ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER

Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger
Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto | Italien | 1970
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Nachdem der Dottore (Gian Maria Volonté) seine Geliebte Augusta Terzi (Florinda Bolkan) ermordet hat, hinterlässt er zahlreiche Indizien. Denn obwohl er selbst Chef der zuständigen Mordkommission ist, ist es sein größer Wunsch, gefasst zu werden.

Nachdem der Regisseur Elio Petri mit dem Mafia-Streifen ZWEI SÄRGE AUF BESTELLUNG (1967) oder mit dem Horror-Vehikel DAS VERLUCHTE HAUS (1968) noch in einigermaßen seichten Gewässern fischte, ging er ab 1970 nach eigenem Bekunden daran, Filme nicht mehr aus Gründen der Unterhaltung, sondern aufgrund ideeller Motivationen zu realisieren. Grund dafür war vor allem die gesellschaftliche Realität Italiens, die nach der dunklen Zeit des Faschismus eine blühende außerparlamentarische Opposition geschaffen hatte, die sich durch Demonstrationen, Publikationen und nicht zuletzt weithin sichtbare Schmierereien hervortat. Dieser Bewegung stand allerdings auch eine sehr konservative Mitte der Gesellschaft gegenüber, deren Mechanismen Petri zum Gegenstand seines ersten politisch ambitionierten Films machen sollte.

Dottore: Die Ausnutzung der Freiheit wirkt sich als Gefahr und Bedrohung für die traditionellen Kräfte aus, für die konstitutionelle Autorität. Das Ausnutzen der Freiheit führt dazu, dass sich jeder x-beliebige Bürger als Richter aufwerten kann, der uns daran hindert, völlig frei unsere Pflichten zu erfüllen, unsere geheiligten Funktionen zu versehen! Wir sind die Verfechter und Hüter des Gesetzes, was wir nicht verändert haben wollen; was unumstößlich feststeht!

Zusammen mit Ugo Pirro, der auch schon bei erwähntem ZWEI SÄRGE AUF BESTELLUNG am Skript mitgearbeitet hatte, erarbeitete Petri dann ein Drehbuch, welches sich gänzlich auf die Wechselwirkungen zwischen seiner Hauptfigur und der sie umgebenden Gesellschaft konzentriert. Der Dottore ist dabei von Anfang an als Mörder bekannt. Der Zuschauer bleibt also von jedweder Rätselei verschont und darf sich stattdessen vollkommen dem Spiel der machttrunkenen Chefs des Mordsdezernats widmen. Dabei wird schnell klar, wie ambivalent die Figur angelegt ist. Der Dottore möchte erwischt werden, aber auch nicht. Als es eng wird, zerreißt er Beweismittel eilends mit den Zähnen, spült die im Klosett hinweg. Andererseits zieht er immer mehr Personen in sein Spiel hinein, versucht immer offensiver gefasst zu werden. Es ist diese Ambivalenz, die die Figur – und somit ihr Handeln – so spannend und faszinierend macht.

Das funktioniert allerdings nur, weil Gian Maria Volonté hier eine schauspielerische Leistung für die Ewigkeit abliefert. Seit FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) einer der ganz Großen, arbeitete er bei ZWEI SÄRGE AUF BESTELLUNG bereits mit Petri zusammen, der in hier zum unumstrittenen Hauptcharakter machte. Alles dreht sich um Volonté, all die Anderen dienen ihm als Partner, nicht aber er ihnen. Mit jeder Figur sucht sein Dottore die Auseinandersetzung: seinen Untergebenen tätschelt er die Wangen, seine Liebschaft schlägt er, Fremde beleidigt und bedroht er. Er spielt mit den Menschen und mit dem System.
Denn neben der Figur des Dottore ist es genau das reaktionäre System der Exekutive, welches im Mittelpunkt des Films steht. Der Polizeiapparat ist an sich unfähig, seiner Arbeit nachzugehen, er verfolgt keine Indizien, sondern lediglich Überzeugungen. So ist es ein leichtes, die Oppositionellen zu misshandeln und die Schuld der eigenen Leute zu ignorieren. Des Dottores Schuld entsteht dabei nicht nur aus der ihm gegebenen Macht, die ihn der alten Weisheit folgend korrumpiert, sondern auch aus der verhängnisvollen Beziehung zu der hübschen Augusta Terzi. Diese bietet ihm zwar zum einen die Möglichkeit, die zahlreichen erlebten Morde, die ihn augenscheinlich faszinieren und erregen, nachzustellen, auf der anderen Seite bietet sie ihm aber auch als eine der wenigen Paroli. Als sie ihn und seine Liebeskünste sogar beleidigt, ist das zu viel des Guten für den Narzissten und ihr Tod unausweichlich.

Dottore: Trink und gesteh‘! Champagner klärt die Gedanken!

Fortan skizziert Petri in harten, aber zusammen mit Kameramann Luigi Kuveiller stets perfekt gewählten Bildern einen furiosen Ritt durch die italienische Gesellschaft der späten 60er. Des Dottores flammende Antrittsrede lässt es einem kalt den Rücken hinunterlaufen, die dargestellten Überwachungs- und Abhörmethoden sind zwar vordergründig veraltet, aber nichtsdestotrotz erschreckend aktuell und finster. Die pure Ignoranz, mit der das System die Schuld im Inneren ignoriert, ja sogar vertuscht, ist wie ein Schlag ins Gesicht. Immer hilfloser wird der Schrei nach der Wahrheit, bis der Film schließlich in einem grandiosen Finale mündet.

Neben Petris wundervoll gelassener Regie ist es aber auch Ennio Morricones Beitrag, der die irgendwo zwischen Anklage und Resignation schwankende Stimmung maßgeblich mitträgt. Bedrückende Klänge und atonale Geräusche schaffen eine Atmosphäre, die keine Ruhe, keine Entspannung zulassen. Das gilt insbesondere für die Verhör- und Protestszenen, in denen der Film zu höchster Eindringlichkeit aufläuft. Dass Petri sich dabei stellenweise einer fast schon karikierten Darstellung bedient, sei ihm in Anbetracht und Funktion des Ergebnisses gerne zugestanden.

Augusta: 1966 war ich allein, wie ein herrenloser Hund.

Neben dem überragenden Volenté gibt Florinda Bolkan eine ebenso verführerische wie starke Frauenrolle, die als einzige in der Lage ist, den Dottore aus seiner Überheblichkeit zu reißen. Ansonsten ist lediglich Sergio Tramontis APO-Mitglied dazu befähigt. Interessant auch die Besetzung von Salvo Randone als Klempner. Dieser vertritt die einfache Arbeiterklasse, die auch nicht vor den eigensinnigen Spielen der Hauptfigur gefeit ist. Ein Thema, welches Petri ein Jahr später in seinem DIE ARBEITERKLASSE KOMMT INS PARADIES weiter verarbeiten sollte.
In Anbetracht von so viel Lob und Superlativen erscheint es nur folgerichtig, dass der Film – als einer der wenigen seiner Art – nicht nur die Gunst der Kinogänger erfuhr, sondern auch die der internationalen Kritiker. So wurde ihm sowohl der Großen Preis der Jury in Cannes, als auch der Academy Award für den Besten fremdsprachigen Film im Jahre 1970 verliehen. Zwei Auszeichnungen, die dem Film vollends gerecht werden, auch wenn das Ausbleiben einer unmittelbaren Anerkennung von Volontés Leistung etwas verwundern mag. So oder so ein absoluter Grundstein des politischen Kinos Italiens.

Petris erste explizit politische Arbeit überzeugt auf ganzer Linie und gehört folgerichtig zu den Klassikern des Genres. Darüber hinaus brillieren Volontés Spiel, Morricones Musik und Petris Inszenierung.

2 Antworten zu “ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER

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