VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT

Vier Fliegen auf grauem Samt
4 mosche di velluto grigio | Italien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Drummer Roberto Tobias (Michael Brandon) wird einige Zeit lang von einem Unbekannten verfolgt. Als er den Herren schließlich stellt, zieht dieser ein Messer und im folgenden Kampf kommt der Unbekannte zu Tode. Ein weiterer Fremder hat den Todesfall jedoch fotografiert und setzt Roberto nun unter Druck.

Nach seinen beiden vielbeachteten Werken DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) und DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (1971) sollte der junge aufstrebende Dario Argento nun das erste Mal mit einer US-amerikanischen Produktionsfirma zusammenarbeiten; beziehungsweise mit der Marianne Productions, der französischen Tochterfirma von Paramount Pictures. Welche Auswirkungen das auf die Vermarktung seines dritten Spielfilms, an dessen Produktion natürlich auch wieder die von Vater und Sohn Argento geründete Seda Spettacoli beteiligt war, haben sollte, sollte dieser jedoch erst Jahre später feststellen.
Während die Drehbücher der ersten beiden Teile der vom Schöpfer nie so gedachten, von der Öffentlichkeit allerdings zur TIER-TRILOGIE zusammengefassten drei Frühwerke Argentos noch vom Regista persönlich stammen, sollten nun Mario Foglietti und Luigi Cozzi am Skript teilhaben. Vor allem letzter entwickelte sich im Laufe des Drehs zu Argentos rechter Hand und übernahm dabei auch die Regie-Assistenz sowie weitere zentrale Prozesse.
Ob die Mehrzahl an Autoren dem Drehbuch gut getan hat, ist bis heute ein Streitpunkt, fest steht aber, dass das Buch wieder sämtliche Motive des klassischen Giallo aufweist. Ein unbekannter Mörder, ein Zivilist als Fahnder und explizite – sowie sexuell aufgeladene – Morde mit Klinge und Klavierseite. Dabei weist die inhaltliche Struktur durchaus Ähnlichkeiten zu DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE auf, auch hier gilt es sich mit optischer Täuschung und der trügerischen Erinnerung auseinanderzusetzen.

Arrosio: Ich denke immer noch darüber nach, ob ich Ihnen glauben soll. Ihre Geschichte klingt ziemlich unwahrscheinlich.
Roberto: Eine bessere fällt mir nicht ein …

Nicht zurück, sondern vielmehr nach vorn zielen hingegen die Entwickelung hin zu mehr optischer Verspieltheit und die ersten Ansätzen von surrealen Sequenzen. Vor allem die Szene, die Marisa Fabbri im Park zeigt, ist hier exemplarisch: Plötzlich verschwinden die vorher die Umgebung belebenden Menschen, plötzlich ist es Nacht, plötzlich findet sich die Haushälterin in einem Irrgarten wieder. Die Flucht ist ausweglos, der sich ständig verengende Bildausschnitt macht das auch optisch deutlich. Hier zeigen sich deutlich Elemente, die in der Folge typisch für Argento werden sollten.
Gleiches gilt für die zusammen mit Kameramann Franco Di Giacomo und Cutterin Francoise Bonnot –die unter anderem an Jean-Pierre Melvilles ARMEE IM SCHATTEN (1969) oder Constantin Costa-Gavres Politthriller Z (1969) beteiligt war – geschaffenen Einstellungen, die immer wieder für Überraschungen sorgen. Da fliegt die Kamera durch eine Unzahl roter Vorhänge und begleitet einen zuschlagenden Kolben bis zum Kopfe des Opfers. Aber sie begleitet auch ein Opfer die Treppe hinab und sinkt mit einem Ermordeten zu Boden. Optisch bietet der Film so bis zum wie erwähnt ebenfalls toll in Szene gesetzten Finale so immer etwas Beachtenswertes.

Auffällig ist auch, dass Argento hier wiederum eine starke Durchmischung der Geschlechterrollen fokussiert. Ähnlich wie im soeben erwähnten Erstling sucht auch dieser Film den Weg zwischen den Geschlechterklischees hindurch und greift zu diesem Zwecke wiederum auf eine homosexuelle Rolle zurück; auch dieses Stilmittel fand bereits zuvor Anwendung in Argentos Oeuvre. Leider ließ es der Zeitgeist wohl immer noch nicht zu, diesem Thema gelassen zu begegnen, sodass auch Jean Pierre Marielles Rolle zu albern daherkommt; wohl der einzige Weg, Homosexualität zu jener Zeit im Kino zu zeigen. Dass das Finale die Geschlechterthematik dann schlichter – wenn auch konsequent – auflöst, als es der durchweg gelungene Anfang erwarten lässt, kann man als faden Beigeschmack empfinden, in Anbetracht der ästhetischen Qualität der letzten Szene, muss man das aber wahrlich nicht.
Die Hauptrolle ging nach langem Suchen an den US-Amerikaner Michael Brandon, der zuvor lediglich in der US-Komödie LIEBHABER UND ANDERE FREMDE (1970) mitgewirkt hatte. Da erstaunt es nicht, dass sein Spiel immer mal wieder etwas limitiert wirkt. Glücklicherweise erlaubt die Rolle des ins Unglück taumelenden Roberto einige Unsicherheiten, sodass Brandon letztlich zwar reichlich unspektakulär, aber doch gangbar daherkommt. Ähnlich verhält es sich mit der ebenfalls aus den USA stammenden Mimsy Farmer, die seit ihren Auftritten in DER KURIER DES ZAREN (1970) und DIE STRAßE NACH SALINA (1971) im italienischen Kino zu Hause war. Auch sie mimt ordentlich, vermag jedoch letztlich kaum zu beeindrucken.

Anders verhält es sich da schon mit Jean Pierre Marielle, der hier einen charmant tapsigen Privatdetektiv gibt. Diese Figur verleiht dem Film mit ihrer wie erwähnt oftmals vollkommen überzeichneten Homosexualität, sowie dem Umstand, dass ihr jeglicher beruflicher Erfolg abgeht, einiges an – für ein Werk dieses Regisseurs völlig ungewohnter – Komik. Und tatsächlich schafft es Marielle sogar, Brandon in den gemeinsamen Szenen zu etwas mehr Schwung und Glanz zu verhelfen.
Erstaunlich ist sicherlich das Mitwirken von Bud Spencer, war dieser doch zur gleichen Zeit damit beschäftigt, sich mit VIER FÄUSTE FÜR EIN HALLELUJA (1971) vollends in den Klamauk-Himmel zu spielen. Argento und Spencer waren sich ein paar Jahre zuvor über den Weg gelaufen, da ersterer die Drehbücher zu den Italowestern DER DICKE IST NICHT ZU BREMSEN (1968) und DER DAMPFHAMMER (1969) mitgeschrieben hatte. Dass er den rundlichen Komiker dann in einer durchaus gelungenen Nebenrolle in seinen dritten Spielfilm aufnahmen, dankt ihm dieser bis heute: so hat Spencer mehrfach bekundet, dass er diesen Auftritt als einen der bis heute sehr raren empfindet, bei dem man ihn als ernsthaften Schauspieler eingesetzt hat.

Gott: Wir nennen ihn den Professor, wegen seiner feinen Manieren: Er küsst den Weibern die Hand und furzt nicht in der Öffentlichkeit.

Den Soundtrack, der sich aufgrund des Hauptcharakters im Rock-Bereich bewegen sollte, sollte dann eigentlich die britische Rocktruppe Deep Purple beisteuern. Doch während die Herren schon mal ein paar Songs zu schreiben begannen, stellte sich heraus, dass der Film dann schlicht zu viel nicht-italienisches Personal beschäftigen und somit seine Filmförderung verlieren würde. Das galt es natürlich zu vermeiden, und da man weder die Hauptdarsteller noch die Cutterin kündigen konnte, musste man eben Deep Purple streichen. Also wandte sich Argento wieder einmal an Ennio Morricone, der schon seine ersten beiden Filme gelungen vertont hatte. Mit dem Ergebnis von dessen Bemühungen in Sachen Rockmusik war Argento dann allerdings gänzlich unzufrieden und der folgende Krach sollte die beiden bis ins Jahr 1996, in dem Morricone Argentos THE STENDHAL SYNDROME vertonte, entzweien.
Ebenfalls für ordentlich Unruhe sollte die Veröffentlichungspolitik von Paramount Pictures sorgen. Man arbeitete zwar nach dem Kino-Release zusammen mit CIC an einer VHS-Auswertung, diese sollte allerdings niemals zu Stande kommen. Bis heute ist unklar, was die Gründe dafür waren, Argento selbst vermutet in Interviews allerdings stets, dass man aus dem Film bewusst eine Rarität machen wollte. Und falls das tatsächlich der Plan war, so hat er blendend funktioniert, war der Film doch jahrelang nur auf ein paar französischen und italienischen VHS-Tapes zu haben.
Dieser Umstand ist mittlerweile behoben und VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT ist gemeinhin problemlos verfügbar. Als Abschluss der informellen TIER-TRILOGIE reicht er dabei zwar nicht ganz an den ähnlich gelagerten, aber deutlich besser besetzten DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE heran, braucht sich innerhalb der drei Frühwerke Argentos aber trotzdem nicht zu verstecken.

Der Abschluss der Tier-Trilogie kann vor allem optisch überzeugen und lässt bereits Stilelemente erahnen, die später noch typisch für Argento werden sollten. Die schwache Besetzung und einige kleinere Ungereimtheiten verwehren dem Streifen aber höhere Weihen.

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5 Antworten zu “VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT

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