DER SCHWARZE KORSAR

Der Schwarze Korsar
Il corsaro nero | Italien | 1976
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem seine Brüder bei einer misslungenen Racheaktion zu Tode gekommen sind, sieht sich der schwarze Korsar (Kabir Bei) in der Pflicht, deren Mörder Van Gould (Mel Ferrer) zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu bedient er sich der Hilfe der in Tortuga lebenden Piraten, die es allerdings eher auf Goldstücke, als auf Van Gould abgesehen haben.

Nachdem sich Sergio Sollima sowohl in staubigen Wüsten als auch in grauen Vororten filmisch betätigt und dabei einiges an Renommee erlangt hatte, sollte er 1976 mit dem Fernsehmehrteiler DER TIGER VON MALAYSIA einen riesigen Erfolg landen. Die schmissige Abenteuer-Unterhaltung nach einem Roman von Emilio Salgari und mit dem indischen Darsteller Kabir Bedi in der Hauptrolle schlug derart ein, dass sich eine Fortführung dieses Konzepts im Kino geradezu aufzwang. Das sah auch die Produktionsgesellschaft Rizzoli Film so und schickte Sollima mit einem umfangreichen Stab ins kolumbianische Cartagena, um dort einen weiteren Film im Piratenmilieu zu realisieren.

Van Gould: Im Konzil von Nizza wurde einstimmig beschlossen, dass auch Frauen eine Seele haben. Eine völlig neue Sache. Ich freue mich sehr für Sie, obwohl ich gestehen muss, dass es nicht unbedingt die Seele ist, die ich an einer Frau besonders schätze.
Marchesa: Die Kirche ist sehr großzügig. Wissen Sie, die Seele ist das einzige an mir, wovon ich nichts hergeben würde, nichts!

Das Drehbuch, welches Sollima zusammen mit Alberto Silvestri schrieb, beruht dabei wiederum auf einem Romanzyklus von Salgari. Die Werke Der schwarze Korsar von 1898 respektive Die Karibenkönigin von 1901 stellen die Grundlage eines Drehbuch dar, welches vor allem das Ziel verfolgt, die von Bedi gespielte Hauptrolle in den Mittelpunkt der Geschehnisse zu rücken. So nehmen sich die Herren Silvestri und Sollima dann auch die Freiheit, die eigentliche Rahmenhandlung gekonnt zu ignorieren und sich ausschließlich dem Rachefeldzug des Schwarzen Korsaren zuzuwenden. Angereichert mit etwas Edelmut und einer unabdingbaren Liebesgeschichte entsteht so ein ordentliches wenn auch letztlich wenig einfallsreiches Abenteuer-Skript, welches eine solide Grundlage für den zweistündigen Spielfilm darstellt.

Kabir Bedi steht dabei unangefochten im Mittelpunkt und darf neben seinen unfassbaren hellbraunen Augen vor allem seinen für einen Seeräuber äußerst ausgeprägten Humanismus unter Beweis stellen. Da werden Eingeborene gerettet, Gefangene freigekauft, Dirnen ignoriert und Unschuldige befreit. Hier zeigt sich, dass den Autoren Salgaris Vorlage doch zumindest bekannt war, greifen sie doch auf zahlreiche dort erwähnte Elemente zurück. So entsteht ein edelmütiger Heldentypus, der von Bedi gewohnt anmutig gespielt und von Sollima immer wieder per gekonnter Nahaufnahme in den Blick gefasst wird.
US-Altstar Mel Ferrer darf als Antagonist Van Gould nach Herzenslust niederträchtig sein, was ihm sichtbar Freude bereitete. Immer nah an der Grenze zum Overacting zeichnet er einen heillos verkommenen Bösewicht, der den krassen Gegenentwurf zu Bedis Rolle darstellt. Daneben gibt es mit Angelo Infanti als trickreichem Briten, Salvatore Borghese als Blödel-Nebenrolle und Edoardo Faieta als dicklichem Piraten-Abziehbildchen weitere Bekannte des europäischen Kinos zu sehen, die dem Film auch in der Breite schauspielerische Klasse verleihen.

José: Was sind Sie nur für ein niederträchtiger Mensch! Wie gerne würde ich Sie jetzt von meinen Knechten ordentlich verprügeln lassen. Zu meinem Bedauern habe ich meine Knechte im Augenblick nicht zur Verfügung, aber das macht nichts. Geben Sie mir einen Degen – und obwohl Sie nur ein Schurke sind und ich ein Ehrenmann – werde ich Ihnen eine Lektion erteilen.

Auch die Damenwelt kommt in dem Film durchaus gut weg, werden die Darstellerinnen doch überwiegend mit ernsthaften Rollen ausgestattet. Die Französin Carole André – die schon 1967 in VON ANGESICHT ZU ANGESICHT für Sollima vor der Kamera stand – darf als des Antagonisten Tochter hier auf Augenhöhe mitspielen und ist gleich mehrfach für wichtige Handlungsverläufe verantwortlich. Sonja Jeannine, deutschen Fachleuten aufgrund ihrer Auftritte in der der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe oder ihrem Mitwirken in KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN (1974) sowie in WENN DIE PRALLEN MÖPSE HÜPFEN (1974) bestens bekannt, gibt daneben eine Eingeborene, die zum einen für den phantastischen Anteil des Films sorgt, zum anderen aber auch aufgrund ihrer Beziehung zu einem Spanier durchaus inhaltliches Potenzial aufbietet. Einzig Genre-Ikone Dagmar Lassander bekommt als Marchesa eine deutlich stereotypere Rolle zugedacht.

Mit einem ordentlichen Budget ausgestattet weiß der Film dann optisch einiges aufzubieten. An trefflichen Drehorten gefilmt versprüht der Streifen einiges an karibischem Flair und wirkt so zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig. Cartagenas Festungsbaute San Felipe rahmt das Finale gekonnt ein und die unzähligen Strände wurden von Kameramann Alberto Spagnoli ebenfalls formvollendet aufgenommen. Auch die Kostüme und die übrige Ausstattung können sich sehen lassen und kommen durchweg wertig daher.

Marchesa: Das ist das erste Mal, dass ein Mann im Schlafzimmer mir nur in die Augen sehen will. Eine wunderbare Geschichte um sie meinen Enkeln zu erzählen, falls ich je welche kriege. Ich denke nur, dass sie sie für ein Märchen halten werden.

Es wurden eigens drei Schiffe angefertigt, um zahlreiche Aufnahmen auf dem Meer machen zu können. Leider lief jedoch eines der Schiffe bei der Hafeneinfahrt auf Grund. Das sorgt nicht nur für kurzzeitige Lebensgefahr, sondern auch für ein finanzielles Desaster, welche das Projekt kurzzeitig an den Rand des Abbruchs führte. Doch die finanziell stark angeschlagene Rizzoli entschied sich überraschend dafür, weiteres Geld zu senden (welches dummerweise zunächst im spanischen Cartagena landete, bevor es dann sein namentliches Pendant in Übersee erreichte) und die Produktion fertigzustellen. Im Zuge dieser Wirren ging leider einiges an Material verloren, während anderes gar nicht erst gedreht werden konnte. So wirkt der Film in seiner heutigen Fassung an manchen Stellen etwas holprig, Morgans arg episodische Auftritte sind sicherlich einer der deutlichsten Belege für die Probleme während der Produktion.
Aber auch das kann nichts daran ändern, dass Sollima hier einen weiteren schmissigen Abenteuer-Streifen gefertigt hat, der nicht zuletzt auch dank der Musik der Gebrüder De Angelis einiges an Flair und Unterhaltung auf die Leinwand zaubert. Und das in einem Genre, welche seinen Zenit zu diesem Zeitpunkt schon um einige Jahrzehnte überschritten hatte …

Schön ausgestatteter und trefflich inszenierter Piratenstreifen, der mit einer tollen Besetzung und einer zweckdienlichen Geschichte sehr ordentlich zu unterhalten vermag.

3 Antworten zu “DER SCHWARZE KORSAR

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