DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE

Die neunschwänzige Katze
Il gatto a nove code | Deutschland/Frankreich/Italien | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Blinde Franco Arno (Karl Malden) und seine Nichte Lori (Cinzia De Carolis) schnappen Wortfetzen einer geheimnisvollen Unterhaltung, die sich im Nachhinein als Erpressung herausstellt. Gleichzeitig untersucht der Journalist Carlo Giordani (James Franciscus) einen Einbruch in einem Gen-Labor. Schnell laufen die Fäden zusammen und Arno und Giordani ermitteln zusammen in einem Fall, der auch ihr Leben zu bedrohen beginnt.

Nachdem sein Regiedebut DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) alle Erwartungen übertraf und sowohl an den Kinokassen, als auch bei der Kritik ordentlich abräumte, ging Dario Argento sogleich daran, einen weiteren Spielfilm auf den Weg zu bringen. Und da der Erstling dem von Mario Bava begründeten Genre des Giallo zu ordentlicher Bekanntheit verholfen hatte, war es von vorne herein klar, dass auch Argentos zweites Werk in diese Richtung schlagen würde.
So wurde der Stab des Vorgängers dann auch weitestgehend beibehalten. Argentos Vater Salvatore übernahm wiederum die Produktion des Films (und bemühte dafür wiederum Geldgeber aus verschiedenen europäischen Ländern) und Dardano Sacchetti stand Argento wiederum als Drehbuchautor zur Seite. Wie schon beim Vorgänger ging ein Teil des ungefähr eine Millionen US-Dollar umfassenden Budgets übrigens wieder in die Namensrechte von Bryan Edgar Wallace, dem Sohnemann der britischen Literatur-Ikone, sodass man vor allem in Deutschland den prestigeträchtigen Namen zur Vermarktung nutzen konnte.

Anna: Hübsche Wohnung!
Carlo: Ja, Bausparkasse.

Die Handlung stellt sich dann wiederum als klassische Whodunit-Geschichte dar, die den Zuschauer lange im Dunkeln lässt. Zahlreiche Fährten und Sideplots bieten dabei Möglichkeiten zum Miträtseln, allerdings tut sich der Film ein wenig schwer bei dem Versuch, den wahren Täter lange im Dunkeln zu lassen. Denn um das zu gewährleisten verzichtet die Handlung schlicht darauf, den Täter in die Geschehnisse einzubinden. Das wirkt – vor allem nach dem originellen Twist im Vorgänger – etwas platt und dürfte genreerfahrenen Zuschauern die Lösung recht einfach machen. Trotzdem funktioniert die Story abseits dieses Mankos recht gut, auch wenn der Film im Finale etwas an Fahrt verliert.
Die Konstellation der Hauptfiguren ist ebenfalls gelungen, wenn auch ausbaufähig. Der Blinde Arno in Verbindung mit der unschuldigen Lori ergibt eine tolle Symbiose, die allerdings noch deutlicher hätte genutzt werden können. Allgemein fällt auf, dass die Beeinträchtigung Arnos nur in wenigen Szenen wirklich Gewicht hat und dann meist zu seinem Vorteil gereicht, da seine übrigen Sinne besser sind als die der anderen Protagonisten. Auf der anderen Seite gibt es mit dem Journalisten Giordani eine klassische Hauptfigur des Genres, einen unbeteiligten Nicht-Polizisten, der in einen Fall hineingezogen wird und der dann aufgrund einer persönlichen Bindung Ermittlungsarbeit betreibt.

Verkörpert von James Franciscus funktioniert diese Rolle sehr gut. Franciscus hatte als Hauptdarsteller in RÜCKKEHR ZUM PLANET DER AFFEN (1970) gerade einen seiner Karrieremeilensteine hingelegt und reiste nun für seine erste nicht-amerikanische Produktion nach Italien. Und obwohl ihm die etwas konfuse Arbeitsweise der Italiener nicht sonderlich gefiel, leistete er gute Arbeit und ist so letztlich das Aushängeschild des Films; auch wenn die deutsche Synchronisation ihn teilweise ein wenig zu lapidar plaudern lässt.
Ebenfalls aus den USA angereist war mit Karl Malden ein Oscar-prämierter Altstar des US-Kinos, der hier ebenfalls überzeugt, aber dessen Rolle wie erwähnt nicht ganz konsequent genutzt wird. Catherine Spaak, die mit VERLIEBT IN SCHARFE KURVEN (1962) und DIE UNGLAUBLICHEN ABENTEUER DES HOCHWOHLLÖBLICHEN RITTERS BRANCE LEONE (1966) bereits ihre komödiantische Seite gezeigt hatte, gibt dann die laszive Schönheit des Films, während Horst Frank als potentieller Killer ebenfalls zu überzeugen weiß.

Carlo: Weißt du wie viele Paare auf der Welt in jeder Sekunde zusammen ins Bett gehen?
Anna: Keine Ahnung.
Carlo: Durchschnittlich 780.
Anna: Hm …
Carlo: Statistisch erwiesen; und ich bin der Meinung, wir beide sollten diese Quote unbedingt verbessern!

Während der Film dann eine ordentlich, aber eben nicht herausragende Geschichte präsentiert, weiß Argentos Inszenierung wiederum zu überzeugen. Schon in der Eröffnung etabliert er die Form der Morde für den ganzen Film, indem er eine mehrminütige Subjektive des unbekannten Einbrechers nutzt. Im Vergleich zu seinen späteren Filmen gibt es dabei sehr wenige Farben zu sehen, stattdessen nutzt Argento hier harte Kontraste und zahlreiche Schatten, um Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen. Auffällig sind auch die Schnitte, die mehrere Male hart zwischen zwei Szenen wechseln, bevor der Übergang vollzogen ist. Das mag zunächst verwirren, wir aber inhaltlich sinnvoll genutzt und funktioniert deshalb erstaunlich gut.

Das Argento ein Verfechter von der Visualisierung expliziter Gewalt ist macht dieser Streifen hingegen nicht deutlich. Denn auch wenn die einzelnen Morde deutlich zu sehen und realistisch eingefangen sind, gibt es doch kaum Brutalitäten. Lediglich der Mord am Bahngleis und das Finale vermögen zu beeindrucken, die übrigen Morde bleiben unerwartet sanft. Folglich ist DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE einer der ganze wenigen Filme Argentos, die nirgends auf der Welt mit Zensur oder Schnittauflagen zu kämpfen hatten.
Auch in Sachen Klang behielt Argento übrigens die personelle Besetzung des Erstlings bei und so darf Ennio Morricone auch hier wieder sein Können beweisen. Das fällt dieses Mal ordentlich, wenn auch ein wenig konventioneller aus als zuvor. Während in DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE noch viel experimentiert wurde, so gibt es nun gewohnten Thriller-Sound, der die Spannung gekonnt unterstützt, aber nicht brilliert. Im diesen Klängen findet sich übrigens die in diesem Film immer mal wieder auftretende Annäherung an den US-amerikanischen Thriller, die für Argentos Arbeiten sonst eher ungewöhnlich ist, am deutlichsten.

Carlo: Was ist denn mit dir?
Anna: Ach nichts, ein bisschen nervös, nichts weiter. Weißt du, ich bin in letzter Zeit vollkommen durcheinander.
Carlo: Mach ich so’n tiefen Eindruck auf dich?

Letztlich bleibt die Bewertung des Films immer eine Frage der Perspektive. Für sich genommen stellt der Film sehr gute Giallo-Kost mit leichten Schwächen in Sachen Drehbuch und Figurenzeichnung dar. Spannung und Funktionalität sind aber jederzeit gewährleistet und bewahren den Film so eigentlich vor größeren Schmähungen. Innerhalb von Argentos Gesamtwerk – oder allein innerhalb der TIER-TRILOGIE – fällt der Film jedoch ein wenig ab. Weder erreicht er die ausgefeilte Klasse von VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (1971) oder gar ROSSO – DIE FARBE DES TODES (1975), noch den rauen Charme des Debuts. Das macht ihn sicherlich noch lange nicht zu einem schlechten Film, aber auf einem derart hohen Niveau ist der Vergleich halt ein schwieriger. Aber solange ein Film in Relation zu den Perlen des Genres ein wenig abfällt, bleibt es immer noch ein sehr guter – und für Argentos Werdegang zweifelslos wichtiger – Film.

Obwohl der Streifen in Sachen Drehbuch und Charakterzeichnung kleinere Schwächen aufweist, bleibt er doch ein sehr guter Giallo; der im Gesamtwerk Argentos leider ein wenig untergeht.

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8 Antworten zu “DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE

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