NACKT UNTER KANNIBALEN

Nackt unter Kannibalen
Emanuelle e gli ultimi cannibali | Italien | 1977
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die Journalistin Emanuelle (Laura Gemser) recherchiert gerade für einen Artikel in einer New Yorker Klinik und wird dort Zeuge eines kannibalistischen Mordes. Da die Täterin kurz zuvor noch am Amazonas war, reist Emanuelle zusammen mit dem Anthropologen Lester (Gabriele Tinti) genau dorthin und stößt dort auf einen indigenen Stamm, der immer noch Kannibalismus praktiziert.

1977 war – vor allem im Zuge der europaweit zunehmenden Legalisierung von Hardcore-Pornographie – die große Zeit der billigen Softcore-Filmchen schon fast passé. Der vierte Teil der BLACK EMANUELLE-Reihe EMANUELA – ALLE LÜSTE DIESER WELT (1977) verzeichnete zwar immer noch ordentlichen, aber doch abflauenden Umsatz, sodass sich Regista Joa D’Amato langsam neuer Impulse bedienen musste, um die kostengünstige Schmuddel-Reihe weiterhin für die Kinogänger attraktiv zu gestalten.
Da kam es ihm durchaus gelegen, dass ein anderer Zweig des italienischen Genrekinos zu jener Zeit in voller Blüte stand. Denn seitdem Umberto Lenzi 1972 mit MONDO CANNIBALE den Kannibalenfilm begründete hatte, konnte sich diese Gattung bis zum Ende des Jahrzehnts durchaus etablieren. Vor allem Ruggero Deodatos MONDO CANNIBALE 2 – DER VOGELMENSCH (1977) sorgte für reges Interesse seitens des Publikums an Dschungelabenteuern mit expliziter Gewalt. D’Amato selbst hatte das Thema 1975 mit FOLTERGARTEN DER SINNLICHKEIT bereits gestreift und sollte sich diesem nun vollends verschreiben.

Maggie: Warum haben sie uns nicht angefallen?
Donald: Wahrscheinlich holen sie sich einem nach dem anderen, so haben sie länger frisches Fleisch.
Maggie: Donald, ich bitte dich!
Donald: Na, die haben keine Kühltruhe …

Zusammen mit Romano Scandariato ersann er dann ein Drehbuch, welches auf simpelste Art und Weise dafür sorgte, dass die Reporterin Emanuelle (die in der deutschen Synchronisation diesmal der Einfachheit halber gleich Laura heißt) es in dieser Episode nicht nur mit allerlei erotischen, sondern auch mit sehr ruppigen Erlebnissen zu tun bekommt; Sinn und Verstand bleiben dabei natürlich auf der Strecke. Ihr Aufbruch in den Dschungel, das Verhalten vor Ort, die Zusammensetzung der Gruppe: all das dient lediglich als vordergründige Motivation, um die Darstellerschaft in den Dschungel zu verfrachten; für dessen Darstellung das Filmteam übrigens lediglich italienischen Boden und ein paar Filmstudios genutzt hat; alle Achtung!
In diesem optisch also durchaus überzeugenden Urwald inszeniert D’Amato dann eine waghalsige Mischung aus altbekanntem Softcore (diesmal gibt es keine nachträglich gedrehten Hardcore-Schnipsel zu begutachten) und brutalen Kannibalismus-Szenen. Da die erotischen Einstellungen allerdings wie gewohnt in warmer Ausleuchtung und hellem Licht gedreht werden, in der nächsten Einstellung allerdings ein düsterer Dschungel wartet, entsteht eine geradezu surreale Stimmung. D’Amato macht eben alles so, wie er will, und nicht so, wie es Sinn ergibt.

Während die Nacktaufnahmen serientypisch recht redundant ausfallen – und demzufolge auch schnell zu ermüden beginnen – sorgen die expliziten Brutalitäten für eine durchaus erfreuliche Abwechslung. Trotz der günstigen Produktionsbedingungen fallen diese nämlich überwiegend gelungen aus und schaffen so einen ordentlichen Kontrast zur ansonsten flügellahmen Handlung. Der Umstand, dass es mit Kastrationen, Zweiteilungen und diversen Ausweidungen lediglich die gerne-typischen Schandtaten zu sehen gibt, tut diesem Umstand keinen Abbruch.
Neben der obligaten Laura Gemser sowie Gabriele Tinti (der der Reihe treu bleibend auch hier wieder eine neue Figur gibt) darf sich der italo-bewusste Zuschauer auch an Nieves Navarro erfreuen. Diese gehört seit EINE PISTOLE FÜR RINGO (1965) und DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE (1966) zu den Berühmtheiten der schauspielernden Italienerinnen und präsentiert sich hier auffällig freizügig. Donald O’Brien, dessen größte Rolle wohl die in Sollimas LAUF UM DEIN LEBEN (1968) gewesen sein dürfte, darf als murriger Großwildjäger auftreten und Annamaria Clementi gibt ihr Spielfilmdebut als Schwester Angela.

Typ: Sie hat ihr ein Stück vom Busen rausgerissen und aufgegessen!

Hier wird auch deutlich, dass der Film – anders als seine Vorgänger – nicht etwa Emanuelle als zentrale und starke Frauenfigur darstellt, sondern die Weiblichkeit auf gleich drei Schulterpaare verteilt. So rückt die ansonsten so taffe und selbstbewusste Journalistin deutlich in den Hintergrund. Auch andere Mädels sind jetzt erotisch und forsch. Darüber hinaus sind mit Tinti und O’Brien nun zwei dauerhaft anwesende und exponierte Männerrollen vorhanden, die die – natürlich nur vordergründigen – Versuche der vorhergehenden Filme, Frauen als handelnde Charaktere zu zeichnen, torpedieren.
Diese dem relativen Genrewechsel geschuldete Entwicklung untermauert dann die streng maskuline Gedankenwelt des Films, was im Finale auch nochmal mehr als deutlich visualisiert wird: Während Isabelle unter Drogen stehend von mehreren Männern vergewaltigt wird, guckt Emanuelle nur zu und Lester denkt sich einen Plan zur Rettung aus. Dieser wird von Emanuelle – natürlich unter Zuhilfenahme ihre Nacktheit – dann willfährig ausgeführt und die gerettete Isabelle hat ihr traumatisches Erlebnis schon nach Sekunden vergessen. Emanuelles moralische Überlegungen werden dann von Lester mittels Handauflegen zerstreut.
So stellt D’Amatos fünfter Teil der BLACK EMANUELLE-Reihe einen weiteren stereotypen Versuch des Geldverdienens mittels vordergründiger Schauwerte dar. Zwar können die Kannibalen-Sequenzen kurzfristig für Auflockerung sorgen, am mittlerweile äußerst angestaubten Konzept aus Softsex, Männlichkeitsfantasien und billigem Sexismus ändert sich aber nicht viel.

Die Kannibalismus-Thematik lockert das mittlerweile bekannte Schema nur bedingt auf und so bleibt der Streifen letztlich etwas für beinharte Fans von D’Amato (die hier allerdings eine der frühen, für diesen Regisseur so typischen, Verquickungen von Sex und Gewalt erleben dürfen).

6 Antworten zu “NACKT UNTER KANNIBALEN

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