DJANGO UNCHAINED

Django Unchained
Django Unchained | USA | 2012
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit des Sklaven Django (Jamie Foxx), da dieser ihm beim Auffinden einiger gesuchter Verbrecher helfen soll. Doch obwohl sich die beiden schnell anfreunden und zusammen erfolgreich der Kopfgeldjagd nachgehen, steht ihnen ihre größte Prüfung noch bevor: Djangos Frau Broomhilda (Kerry Washington) wurde an den sadistischen Calvin Candie (Leonardo DiCapiro) verkauft, für den sie nun auf dessen Farm arbeitet.

Quentin Tarantino ist bekanntlich seit jeher ein großer Freund des Italowestern. Die Filme von Corbucci, Leone, Sollima und Co. prägten sowohl den Filmfreund als auch den Filmschaffenden in ihm und sorgten dafür, dass sich in zahlreichen Werken Tarantinos Verweise auf dieses Genre finden. Ein Mexican Standoff in RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE (1992) oder Musik und Szenen in beiden Teilen von KILL BILL. INGLOURIOUS BASTERDS (2009) gar fühlt sich an vielen Stellen wie eine italienische Westernproduktion an und wurde auch von Tarantino selbst als „Italowestern in Frankreich“ bezeichnet. Da erscheint es nur folgerichtig, dass der achte veröffentlichte Spielfilm des Filmfanaten endlich klar und deutlich dem Genre Italowestern zuzuordnen ist; nicht ohne dabei allerdings zahlreiche andere Stilarten und Einflüsse mit selbigem zu verquicken.
So nimmt die Sklaverei-Thematik einen etwa ebensogroßen Anteil am Geschehen ein, wie Konzepte aus der Blaxploitation und dem Italowestern. Das die teils emanzipatorische, teils exploitative Ausrichtung der Blaxploitation dabei als Rahmen für die Auseinandersetzung mit dem Thema Sklaverei herhalten muss, erscheint nur auf den ersten Blick unsinnig. Denn tatsächlich behandelt der Film beide Themen derart enthoben und karikiert, dass diese Konstellation ganz prächtig funktioniert. Das Aufeinandertreffen von Django und den Südstaatlern fällt so völlig skurril und überdreht aus und verleiht dem Film eine bisweilen surreale Atmosphäre.

Schultz: Gott sei’s geklagt. Dann müssen wir jetzt unser Bier selbst zapfen.

Gebrochen wird diese dann von den immer wieder eingestreuten Grausamkeiten, mit denen Tarantino – bisweilen recht plakativ – Stellung bezieht. Ein Mandingo-Kampf im Wohnzimmer oder Hunde die einen Schwarzen zerfleischen erden die Geschehnisse rabiat und geben dem Film trotz der gewohnten Freiheiten eine klare Aussage mit auf den Weg.
Aber auch neben dieser emotional aufgeladenen Gewalt, gibt sich die Abteilung Kunstblut und Trickeffekte keine Blöße und stattet den Film mit zahlreichen expliziten Darstellungen aus. Vor allem die Einschüsse erfahren dabei Aufmerksamkeit und werden so schnell zu einem der optischen Merkmale des Films. An allen Ecken und Enden spitzt der Lebenssaft umher und besudelt alles um sich herum. In Zeitlupe wird das im Finale auf die Spitze getrieben, ein Konzept, irgendwo zwischen Ästhetik und Übertreibung.

Nicht unerwartet fügt Tarantino seinem Film wieder zahlreiche filmhistorische Verweise bei. Am deutlichsten sind dabei sicherlich die mehr oder minder direkter Zitate von Genre-Klassikern wie DJANGO (1966), AN SEINEN STIEFELN KLEBTE BLUT (1966) oder LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG (1968). So bekommt dann natürlich auch Ur-Django Franco Nero einen kleinen Auftritt zugedacht, in dem er mit Jamie Foxx die Phonetik ihres gemeinsamen Rollennamens diskutieren darf. Daneben steht vor allem Richard Fleischers Meisterwerk MANDINGO (1975) im Fokus, dessen sich Tarantino zahlreiche Ideen entleiht. DiCaprios Figur Calvin entstammt durchaus deutlich diesem Film. Ansonsten ist die Menge an formalen, inhaltlichen oder akustischen Zitaten kaum vollständig aufzuzählen, auch bei wiederholten Sichtungen werden sich einem wohl kaum alle Details und Anmerkungen offenbaren.
Bezüglich seiner Schauspielerschaft setzt Tarantino erneut auf ein Ensemble-Konzept, welches sich jedoch im Gegensatz zu dem extrem weit gefächerten INGLOURIOUS BASTERDS auf weniger Rollen beschränkt. Christoph Waltz darf nach seiner grandiosen Darbietung im eben erwähnten Werk eine ähnlich gelagerte Rolle geben. Dr. King Schultz wirkt wie Hans Landa, nur freundlich und nett. Und auch wenn Waltz wiederum zu überzeugen vermag, verliert die Rolle doch durch eben diese werkübergreifende Konsistenz (auch Schultz ist Deutscher) etwas an Wirkung.

Candie: Meine Herren, Sie hatten bereits meine Neugier geweckt, jetzt haben Sie meine Aufmerksamkeit.

Daneben macht Jamie Foxx als mehr und mehr selbstbewusst werdender Ex-Sklave Django Freeman einen ordentlichen Job und ist so für manch ikonischen Moment mitverantwortlich. Unangefochten obenauf ist allerdings Leonardo DiCaprio als selbstverliebter und ein wenig dümmlicher Calvin Candie. Zwischen Kühle und Übermut, zwischen Ruhe und Brutalität zeichnet DiCaprio die Rolle und wird somit zum schauspielerischen Hochgenuss.
Ermöglicht wird das allerdings erst, durch das Mitwirken von Samuel L. Jackson, der als Haussklave Stephen für die besten schauspielerischen Momente des Films zuständig ist. Mehrfach wechselt dabei seine Position; und somit auch die Calvins. Erst ist Stephen Sklave, dann zitiert er seinen Meister in die Bibliothek, wo er ihn Whiskey-schenkend über die Geschehnisse aufklärt, bevor er dann den Tod Calvins derart überzeichnet betrauert, dass man meint, einen Hund am Grabe seines Herrchens zu sehen. Diese Ambivalenz steht stellvertretend für des Films Umgang mit den schwierigen gesellschaftlichen Themen. Wie schon in INGLOURIOUS BASTERDS scheut Tarantino nicht davor zurück, finstere Themen der Karikatur preiszugeben.

Neben diesen zentralen Rollen fallen die übrigen Mitwirkenden ungewohnt flach aus. Kerry Washingtons Broomhilda kommt über eine Nebenrolle nicht hinaus und Figuren wie Big Daddy (trefflich gegeben von MIAMI VICE-Star Don Johnson) oder der völlig sinnlose Mr. Moguy erscheinen ungewohnt losgelöst von der Geschichte. Dieses Problem zeigt sich auch in der Gesamtstruktur des Films, die ebenfalls erstaunlich simpel gehalten wurde und am Ende das passende Timing ein wenig aus den Augen verliert.
Anstatt den Film mit verschiedenen Zeitebenen und Verschachtelungen zu versehen, erzählt das Skript eine sehr stringente Geschichte, die sich letztlich vorwerfen lassen muss, etwas arm an Wendungen und Überraschungen zu sein. Die einzelnen Szenen sind bzgl. der Inszenierung meist über jeden Zweifel erhaben, aber die Art und Weise, mittels der diese Sequenzen zusammengefügt werden, wirkt an manchen Stellen doch etwas unrund. Ein Mitgrund dafür ist sicherlich der Tod von Tarantinos Stamm-Cutterin Sally Menke, für die Fred Raskin übernahm. Dass dazu noch Zeitdruck kam, macht sich letztlich in den immer mal wieder auftauchenden Ungereimtheiten bemerkbar.

Django: Krieg ist ‘ne schmutzige Sache, da halt‘ ich mich dran. Jetzt wird es schmutzig.

In Sachen Ton führt der Film seine ambivalente Grundausrichtung konsequent fort und mischt zahlreiche klassische Italowestern-Soundtracks (unter anderem unter Mitarbeit von Italo-Ikone Ennio Morricone) mit Hiphop- und Soul-Stücken. Und auch wenn auch hier mancher Anschluss ein wenig holprig wirkt, entsteht so wieder eine tolle Mischung, die sich trefflich mit der Optik des Films verbindet.
So stellt der Streifen letztlich eine tolle – wenn auch nicht überragende – Fortsetzung von Tarantinos Oeuvre dar. Denn auch wenn zahlreiche Kritiker dem Film wenig wohlgesonnen waren, bleibt er doch ein funktionierender Genre-Mix, der sich wie immer an Freunde von Film und Kino richtet und diesen viel Spaß und Unterhaltung liefert. Und dass die etablierte Filmkritik Tarantino mittlerweile vorwirft, dass er moralisch fragwürdig, inhaltlich flach und werkübergreifend redundant arbeite, darf dieser Herr – der sich auch bei einer Produktionen mit einem Budget von 100 Millionen US-Dollar der Exploitation nach wie vor eng verbunden zeigt – durchaus als Kompliment begreifen.

Kleinere strukturelle Ungereimtheiten stellen nur unbedeutende Wermutstropfen dar und können den Streifen nicht davon abhalten, gewohnt gute Unterhaltung zu bieten. Toll besetzt und nahezu perfekt inszeniert werden hier augenscheinlich widersprüchliche Genres verquickt und zu unterhaltsamen Ganzen gemacht.

5 Antworten zu “DJANGO UNCHAINED

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