DIE TODESFAUST DES CHENG LI

Die Todesfaust des Cheng Li
Tong San Dai Hing | Hongkong | 1971
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Cheng Li (Bruce Lee) zieht eines Tages aus seiner Heimat China zu seinem Cousin nach Thailand, um dort zu arbeiten. Doch schnell stellt sich heraus, dass die Fabrik, in der Cheng jetzt tätig ist, nur einen Deckmantel für die Drogengeschäfte von Boss Mi (Han Ying-Chieh) darstellt. Als die ersten Arbeiter, die dieses Geheimnis entdecken, spurlos verschwinden ist es an dem kampfsporterprobten Neuankömmling, den Schurken das Handwerk zu legen.

Nachdem Bruce Lee schon als Kinderdarsteller in diversen TV-Serien und Spielfilmen mitwirkte, geriet seine Karriere im Laufe der 60er Jahre ins Stocken. Auch seine Auftritte in der Superhelden-Serie DIE GRÜNE HORNISSE (1966) und der Krimi-Reihe DER CHEF (1967) konnten ihm in den USA keinen größeren Erfolg bescheren; wurden allerdings in Asien äußerst positiv aufgenommen und weckten so das Interesse der Filmemacher aus Hongkong. Allen voran müssen hier natürlich die Shaw Brothers genannt werden, die Lee auch zeitnah ein Angebot unterbreiteten. Dieses fiel jedoch derart gering aus, dass dieser nur ablehnen konnte.
Da traf es sich gut, dass der Filmproduzent Raymond Chow das Studio im Jahre 1970 verlassen hatte, um mit Golden Harvest sein eigenes Unternehmen zu gründen und so die Quasi-Monopolstellung der Shaw Brothers anzugreifen. Mit besseren Gagen und mehr Freiheiten lockte er dann diverse Stars in seine Obhut, darunter eben auch Bruce Lee oder Lo Wei. Letzterer hatte runde zehn Regiearbeiten für die Shaw Brothers geleistet, bevor auch er zu Golden Harvest wechselte.

Hsiu Chien: Ihr seid zu sechst. Aber das sagt gar nichts, lasst euch nicht abhalten!

Das Drehbuch stammt dann überwiegend von Lo Wei, allerdings war Lee als Choreograf und Kameramann stark an der Entwicklung seiner Kampfszenen mitbeteiligt. Der Handlungsteil fällt dabei durchwachsen aus. Die grundlegende Geschichte birgt einiges an Möglichkeiten, jedoch nutzt der Film diese nur spärlich. Szenen wie das Trinkgelage unterbrechen einen zügigen Fortgang der Geschichte immer wieder, die Aufklärung der Geschehnisse durch die Protagonisten gerät so mehrfach unnachvollziehbar ins Stocken.

Auf der anderen Seite gewinnt das Script aufgrund des Dreh- und Spielorts Thailand deutlich an Charme und scheut auch nicht davor zurück, mit Drogenhandel, Prostitution, Alkohol und Gewalt eine große Bandbreite an angenehm exploitativen Themenegebieten aufzugreifen. Auch deshalb schafft es die Geschichte letztlich kurzweilig zu unterhalten, auch wenn sie sich einzelner Längen nicht gänzlich erwehren kann.
Lo Weis Inszenierung stellt sich dabei häufig als spartanisch heraus. Er nutzt zwar ein paar Kamerafahrten und etablierte einige ikonische Zooms, bleibt insgesamt aber auf recht mäßigen Niveau. Auch die von ihm inszenierten Nebenkämpfe können kaum beeindrucken und bieten eigentlich nur handelsübliches Action-Gekloppe. Anders ist es da um die Kampfszenen von Bruce Lee bestellt, bei welchen dieser seine Finger auch in Sachen Inszenierung im Spiel hatte. Schnell geschnitten und stets auf die perfekte Darstellung Lees bedacht, verfügen diese Sequenzen über einen sehr viel agileren und flexibleren Look. Lees schnelle Bewegungen und Tritte werden von der Kamera entsprechen begleitet und so entstanden Szenen, die den Kung-Fu-Filmmarkt revolutionieren sollten.

Hsiao: Vater, ich kann mir vielleicht 2.000 Dollar bei dir verdienen. Du bist doch stets auf der Suche nach schönen, jungen Frauen, nicht wahr?
Boss Mi: Ja.
Hsiao: Ich weiß eine für dich.
Boss Mi: So, tatsächlich?
Hisao: Ja, sie ist hübsch und herrlich gewachsen. Und sie ist auch gebildet, nicht so blöde wie die Nutten die du sonst hast!

Die Kampfszenen sind dabei stets kurz gehalten und weisen einen hohen Gewaltgrad auf. Meist ist eine Auseinandersetzung nach wenigen Schlägen beendet, was dann mit viel Kunstblut verdeutlicht wird. Auch der häufige Waffeneinsatz schafft weitere Optionen für visuelle Gewaltdarstellungen und erhöht die Härte des Gezeigten weiter. Diese – wohl durch eine ähnliche Entwicklung auf Seiten der Shaw Brothers provozierte – Gewalttätigkeiten passen aber letztlich gut zur exploitativen Ausrichtung des Films.

Gleiches gilt für die von dem Deutschen Peter Thomas beigefügte Musik für die europäischen Fassungen. Während die Originalvertonung von Fu-ling Wang stammt, verpasste Thomas dem Streifen einen sehr sleazigen Soundtrack. Kein Wunder, hatte er doch mit Wallace-Filmen wie DER HEXER (1964) oder IM BANNE DES UMHEIMLICHEN (1968) oder Reißern wie UNTER DEN DÄCHERN VON ST. PAULI (1970) bereits einiges an Erfahrung sammeln können. So greift auch der Ton die verruchte Atmosphäre schön auf und sorgt so ein ums andere Mal für ein schmieriges Lächeln beim Zuhörer.

Cheng Li: Ihr lasst mich besser in Ruhe … oder es raucht!

Da sich Bruce Lee bis dato kaum als Spielfilmhauptrolle bewährt hatte, war man auf Seiten von Golden Harvest übrigens so vorsichtig, mit James Tien eine weitere zentrale Figur zu installieren. Dieser hatte auf dem Sektor Martial-Arts-Film schon etwas Erfahrung gesammelt und stand deshalb in den ersten 45 Minuten (auch kämpferisch) im Vordergrund. Wenn sich im Verlaufe der Dreharbeiten herausgestellt hätte, dass Bruce Lees schauspielerische Fertigkeiten den Film nicht hätten tragen können, wäre Tien also eine Backup-Lösung gewesen; allerdings wurde diese nicht benötigt.
Denn Lees darstellerische Leistung genügte vollauf und seine Kampfszenen machten ihn über Nacht zum Weltstar und den Film zu einem riesigen Kinoerfolg. Dabei war vermutlich schon die Uraufführung in zumindest einer Szene geschnitten. Es handelt sich dabei um die wohl schon in der Postproduktion entfernte Szene, in der Lee einem Widersacher eine Säge in den Kopf rammt. Diese existiert heute nur noch auf Produktionsfotos, ist aber als Zelluloid-Kopie nicht mehr existent. Aber auch um andere Szenen – wie zum Beispiel den zweiten Bordell-Besuch von Cheng Li – ranken sich bis heute Gerüchte um deren ursprüngliche Form.

Bruce Lees erster Kung-Fu-Spielfilm stellt vor allem aufgrund der revolutionären Kampfszenen ein Standardwerk des Genres dar. Der hohe Härtegrad und die exploitative Themenwahl tragen ihr Übriges dazu bei, dass der Streifen blendend zu unterhalten vermag.

3 Antworten zu “DIE TODESFAUST DES CHENG LI

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