WARUM MUSSTE STAATSANWALT TRAINI STERBEN?

Warum musste Staatsanwalt Traini sterben?
Perché si uccide un Magistrato | Italien | 1974
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Als der Regisseur Giacomo Solaris (Franco Nero) einen Film veröffentlicht, der das unlautere Handeln des Staatsanwalts Traini (Marco Guglielmi) anprangert und letztlich dessen Tod zeigt, wird er von Seiten der gesamten Anwaltschaft angefeindet und vom Publikum gefeiert. Doch als Traini dann tatsächlich ermordet wird, gerät auch Solaris in Visier der Ermittlungen.

Nachdem sich Damiano Damiani mit Werken wie DER TAG DER EULE (1968), DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEBENDIG EINMAUERT (1971) und DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT: VERGESSEN SIE’S! (1971) einen Platz unter den ganz Großen des Poliziesco bzw. Mafiafilms gesichert hatte, sollte er mit WARUM MUSSTE STAATSANWALT TRAINI STERBEN? drei Jahre später noch einen weiteren Genrebeitrag abliefern, bevor er mit NOBODY IST DER GRÖßTE (1975) erst einmal in staubigere Gefilde abwandern sollte.
Zusammen mit Enrico Ribulsi und Fulvio Gicca Palli – der schon am Skript zu DER CLAN, DER SEINE FEINDE LEBENDIG EINMAUERT und dem ebenfalls von Damiani inszenierten GIROLIMONI – DAS UNGEHEUER VON ROM (1972) beteiligt war – erarbeitete der Regisseur dann ein Drehbuch, welches wieder durch einen hohen Grad an Komplexität und zahlreiche Aussagen und Deutungsebenen besticht.

Traini: Sie haben also Vertrauen zur Justiz?
Solaris: Nein, ich vertraue auf den Skandal!

Wie so häufig steht bei dem auf Sizilien spielenden Film dabei die Verflechtung von Mafia und Justiz auf dem Programm, welche hier mit Hilfe eines sehr großen Cast angegangen wird. Damiani lässt sich viel Zeit, die zahlreichen Rollen einzuführen, was jedoch auch zu einigen Längen führt. Trotzdem ist die Vielzahl an Figuren von Nöten, um das komplexe Beziehungsnetz zu spinnen. Denn neben der Mafia und der Justiz haben auch noch die Presse, die Polizei und die Politik ihre Finger im Spiel.
Dabei verzichtet der Film auf eine allzu harsche schwarz-weiß-Zeichnung und bringt auch Verbindungen der guten Hauptrolle zur Mafia mit ein. Aber auch der Umstand, dass der zentrale Mafiosi mitnichten unfreundlich ist, der Rechtsanwalt hingegen sehr, macht deutlich, dass dem Film nicht an einer flachen Darstellung gelegen ist. Das sorgt dann dafür, dass es dem Zuschauer sehr schwer gemacht wird, seine Sympathien zu verteilen, denn ausschließlich gut oder gänzlich böse ist kaum eine der Rollen.

Während der Film dann trotz Damianis gewohnt flotter und einfallsreicher Inszenierung im Mittelteil einige Längen durchzustehen hat – was wie erwähnt dem teilweise fast unübersichtlich komplexen Figurennetz geschuldet ist – zeigt sich gen Ende die ganze Genialität der Skripts. Das Finale, welches zwar der einen Gerechtigkeit Genüge tut, dabei aber die Möglichkeit ignoriert, der Mafia und deren Kontakten einen Schlag zu verpassen, lässt den Zuschauer mit einem wahrhaft schlechten Gefühl zurück. Kann eine Entscheidung richtig sein, wenn sich Politiker und Syndikat nach dem Prozess lachend auf die Schultern klopfen?
Diese inhaltliche Komplexität wird dann von einer äußert gelungenen Darstellerschaft dargeboten. Franco Nero – seit jeher Stammschauspieler in Damianis Polizieschi – spielt facettenreich und nachvollziehbar und gibt dem Streifen so eine sympathische und bodenständige Hauptfigur. Francoise Fabian glänzt als Witwe ebenso und schafft mit ihren Gefühlsausbrüchen Gänsehaut, ohne dabei allzu durchschaubar auszufallen. Renzo Palmer – der zwei Jahre später in Castellaris RACKET (1976) mitmischen sollte – und Luciano Catenacci als hinterlistiger Rechtsanwalt stellen nur zwei weitere Beispiele dafür dar, dass der Film bis ins Detail gekonnt und trefflich besetzt ist.

Solaris: Weißt du, ich habe noch nie einen Ermordeten gesehen.
Typ: Ich schon, da war ich zehn; es war mein Vater.

Interessant ist auch der Umstand, dass der Film die ewige Diskussion der Verantwortung eines Regisseurs für sein Werk zumindest streift. Und auch wenn diesbezüglich keine großen Erkenntnisse dargeboten werden, so webt der Streifen diese Thematik doch geschickt in seine Kriminalgeschichte ein. Die typischen Merkmale eines Poliziesco gehen diesem Werk Damianis übrigens weitestgehend ab, so dass eine eindeutige Genrezurechnung dem Film nicht gerecht würde; Mafia-Thriller trifft es da wohl eher.
Doch auch unabhängig von derartigen terminologischen Überlegungen gibt der Film seinem Zuschauer sehr viel Anlass nachzudenken. Auch die zweite und dritte Sichtung macht das dabei nicht einfacher, sondern sorgt ganz im Gegenteil dafür, dass sich mehr und mehr Fragen auftun. Und seine Zuschauer derart intensiv einzubinden und zu fordern ist sicherlich einer der größten Verdienste, die Daminai mit diesem Werk geleistet hat.

Spannend inszenierter und trefflich besetzter Mafia-Thriller, der vor allem dank seines grandiosen Finals zum Nachdenken anregt; und dabei macht es Damiani seinem Rezipienten wahrlich nicht einfach.

Eine Antwort zu “WARUM MUSSTE STAATSANWALT TRAINI STERBEN?

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