ANGST ÜBER DER STADT

Angst über der Stadt
Peur sur la ville | Frankreich/Italien | 1975
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Ein mysteriöser Todesfall ruft den Pariser Kommissar Jean Le Tellier (Jean-Paul Belmondo) auf den Plan, der eigentlich gerade einen anderen Fall verfolgt. Doch schnell gibt es die nächste Tote, die diesmal klar als Mord zu erkennen ist. Der Zusammenhang: bei allen Morden handelt es sich um alleinstehende Frauen, deren Liebesleben undurchsichtig ist …

Filme wie Don Siegels DIRTY HARRY (1971) oder Michael Winners EIN MANN SIEHT ROT (1974) beförderten Mitte der 70er Jahre eine Spielart des Polizeithrillers, die durch kompromisslose Härte und eine mitunter äußerst unreflektierte Verharmlosung von Polizeigewalt auffiel. 1975 sollte der französische Regisseur Henri Verneuil, der mit LAUTLOS WIE DIE NACHT (1963) und DER CLAN DER SIZILIANER (1969) unter anderem zwei großartige im Gangstermilieu verortete Streifen geschaffen hatte, dieses Konzept nach Frankreich überführen. Zusammen mit dem Komödien- und Actionstar Jean-Paul Belmondo konnte sowohl die Finanzierung sichergestellt als auch die Hauptrolle besetzt werden.

Moissac: Sie sind Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei und nicht Rausschmeißer in einer Kaschemme. Dass Sie einen Western einem Psychokrimi vorziehen, das ist ihre Sache, aber man kann nicht immer machen, was einem gefällt!

Belmondo gibt dann mit Jean Le Tellier einen den Vorbildern aus den oben genannten Werken nacheifernden Law-and-Order-Bullen, der die Fälle lieber mit institutionalisierter und physischer Gewalt zu lösen versucht, als mit rechtstaatlichen Mitteln. So fällt schon seine Exposition äußerst raubeinig und finster aus, wenn Le Tellier eine Gruppe von Flüchtlingen lieber als Druckmittel nutzt, anstatt diese zu befreien und den Täter zu überführen. Aber auch der Umstand, dass ein Teil der Handlung sich schlicht und einfach der persönlichen Rache Le Telliers widmet, macht deutlich, dass der Zuschauer es hier mit einem durch und durch reaktionären Bullentypus zu tun hat.

Das spiegelt sich auch in der Charakterzeichnung wieder, denn das von Verneuil unter Mithilfe von Francis Veber und Jean Laborde geschrieben Skript liefert äußerst stereotype Rollenbilder, die zudem nur den zentralen Figuren vorbehalten sind. Neben dem beinharten Copper gibt es so den geistig labilen Mörderstereotyp, der seine eigenen Probleme in einen Hass auf Sexualität und vermeintliche Schamlosigkeit hineinprojiziert. Da tun sich Belmondo und der seinen Widersacher verkörpernde Adalberto Maria Merli, der seinen ersten großen Auftritt ein paar Jahre zuvor in SIE NANNTEN IHN PLATTFUß (1973) feierte, nicht viel, beiden fällt es augenscheinlich nicht schwer, diese eher flachen Rollen auszufüllen.

Typ: Sie lassen mich gehen?
Le Tellier: Ja.
Typ: Und warum?
Le Tellier: Weil du zwei hübsche Augen hast.

Andere Mimen wie das schauspielerische Schwergewicht Charles Denner oder Jean Martin werden in nahezu belanglose Rollen verdrängt, die als Le Telliers Vorgesetzte nur dazu da sind, die Eigenschaften desselben noch einmal zu bekräftigen. Immerhin darf Lea Massari sich ein wenig aus dieser grauen Masse erheben und bekommt einige ordentliche Szenen zugedacht. Dass der Film trotzdem eng auf seine beiden Hauptrollen zugeschnitten bleibt, ändert sich deshalb aber trotzdem nicht.

Seine Stärken zeigt der Streifen dann, wenn Verneuil seine flotten Action-Sequenzen inszenieren darf. Da Belmondo seine Stunts wie immer selber ausführt, entstehen so zahlreiche spannende und unmittelbare Aufnahmen, die den Film zügig vorantreiben. Im Mittelteil kommt es so zu einer sehr ausladenenden Verfolgungsjagd, die Pro- und Antagonist durch zahlreiche Schauplätze führt und zwischendurch gar den Verfolgten auswechselt. Belmondo brilliert naturgemäß vor allen in diesen Szenen.

Le Tellier: Ich frage Sie: was sind schon Muskeln? Ein paar Gramm gehärtete Gelatine, aber die am richtigen Platz. Und die halten einen Polizisten sogar manchmal am Leben.

Aber auch die Dialoge und Handlungsstränge fügen sich letztendlich ordentlich zwischen den actionreicheren Szenen zusammen und sorgen dafür, dass die – zugegebener Maßen nicht sehr komplexe – Geschichte einen trefflichen Rahmen für die artistischeren Momente des Films darstellt. Auffällig sind dabei die Elemente des Giallo, derer sich der Film immer wieder in Grundzügen bedient. Ein zunächst unbekannter Mörder, der mit schwarzen Handschuhen ausgestattet seine – unter Umständen sexuelle – Unzulänglichkeit durch Mord und Missgunst auslebt, das kommt Genrefreunden doch nur allzu bekannt vor. Dazu gibt es noch einige schöne Bildmontagen und Kameraeinstellungen, sodass dem Film formal wirklich nichts vorzuwerfen ist.
Unterlegt mit einem treibend-düsteren Score von Ennio Morricone ergibt sich letztlich ein moralisch natürlich fragwürdiges, nichtsdestotrotz aber in Sachen Action und Inszenierung äußerst gelungenes Werk, welches vor allem unkomplizierte Unterhaltung bieten möchte. Den oben genannten Vorbildern entsprechend, bleiben moralische Überlegungen vollends außen vor und der Film versucht einfach, seinen Zuschauer für zwei Stunden in die düsteren und grauen Straßenzeilen der französischen Hauptstadt zu entführen; und das gelingt ihm mit Bravour!

Auch wenn die völlige Abwesenheit von moralischer Auseinandersetzung ebenso einen Minuspunkt darstellt, wie die höchst stereotype Charakterzeichnung, sammelt der Film doch mittels flotter Inszenierung und toller Actionszenen genug Pluspunkte, um letztlich einen sehr gelungenen Unterhaltungsfilm abzugeben; der Paris zudem genial grau und düster einfängt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.