FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT

Frauen bis zum Wahnsinn gequält
Le Foto proibite di una signora per bene | Italien | 1970
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Die hübsche Minou (Dagmar Lassander) wird von einem Unbekannten (Simón Andreu) überfallen, der sie bedroht und ihr offenbart, dass ihr Mann Peter (Pier Paolo Caponi) ein Mörder sei. Um zu verhindern, dass diese Information öffentlich wird, kommt Minou dem Wunsch des Erpressers nach, mit ihm zu schlafen. Doch dieser fertigt Fotos dieser Nacht an und setzt Minou fortan unter Druck.

Luciano Ercoli war im Laufe der 50er Jahre als Regieassistent an allerlei italienischen Drehorten unterwegs und tat sich im darauffolgenden Jahrzehnt vor allem als Produzent hervor. Dabei zeichnete er für Streifen wie FANTOMAS (1964), EINE PISTOLE FÜR RINGO (1965) oder OSS 117 – PULVERFAß BAHIA (1965) verantwortlich, bevor er dann zu Beginn der 70er Jahre auch als Regisseur am Filmgeschehen teilnehmen sollte.
In Sachen Drehbuch holte er sich dafür Unterstützung in Person von Mahnahén Velasco und dem Autoren-Tausendsassa Ernesto Gastaldi. Diese zimmerten ihm dann ein Skript zurecht, welches sich zum größten Teil dem Giallo verschreibt; jenem Genre, welches bereits durch Mario Bavas Meilensteine LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (1963) und BLUTIGE SEIDE (1964) etabliert wurde und durch Dario Argento in Form von DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) ein halbes Jahr zuvor seinen Durchbruch erfahren hatte. Und auch Velasco und Gastaldi fühlen sich in dieser Welt sichtbar wohl und siedeln ihre Geschichte in einer Welt frei von monetären Sorgen an.

Erpresser: Hier, Minou, du hast es dir verdient. Du warst viel besser als erwartet, du warst eine Offenbarung!

Und Ercoli nutzt dann in seiner Inszenierung ebenfalls typische Genre-Elemente. Das Spiel von Licht und Schatten, von Farbe und Farbarmut stellt sich hier besonders deutlich dar und lässt schnell vergessen, dass es sich um ein Regiedebut handelt. Mit dafür verantwortlich ist sicherlich auch Kameramann Alejandro Ulloa, der sich mit unzähligen Italowestern bereits eines an Expertise verschafft hatte.
Aber auch die Nahaufnahmen von Augen, Klingen und natürlich schwarzen Handschuhen sind eindeutige formale Anzeichen des Genres, dessen sich der Film verpflichtet fühlt. Ganz im Gegensatz zu der Anzahl der Morde, denn diese liegt – vom Finale abgesehen – bei null. Denn die Geschichte behandelt ungewöhnlicherweise keine Mordserie, was dann auch dafür sorgt, dass die Interaktion mit dem obligatorischen – und mit Osvaldo Genazzani durchaus ordentlichen besetzten – Kommissar etwas zurückhaltend ausfällt. Trotzdem bleibt der Film für alle Giallo-Interessierten eine handwerklich tolle Arbeit, die neben den vielzitierten Klassikern ein interessantes Werk der Genre-Frühphase darstellt.

Die erwähnten Nahaufnahmen nehmen dann immer wieder eine fähige Darstellerschaft ins Visier, die ohne Frage von der Deutschen Dagmar Lassander angeführt wird. Diese hatte bereits in Reißern wie DER MÖRDERCLUB VON BROOKLYN (1967), STRAßENBEKANNTSCHAFTEN AUF ST. PAULI (1968) oder dem großartigen THE FRIGHTENED WOMAN (1969) überzeugt und liefert auch hier tolle Darbietung als verfolgte und bedrängte Hauptfigur ab. Daneben gibt Ercolis Ehefrau Nieves Navarro, die in Sollimas DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE (1966) und Parolinis ADIOS SABATA (1970) bereits staubige Erfahrungen gesammelt hatte, eine ebenso undurchsichtige wie anzügliche Rolle, die maßgeblich zum verruchten Charme des Films beiträgt. Darüber hinaus ist diese Frauenfigur, die Männer wechselt und Pornographie konsumiert, ihrer Zeit durchaus voraus.
Auf Seiten der Herren umfasst der kleine Cast neben dem erwähnten Genazzani Pier Paolo Capponi und Simón Andreu. Capponi beweist dabei seine Genre-Fähigkeiten und durfte folgerichtig ein Jahr später in Argentos DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE (1971) mitwirken und auch Andreu ist äußerst trefflich besetzt. Denn der verschlossene Mime war jener Zeit auf die Rolle des psychopathischen Außenseiters spezialisiert und liefert hier als besessener Erpresser eine durchweg gute Leistung ab.

Kommissar: Eigentlich darf ich das nicht. Falls es Ärger gibt, sagen wir, dass die Wohnungstür offen war.

Gleiches gilt für Ennio Morricone, der hier eine gelungene Mixtur aus seinen typisch experimentellen Stücken und einem schmissigen Easy-Listening-Score abliefert. Das funktioniert prächtig und verbindet sich schön mit der wie erwähnt prunkvollen Ausstattung. Dass der Streifen dann noch ein für die geringe Größe des Casts durchaus erstaunliches Ende parat hält, ist ein zusätzlicher Pluspunkt und lässt den Film frei von größeren Makeln die Ziellinie erreichen.
Während der sehr gelungene – wenn auch nicht ganz perfekte – Streifen in Italien somit zu einem achtbaren Erfolg wurde – und es Ercoli ermöglichte, auch in den folgenden Jahren schöne Regiearbeiten abzuliefern – wurde er in Deutschland trotz einer bereits erstellten Synchronisation leider nie im Kino veröffentlicht, und sollte erst zu Beginn der 80er Jahre eine Veröffentlichung im VHS-Format erfahren. Der reißerische deutsche Titel sowie die damalige Covergestaltung verhehlten leider seine wahre Genre-Zugehörigkeit und sollten scheinbar eher niedere Gelüste bedienen. Das ist schade, denn so wurde ein toller Streifen der Giallo-Frühphase seines zweifellos verdienten Leinwandauftrittes beraubt.

Ercolis Regiedebut stellt einen tollen Giallo dar, der zwar nicht an die ganz Großen des Genres heranreicht, aber inszenatorisch tolle und inhaltlich ordentliche Kost darstellt.

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