sci-Fi-Actioner alter Schule darstellt; und ganz nebenbei quasi perfekte 80er-Unterhaltung.

Verhoevens erste Hollywood-Arbeit ist unter der tricktechnisch wundervollen Action-Fassade ein facettenreiches und kritisches Meisterwerk, welches auch heute nichts an Aktualität und Intensität verloren hat. Wunderbar!

5 Antworten zu “ROBOCOP

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