INGLOURIOUS BASTERDS

Inglourious Basterds
Inglourious Basterds | Deutschland/USA | 2009
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt) agiert mit einer achtköpfigen Truppe von amerikanischen Juden in Nazi-Deutschland, um die Soldaten der Wehrmacht das Fürchten zu lehren. Als er über englische Kontaktleute davon erfährt, dass die Führungsriege der Nazis in Paris einer Kinopremiere beiwohnen soll, ist das Ziel schnell klar: Ein Bombenanschlag muss her. Selbiges plant die jüdische Besitzerin des Kinos, Shosanna (Mélanie Laurent), deren Familie vor einigen Jahren vom SS-Standartenführer Landa (Christoph Waltz) ermordet wurde.

Bereits zur Jahrtausendwende schrieb Quentin Tarantino an einem Drehbuch für einen Kriegsfilm, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Deutschland spielen sollte. Das Skript durchlief dabei zahlreiche unterschiedliche Entwicklungsstadien und wurde immer wieder durch die Dreharbeiten zu KILL BILL: VOL. 1 (2003), KILL BILL: VOL. 2 (2004) respektive DEATH PROOF – TODSICHER (2007) unterbrochen. 2008 dann hatte Tarantino das Buch auf eine umsetzbare Länge heruntergeschrieben und es in eine schlussendliche Form gebracht. Die Weinstein Company stellte unterstützt von Universal Pictures und einigen kleineren Produktionsfirmen runde 70 Millionen US-Dollar zur Verfügung und so konnte Tarantino sein bis dato teuerstes Projekt angehen.
Der Streifen weist dann die für den Autorenfilmer so typische episodische Struktur auf und führt so zunächst die drei zentralen Charaktere ein bevor er deren Geschichten zusammenführt. Frei jeglichen Anspruchs, die historischen Abläufe zu berücksichtigen, schickt der Film seine Protagonisten durch die Kriegswirren Europas und verwendet den Krieg selbst so nur als Hintergrund für die Erlebnisse seiner Figuren. Hier ist Tarantinos Werk eng bei seinem Namenpaten EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE (dessen internationaler Verleihtitel The Inglorious Bastards lautet), denn schon 1978 nutze Enzo G. Castellari den Krieg nur als Bühne für seine Actiondarbietungen.

Aldo: Wenn du uns kennst, Werner, dann weißt du ja, dass wir nicht im Gefangennehmen-Geschäft sind, wir sind im Nazis-Töten-Geschäft. Und das Geschäft, mein Freund, das brummt.

Bei Tarantino geht es jedoch weniger um Action – tatsächlich gibt es, von dem von Eli Roth inszenierten Film-im-Film Stolz der Nation abgesehen, keinerlei kriegerische Kampfhandlungen zu sehen – als vielmehr um Figuren und deren Austausch. Das sorgt wieder für unzählige Dialoge, die wie gewohnt äußerst raffiniert und ikonisch ausfallen und teilweise umgehend Eingang in die Popkultur fanden.
Möglich ist das natürlich nur, weil der klar als Ensemblestück angelegte Film eine Besetzung aufweist, die schlichthinweg ihres Gleichen sucht. Der Österreicher Christoph Waltz schafft als Hans Landa vollkommen zu recht den internationalen Durchbruch und stellt wohl die denkwürdigste Figur des Films dar. Sein skurril fröhlicher SS-Mann schafft es schon nach kurzer Zeit, erst Lacher zu erzeugen und wird im Verlaufe der Spielzeit – trotz einiger brutaler und emotionsloser Szenen – immer mehr zur Unterhaltungsfigur. Dass der „Judenjäger“ derart zur Unterhaltung dient, ist dabei ein expliziter Anspruch Tarantinos; und ein beeindruckendes Manöver zugleich.

Brad Pitt gibt daneben einen völlig überzeichneten Kommandanten, der fluchend und Sprüche-klopfend durch das Hinterland zieht. Er führt eine Truppe von noch viel überzeichneteren Charakteren an (darunter Eli Roth als Bärenjude und Til Schweiger als namentliche Referenz Hugo Stiglitz) an, die mittels äußerster Brutalität gegen die Nazis vorgeht. Dass ihnen jedoch neben ihrer Gewalt jegliches Gespür für Feinheiten fehlt, zeigt sich spätestens, wenn die Truppe sich ins Kino einschleichen soll; und dabei ebenso kläglich wie unterhaltsam scheitert.
Die Französin Mélanie Laurent ist hingegen für den emotionalen Teil des Stücks verantwortlich und darf so als ebenso kokette wie selbstbewusste Kinobetreiberin Shosanna glänzen. Neben Schweiger gibt es mit dem erstaunlich abgeklärt spielenden Daniel Brühl, Sylvester Groth als grandioser Goebbels-Parodie oder Michael Fassbender als straightem Briten noch diverse deutschsprachige Darsteller zu sehen. Weitere tolle Rollen an dieser Stelle ignorierend muss man so konstatieren, dass der Film ein wahres Feuerwerk an Schauspielerei abfeuert und das er trotz einiger äußerst ikonischer Rollen vor allem durch die Qualität in der Breite überzeugt; die zahlreichen Cameos (unter anderem Castellari oder Bo Svenson) runden das Ganze zusätzlich ab.

Aldo: Wenn du von Aldo, dem Apachen, gehört hast, dann bestimmt auch vom Bärenjuden.
Werner: Ich hörte vom Bärenjuden.
Aldo: Was denn?
Werner: Der Mann schlägt deutsche Soldaten mit einem Prügel.
Aldo: Er zerschmettert ihnen die Birne mit ’nem Baseballschläger, so sieht’s aus!

Trotz seiner knapp zweieinhalb Stunden Laufzeit kommt so zu keinem Moment Langweile auf, denn Tarantino räumt jeder Rolle genügend Zeit ein, um sich relevant zu positionieren. Dabei beschränkt er sich auf wenige – bis auf das Kino relativ austauschbare Settings – die für möglichst wenig Ablenkung sorgen. Die Figuren stehen uneingeschränkt im Mittelpunkt des Films, da gibt es keinen Zweifel.
Und sie alle bereiten den großen Kniff des Films vor: Nicht die Briten und nicht die Amerikaner sind es, die letztlich den Tod der Führungsriege der Nazis und somit das Ende des Krieges herbeiführen. Schon eher ist es die jüdische Kinobetreiberin, die jedoch ebenfalls nur Handlangerin ist. Es ist das Kino selbst. Der Film, das Zelluloid. Der Nitrofilm sprengt das Kino und besiegt die Nazis. Der Filmfreund Tarantino macht das Kinos selbst zum Kämpfer wider die Nazis. Diese Liebeserklärung findet sich in wundervolle Bilder gekleidet im Finale wieder und wird so zur filmischen Inkarnation dessen, was die Person Tarantino stets ausmacht: Die Liebe zum Kino.

Dass der Film in einer frühen Planungsphase einmal als (noch deutlichere) Hommage an den Italowestern konzipiert war, zeigt sich dann vor allem in der Auswahl der Musikstücke. Wie immer verlässt sich Tarantino dabei auf eine Auswahl bereits vorhandener Stücke und verzichtet auf eigens für den Film geschaffene Kompositionen. Stücke aus DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE (1968), RINGO KOMMT ZURÜCK (1965) oder VON MANN ZU MANN (1967) klingen in den Ohren von Freunden dieses Genres wieder, aber auch ein Werk von Elmer Bernstein aus DIE LETZTE OFFENSIVE (1979) verweist auf filmische Vorbilder.
Gleiches gilt für die unzähligen Plakate, die sich im Film wiederfinden Hier zeigt sich das immense filmhistorische Wissen Tarantinos, der seinen Film mit Postern zeitgenössischer Produktionen geradezu zupflastert. Aber auch die Erwähnung zahlreicher Mimen und Filmschaffender jener Tage legt ebenso Zeugenschaft für Detailverliebtheit wie für Fachwissen ab. Die oben erwähnte Leidenschaft findet so also auch optisch eine Entsprechung. Denn wenn die Kamera die erleuchtete Werbefläche des Kinos in einer Pariser Seitenstraße abfährt, dann ist das ebenso schön wie aussagekräftig.

Landa: Ich liebe Gerüchte! Naja, Fakten können so irreführend sein, wohingegen Gerüchte, wahr oder falsch, häufig erhellend sind.

Während Bryan Singer ein Jahr zuvor mit OPERATION WALKÜRE – DAS STAUFFENBERG ATTENTAT (2008) noch darum bemüht war, die Historie möglichst korrekt wiederzugeben, pfeift Tarantino mit INGLOURIOUS BASTERDS auf derlei Ansprüche und nutzt den Zweiten Weltkrieg schlicht als Plattform für sein ganze eigene Idee von Film. Und somit schafft er es, nach dem durchwachsenen DEATH PROOF – TODSICHER und dem im Vergleich zu seinen Frühwerken ebenfalls etwas abfallen Doppelwerk KILL BILL wieder zu alter Stärke zurückzukehren. Der Film unterhält, beeindruckt und macht sprachlos. Die Kinogänger untermauerten dies, indem sie schon am Eröffnungswochenende das Budget wieder in die Kassen schwemmten und den Streifen so auch zu einem finanziellen Erfolg machten. Das ist aber letztlich genauso unwichtig, wie die positive Resonanz der Kritiker, denn Tarantino hat mit INGLOURIOUS BASTERDS auch ohne derartig schmückendes Beiwerk einen Film geschaffen, der neben brachialer Auflehnung und pointierter Unterhaltung vor allem eines darstellt: Eine Liebeserklärung an das Kino!

Tarantino knüpft hier an seine frühen Erfolg an und liefert grandiose Unterhaltung mit einer spektakulären Besetzung. Alles greift wunderbar ineinander und wird so – formal wie inhaltlich – zu einer Liebeserklärung an das Kino selbst.

6 Antworten zu “INGLOURIOUS BASTERDS

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