DIE PHANTASTISCHE REISE

Die phantastische Reise
Fantastic Voyage | USA | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Überläufer Jan Benes (Jean Del Val) erleidet bei einem Attentat eine Hirnverletzung und liegt seitdem im Koma. Um den Mann – und mit ihm sein Wissen – zu retten, entschließen sich hohe Militärs, ein U-Boot zu schrumpfen und den Tumor von innen zu behandeln. Leiter der Operation ist Dr. Michaels (Donald Pleasence), der von dem Sicherheitsexperten Grant (Stephen Boyd), sowie Dr. Duvel (Arthur Kennedy) und dessen Assistentin Cora (Raquel Welch) begleitet wird; Duvels Integrität steht jedoch von Anfang an in Frage.

Vier Jahre nach seiner in Italien entstandenen Literaturverfilmung BARABBAS (1962) sollte Regisseur Richard Fleischer darangehen, die immer noch grassierende Welle der durch den Kalten Krieg motivierten Sci-Fi-Reißer auf eine andere Eben zu führen. Ging es in derartiger Filmkost bis dahin stets darum, sich vor Eindringlingen (dem Synonym des bösen Kommunisten) zu schützen, so verkehrte Fleischer diese Wirkungsrichtung 1966 und machte die Helden seines neuen Projekts selber zu Eindringlingen, die durch ebendieses Vorgehen nun etwas Gutes zu erwirken versuchten.
Die politische Situation jener Zeit findet sich aber vor allem an Anfang des Films wieder, wenn Fleischer eine sehr düstere und wortlose Exposition anbietet, die die Vorgeschichte des Überläufers aus dem Ostblock darlegt. Hier erahnt der Zuschauer noch nichts von der knallbunten Sci-Fi-Reise, die ihm bevorsteht. Vielmehr fängt Fleischer das kalte und angsterfüllte Klima dieser Epoche wunderbar durch seine raue Inszenierung und die karge Soundkulisse ein. Auch die minimalistischen Credits funktionieren vor diesem Hintergrund wunderbar und machen den Einstieg zu einem tollen Erlebnis.

Dr. Duval: Und all die hellen Sonnen, die das riesige Universum bescheinen, sind trüb verglichen mit dem Feuer eines einzigen menschlichen Gedankens …
Grant: … er überstrahlt alle Sonnen der Ewigkeit mit seinem Ganz.
Dr. Michaels: Sehr poetisch, lassen Sie es mich wissen, wenn wir an der Seele vorbeifahren!

Leider hat der Film sein inhaltliches Potenzial damit leider schon zur Gänze dargeboten, denn sobald die eigentlich Handlung ihren Lauf nimmt, verliert die Story zügig an Sinn, Logik und folglich auch Spannung. Das liegt aber mitnichten an der Absurdität der Gesamtgeschichte, denn genau das ist ein Kriterium, welches man diesem Genre einfach zugestehen muss, sondern viel mehr an den unzähligen kleinen Denkfehlern und Ungereimtheiten. Warum geht Dr. Michaels seinem Ziel nicht viel forscher nach? Warum wird das Schiff nicht direkt durch die Augenflüssigkeit injiziert? Wieso haben alle Anwesen so unfassbar wenig Ahnung von Medizin und der Technik des Gefährts?

Neben diesen – und vielen weiteren – omnipräsenten Unstimmigkeiten finden sich aber auch auf dramaturgischer Ebene einige Probleme. Vordringlich muss man hier die gänzlich fehlende Verbindung von Innen und Außen nennen. Die beiden Handlungsebenen laufen quasi berührungsfrei nebeneinander her, die medizinische Beobachtung von außen dient nur dazu, das im Inneren Geschehende noch einmal zu kommentieren. Spannungen oder Wechselwirkungen gibt es indes keine; hier wird massig Potenzial verschenkt.
Den Höhepunkt stellt dann die Tatsache dar, dass das zurückgelassene U-Boot in der Logik des Films eigentlich wieder wachsen und Benes somit sehr unschön in Jenseits befördern müsste. Denn während die heute Rezeption des Films allgemein davon ausgeht, dass die Antikörper das Gefährt gänzlich vernichtet haben, war dies mitnichten die Intention. In Anbetracht derart haarsträubender Logikfehler, wirkt es fast wie Hohn, dass der Film mit einer Einblendung startet, die zahllosen Wissenschaftler und Medizinern für ihre Mithilfe an diesem Projekt dankt; von Fleischers eigener Historie als Medizinstudent einmal ganz abgesehen …

Dass der Film trotz bis heute bekannt und beliebt ist, verdankt er dann der damals bahnbrechenden und in einem thematisch äußerst innovativen Bereich eingesetzten Tricktechnik. Die von Stuart A. Reiss und Walter M. Scott entworfenen Kulissen können es dabei in Sachen Farbenpracht und Einfallsreichtum mit jeder noch so fernen Galaxie aufnehmen und bieten dem Zuschauer ständig neue bunte bis psychedelische Ausstattungen. Dabei ließ Fleischer zahlreiche riesige Sets bauen, sodass die Darsteller unter anderem durch ein riesiges, begehbares Herz turnen konnten. Diese optische Pracht, die heute natürlich vor allem von ihrem naiven Charme lebt, war damals bahnbrechend und sorgt mit ihren zahlreichen Kamerafahrten und Actionsequenzen für wilde Zuschauerreaktionen. Folgerichtig erhielt der Film auch den Academy Award für das Beste Szenenbild; neben dem für den Besten Schnitt.

Grant: Ist die Assistentin von Dr. Duval in Ordnung, abgesehen von ihrem Aussehen?

In Sachen Besetzung kann der Film dann mit einigen bekannten Namen und Persönlichkeiten punkten. Stephen Boyd – der seinen Durchbruch sieben Jahre zuvor in BEN HUR (1959) feierte – gibt dabei einen stereotyp großkotzigen Heldtypen, der allen bedrohlichen Situationen mittels dummer Sprüche und einem ordentlichen Maß an Überheblichkeit Herr wird. Erstere beziehen sich dabei meist auf Raquel Welch, für die dieser Streifen zusammen mit dem Steinzeit-Klopper EINE MILLIONEN JAHRE VOR UNSERER ZEIT (1966) der Beginn ihrer Spielfilmkarriere sein sollte. Des Weiteren gibt Donald Pleasence eine gewohnt gekonnte Darbietung und mit Arthur Kennedy ist ein echtes Großformat der US-amerikanischen Schauspielerschaft als Dr. Duval an Bord.
Letztlich stellt der Film also einen äußerst riskanten Spagat dar. Optische Pracht und ein innovatives Setting stehen einer beängstigenden inhaltlichen Armut und teils lachhaften Logiklöchern gegenüber. Eine gelungene Inszenierung und Leonard Rosenbaums angenehm minimalistische Kompositionen müssen sich gegen platte Charaktere und eine unzureichende Dramaturgie wehren. Mehr noch als bei anderen Filmen dieses Typus liegt es also am Zuschauer, ein Urteil über den Film zu fällen. Je nach Geschmack wird er so zum Meisterwerk oder zum Desaster.

Fleischers optisch und technisch ebenso innovative wie gelungene Reise krankt leider an riesigen inhaltlichen Problemen und der kaum vorhandenen Spannung. Folglich funktioniert der Streifen nur als farbenprächtiges Spektakel wirklich gut; was jedoch kaum etwas an seinem Kultstatus zu ändern vermag.

7 Antworten zu “DIE PHANTASTISCHE REISE

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