TODESGRÜßE AUS SHANGHAI

Todesgrüße aus Shanghai
Jing Wu Men | Hongkong | 1972
IMDbOFDb, Schnittberichte

Nachdem sein Meister umgebracht wurde, sinnt Chen (Bruce Lee) auf Rache. Doch die Mitglieder seiner chinesischen Kampfsportschule sind nicht stark genug, um ihren japanischen Widersachern die Stirn zu bieten. Als muss sich Chen alleine dem bösen Suzuki (Riki Hashimoto) und seinen Schergen stellen.

Bruce Lees erster Kampfsportfilm-Auftritt in DIE TODESFAUST DES CHENG LI (1971) war für das von Raymond Chow nur ein Jahr zuvor gegründete Filmstudio Golden Harvest der Kassenschlager schlechthin und so stellte es keine Frage dar, dass man weitere Filme mit der Kung Fu-Ikone würde drehen wollen. Da Chow im Gegensatz zum Konkurrenten Shaw Brothers nicht mit den Gagen zu geizen pflegte, war es auch kein Problem, den Stab und die Besetzung des ersten Films zusammenzuhalten, um nur ein Jahr später den nächsten Bruce-Lee-Streifen in die Lichtspielhäuser zu entsenden.
Das Drehbuch schrieb der ein weiteres Mal verpflichtete Regisseur Lo Wei Gerüchten zu Folge in nur einer Nacht, was man nach einer kurzen Draufsicht allerdings auch nicht zu bezweifeln wagt. Während es ein Jahr zuvor noch eine vergleichsweise komplexe Geschichte mit verschiedenen Schauplätzen und Sideplots gab, reduziert sich bei diesem Streifen alles auf die Essenz des Martial-Arts-Films: Ein Rachefeldzug aufgrund zuvor verübten Unrechts. Daraus folgen dann diverse Kampfsituationen, in denen mal die eine mal die andere Partei die Nase vorn hat. So weit, so bekannt.

Suzuki: Was machst du für einen Vorschlag?
Typ: Wir mähen sie um! Und zwar alle miteinander …

Interessant ist allerdings die Tatsache, dass der Film zur Zeit der japanischen Besetzung Shanghais spielt. Dies ist durch die Nennung des real existierenden Volkshelden Huo Yuanjia bedingt und sorgt dafür, dass die problematische politische und gesellschaftliche Situation im Film mehrfach ans Tageslicht kommt. Die xenophobe Haltung der beiden Parteien spiegelt sich dann vor allem in unzähligen Beleidigungen wieder, die die deutsche Synchronisation gewohnt platt – und somit auch stellenweise sehr erheiternd – überträgt. Aber auch innerhalb der Handlung hinterlässt dieser Rahmen Spuren, wenn der japanische Konsul etwa Verfügungsgewalt über den örtlichen Polizeiinspektor (gespielt von Lo Wei selbst) hat oder ein öffentlicher Park Hunden und Chinesen den Zutritt verwehrt. Das alles macht den Film sicherlich nicht zu einem expliziten politischen Statement (obwohl sich Lees Aussage Wir sind keine kranken Männer direkt auf eine gebräuchliche Beleidigung der Japaner während der Besetzungszeit bezieht), verleiht ihm aber eine interessante Facette, die das bekannte Muster geschickt auflockert.

Denn ansonsten begegnen sich die verschiedenen Recken in kriegerischer Absicht, wobei Bruce Lee zu jeder Zeit die überlegene Person darstellt. Wieder einmal war Lee maßgeblich an der Inszenierung dieser Kampfszenen beteiligt und mehr noch als in DIE TODESFAUST DES CHENG LI stellen diese Sequenzen ihn in die unanfechtbare Mitte. Zu keiner Zeit steht der Sieger eines Kampfes zur Disposition, Lee überragt alle mit Leichtigkeit. Auch der – historisch belegbare – russische Eindringling, der leider inhaltlich-politisch nicht genutzt wird – hat keine Chance gegen das Kung Fu-Wunderkind, das spätestens mit diesem Film seine unangefochten ikonische Position in der Kampfsport(-film-)welt einnahm.

Chen: Diesmal fresst ihr nur Papier, aber beim nächsten Mal sauft ihr euer eigenes Blut!

Als Antagonisten dürften dieses Mal Riki Hashimoto als relativ blasser Obermotz und Ping Ou Wei als hinterhältiger Adjutant auftreten. Aber diese Beiden bleiben, ebenso wie die unzähligen Kampsportschüler, blass und dienen über weite Strecken nur als Staffage. Insbesondere die chinesische Kampfsportschule beeindruckt durch absolute – darstellerische wie inhaltliche – Untätigkeit. Warum die Herrschaften überhaupt Kung Fu erlernen bleibt über die gesamte Spielzeit hinweg ein Geheimnis, setzen sie es doch de facto nie – nicht einmal zur Verteidigung – ein. Immerhin inszeniert Lo Wei eine gelungene Liebesszene zwischen Lee und Nora Miao, welche inhaltlich zwar nur bedingt von Nöten ist, aber den Film merklich auflockert.
Während der Vorgänger seine sleazige Geschichte dann in gelungene (Original-)Schauplätze verpackte, entschied man sich bei diesem Werk für einen fast reinen Kulissenfilm. Bis auf eine einzelne Ausnahme sind selbst die Straßenzüge und der Friedhof im Studio entstanden, was dem Film einen sehr artifiziellen Look einbringt. Ob einem das gefällt oder nicht ist letztlich sicherlich Geschmackssache – vor allem, weil die Kulissen liebevoll und handwerklich gelungen umgesetzt sind – unstrittig ist hingegen, dass dieser Umstand den Film weniger schmutzig und echt wirken lässt als den Vorgänger.
Und hieran wird sich letztlich auch entscheiden, ob der Film dem Betrachter gefällt oder nicht. Wer Bruce Lee als übermächtigen Kämpfer im Mittelpunkt einer eher nebensächlichen Geschichte sehen möchte, der ist mit dessen zweiten Auftritt bestens bedient. Freunde von sleazigem Charme und einer Geschichte abseits einer blanken Rache-Story werden allerdings dem Erstling nachtrauern.

Lees zweiter Spielfilmauftritt konzentriert sich vollends auf dessen Kämpferrolle und macht ihn zum der Ikone, die er bis heute darstellt. Darunter müssen dann jedoch die Rollen und die Handlung leiden, auch wenn letztere aufgrund ihrer realen Hintergründe durchaus interessante Ansätze liefert.

3 Antworten zu “TODESGRÜßE AUS SHANGHAI

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