EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN

Edward mit den Scherenhänden
Edward Scissorhands | USA | 1990
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Edward (Johnny Depp) ist ein von einem namenlosen Erfinder (Vincent Price) geschaffenes menschenähnliches Wesen und er lebt zurückzuzogen und einsam in einem düsteren Schloss. Doch eines Tages holt ihn die Vertreterin Peg Bogg (Dianne Wiest) aus seiner Einsamkeit und führt ihn in das knallbunte Leben der Vorstadt ein. Dort kommt es schnell zu Problemen und das nicht nur, weil Edward sich zu Pegs Tochter Kim (Winona Ryder) hingezogen fühlt …

1988 hatte Tom Burton mittels BEETLEJUICE seinen großen Durchbruch gefeiert und diesen ein Jahr später in Form von BATMAN (1989) nochmal untermauert. Diese gefeierten Titel hatten ihm das nötige Renommee verschafft, um sich für sein nächstes Projekt mit ausreichendem Kapital zu versorgen. Wurde BATMAN noch vornehmlich von Warner Brothers produziert, wechselte Burton nun zu 20th Century Fox, wo man ihm runde 20 Millionen US-Dollar an Budget zur Verfügung stellen würde. Des Weiteren begann hier Burtons Karriere als Produzent, welche in den nächsten Jahren immer wieder in enger Zusammenarbeit mit Denise Di Novi stattfinden sollte.
Zusammen mit der Drehbuchautorin und Produzentin Caroline Thompson trug Burton dann auch erstmals entscheidend zum Skript eines seiner Spielfilme bei. Nach dem action-orientierten BATMAN wirkt das Buch dabei wie ein Rückgriff auf die Konzepte von BEETLEJUICE und festigt so jenen Stil, den Burton noch heute pflegt. Das Düster-Skurrile steht hier den Knallbunten (aber deswegen nicht minder skurrilen) gegenüber, ebenso wie Edward den übrigen Protagonisten. Der Film ist zu jedem Zeitpunkt karikierender Natur und versetzt seinen Zuschauer in eine Welt, die zwar Identifikation zulässt, formell jedoch zu durchweg einem Märchen gleicht.

Peg: Das ist keine Waffe, das sind seine Hände!

Innerhalb dieser Grundstruktur findet eine klassisch anmutende Geschichte um Liebe und Vorurteile Platz, die sich zu fast jeder Zeit auf dem schmalen Grad zwischen Komödie und Drama halten kann. Nur an manchen Stellen öffnet sich die Schere zwischen beiden Genres gar etwas zu weit. So wirken die Gags an mancher Stelle gar zu kindisch, nur um Sekunden später von höchst düster anmutenden Sequenzen abgelöst zu werden. Diese Spannweite mag manchem Zuschauer gefallen, sorgt jedoch immer wieder für Brüche. Das mit einer extremen emotionalen Fallhöhe ausgestattete Ende überzeugt hingegen vorbehaltlos und schließt den Film gekonnt ab.

Bis es jedoch so weit ist, bietet Burton zusammen mit Kameramann Stefan Czapsky sein ganzes Können in Sachen Inszenierung auf und macht den Film so tatsächlich äußerst abwechslungsreich. Kamerafahrten wechseln sich mit allerlei ungewöhnlichen Einstellungen und Zooms ab und übertragen so die skurril-bunte Atmosphäre der Vorstadt auf die Formalia des Films. Dienlich sind dabei natürlich auch die Sets, die bunt und überzeichnet daherkommen und dem Film so einen sehr eigenständigen Stil verleihen. Die Popcorn-Welt der amerikanischen 50ere Jahre findet sich hier deutlich überhöht wieder und steht dem von Haus aus schwarz gewandeten Edward und seinem düsteren Schloss trefflich gegenüber.

Bill: Du kannst nicht mit Keksen die alltäglichen Dinge des Lebens kaufen, du kannst mit Keksen auch kein Auto kaufen.

Die Musik schließlich, die Querkopf Danny Elfman beisteuerte, komplettiert den Stil des Films und bietet eine enorme Bandbreite. Quirlig-schnelle Stücke wechseln sich mit tragenden Kompositionen ab, die die dramatischen Szenen stark befördern. Elfman hatte bereits bei Burtons oben erwähnten Werken den Ton geliefert und sollte das auch noch viele weitere Male tun.

In Sachen Darstellerei markiert der Film die erste Zusammenarbeit von Burton und Johnny Depp. Der hatte mit Nebenrollen in NIGHTMARE – MÖRDERISCHE TRÄUME (1984) oder PLATOON (1986), sowie einigen TV-Auftritten bisher noch auf den großen Durchbruch warten müssen, was sich nun jedoch ändern sollte. Depp brilliert in der Rolle des Edward und schafft es scheinbar mühelos, die Figur zwischen Trauer, Freue und Hilfslosigkeit zu zeichnen. Burton schneidert dann alles andere maßgerecht um Depp herum und so fanden zwei Herrschaften zueinander, die in der Folge bekanntlich noch viele gemeinsame Arbeiten abliefern sollten.

Bill: Geh in die Garage und hol‘ die Ölkanne, wir wollen doch nicht das er anfängt zu rosten.

Mit der Besetzung von Winona Ryder zeigt Burton hier bereits seinen starken Drang, guten Mimen treu zu bleiben, hatte jene doch bereits in BEETLEJUICE vollends überzeugt. Auch hier gibt Ryder die Kim überzeugend. Dianne Wiest, die drei Jahre zuvor in Joel Schumachers Horror-Komödie THE LOST BOYS (1987) mitwirkte, kann als etwas überdrehte, aber herzensgute Peg ebenfalls bestens unterhalten und Vincent Price verleiht dem Film mit seinem letzten Spielfilmauftritt die nötige filmhistorische Relevanz.
Oftmals zu Unrecht als stereotypes Weihnachtsfilmchen abgetan stellt EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN so einen sehr gefühlvollen und das Thema Vorurteile und Ausgrenzung trefflich behandelnden Film dar, der von allem innerhalb von Tim Burtons Karriere einen wichtigen Punkt markiert. Hier begann jener mit der Drehbuchschreiberei, mit dem Produzieren und mit der Zusammenarbeit mit Johnny Depp. Der Film stellt einen der Fixpunkte von Burtons Karriere dar und besitzt alleine deshalb eine hohe Relevanz; ganz davon ab handelt es sich zudem noch um äußerst gekonnte Unterhaltung zwischen echtem Drama und Grusel-Komödie.

Nach seinen ersten Erfolgen findet Tim Burton mit diesem Film vollends zu seinem eigenen Stil, was sich auch in seiner Autorenschaft und Position als Produzent wiederspiegelt. Die tolle Besetzung und die gekonnte Inszenierung sorgen des Weiteren dafür, dass aus diesem – für Burtons Vita sehr wichtigen – Film auch noch ein in hohem Maße unterhaltsamer wird.

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Eine Antwort zu “EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN

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