PULP FICTION

Pulp Fiction
Pulp Fiction | USA | 1994
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Pumpkin (Tim Roth) und Honey Bunny (Amanda Plummer) überfallen gerade einen Imbiss, geraten dabei allerdings an die Profi-Gangster Jules (Samuel L. Jackson) und Vincent (John Travolta), die ihrerseits gerade einen Mord für Marsellus Wallace (Ving Rhames) begangen haben, der seinerseits soeben vom Boxer Butch (Bruce Willis) betrogen wurde.

Bereits während der Arbeiten zu RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE (1992) durchlief das Script zu Tarantinos zweitem professionellen Spielfilm PULP FICTION diverse Stadien, wurde dann jedoch zwischenzeitlich auf Eis gelegt. Der Festival-Erfolg des Erstlings sorgte dann allerdings dafür, dass eine Verfilmung des Drehbuchs in die Reichweite des Möglichen rückte und so gingen Tarantino und sein Kumpel Roger Avary daran, die Einzelteile der ersten Drafts fertigzustellen. Ursprünglich sollte dafür ein dritter Autor herhalten, sodass jeder der Beteiligten eine der drei Storylines schriebe, aber da man schlicht keinen Schreiberling fand, übernahm Tarantino auch diese Aufgabe. Aufgrund dieses Ungleichgewichts kam es dann zwischenzeitlich auch zu Streitereien zwischen den Beiden, welche jedoch letztlich beigelegt werden konnten.
Trotz der augenscheinlichen Gewalttätigkeit des Films, sowie der äußerst expliziten und teils positiven Darstellung von Drogenkonsum, entschied sich Miramax Films recht schnell dazu, runde 8 Millionen US-Dollar in das Projekt zu investieren, während zahlreiche andere Studios entsetzt abwinkten. So erhielt Lawrence Bender, Tarantinos Stamm-Produzent, dann zahlreiche Co-Producer, was allerdings nichts daran änderte, dass die künstlerische Gewalt zu jedem Zeitpunkt in der Händen des jungen Regisseurs lag.

Butch: Was glotzte denn so, Freundchen?
Vincent: Ich bin nicht dein Freund, Penner!

Der beste Beleg für diesen Umstand ist dann die Besetzung, die Tarantino nach seinem ganz eigenen Gusto gestaltete und gegen jede Einwirkung von außen durchsetze. Denn nachdem Michael Madsen – der bereits im Erstling die zentrale Ganoven-Rolle Vic Vega einnahm – für die Rolle des Vincent abgesagt hatte, zog Tarantino mit John Travolta eine der ungewöhnlichsten Besetzung der jüngeren Filmgeschichte aus dem Hut. Travoltas Karriere war nach seinen Welthits NUR SAMSTAG NACHT (1977) und GREASE (1978) stark eingebrochen und seine Auftritte in KUCK MAL, WER DA SPRICHT! (1989) sowie dessen missratenen Fortsetzungen hatten eigentlich schon einen Strich unter sein Leben als Schauspieler gezogen. Doch die Besetzung als übercooler Gangster holte Travolta aus dieser Versenkung und schenkte ihm einen zweiten Frühling, der ihm auch in den folgenden Jahren zahlreiche weitere Engagements einbringen sollte.
Aber die Rolle würde nicht halb so gut funktionieren, wäre mit Samuel L. Jackson nicht ein kongeniales Gegenstück vorhanden. Travoltas Vince und Jacksons Jules ergänzen sich wunderbar und führen dem Betrachter das Alltägliche im Gangsterleben schonungslos vor Augen. So werden die Beiden trotz ihrer teils argen Gewalttaten und moralischen Entgleisungen zu wahren Sympathieträgern, die maßgeblich zum Erfolg des Films beigetragen haben dürften. Heute ist das in schwarzen Anzügen auftretende Paar eine Ikone der Popkultur und schmückt nicht nur unzählige Wohnzimmerwände, sondern hat auch viele nachfolgende Buddy-Teams stark beeinflusst.

Was jetzt allerdings nicht heißen soll, das der übrige Cast in Sachen Leistung abfällt. Bruce Willis, der mit der STIRB LANGSAM-Reihe gerade das Action-Genre novelliert hatte, bietet nämlich eine ähnlich geniale Leistung, indem auch er als Boxer Butch eine Rolle übernimmt, die Alltag, Wahnsinn und Gewalt auf wundervolle Weise verbindet. Indem er seinen ihn jagenden Ex-Boss rettet wird dieser Charakter sogar zum heimlichen moralischen Gewinner des Films; so man derartige Ehrungen denn vergeben möchte …
Die geniale Uma Thurman als koksende Gangsterbraut, Harvey Keitel als eiskalter Cleaner oder Eric Stoltz als hilfsbereiter Dealer, jede Rolle ist nahezu perfekt besetzt, alles wirkt wie aus einem Guss. Selbst Nebenrollen wie Christopher Walken als geschichtenerzählender Soldat oder das Pärchen Roth/Plummer überzeugen vorbehaltlos und sorgen so dafür, dass jede auftretende Figur sich einprägt und zum Gesamtbild des Films beiträgt.
Dessen Handlung siedelt Tarantino ein weiteres Mal im Bereich des Gangsterfilms an und auch in Sachen Formalia übernimmt er einige Merkmal seines Erstlings. Wieder sind die verschiedenen Handlungsfäden zeitlich nicht chronologisch angelegt, was dafür sorgt, dass der Zuschauer vieles, was die Rollen schon wissen, erst im Nachhinein erfährt. Das sorgt sowohl für anhaltend hohe Spannung, als auch zahlreiche Gags und Wendungen. Trotz seiner erst zweiten Regiearbeit verliert Tarantinos dabei nie das Gesamtziel aus und Augen und verhaspelt sich zu keiner Sekunde. Ganz im Gegenteil sorgen die verschiedenen Ebenen und Lokationen für Abwechslung und geben dem Film seine durchweg hohe Geschwindigkeit.

Fabienne: Es ist ein Unglück, dass das, was wir gerne anfassen und das, was wir gerne sehen, selten dasselbe ist.

Im Gegensatz dazu lässt sich Tarantino innerhalb der einzelnen Szenen immer wieder äußerst viel Zeit, das Geschehen in aller Ruhe zu etablieren. Aber auch hier wirkt kaum etwas langatmig oder selbstzweckhaft; selbst wenn es teilweise genau so gedacht ist. Immer wieder ziehen minutenlange Oneshots den Zuschauer in das Geschehen oder die Kamera bleibt einfach für eine gefühlte Ewigkeit auf einem Shot. Hier sei als Beispiel nur die Exposition von Boxer Butch genannt, die die Rolle, deren Motivation und deren Innenleben, in drei Minuten präsentiert, während die agierende Person Marsellus nicht zu sehen ist. Stattdessen starrt der Zuschauer ewig lang nur in das regungslose Gesicht von Bruce Willis.
Derartigen Ruhepolen stellt Taratino dann optische Spielereien wie den äußerst ästhetischen Drogenkonsum oder die schwarz-weiß eingerahmten Autofahrten gegenüber, die immer wieder auf die schon im Titel manifestierte und auch in den Figuren häufig belegbare Pulp-Literatur-Nähe des Films anspielen. Diese Momente tragen auch zur hohen Divergenz der einzelnen Kulissen bei, was dem Film – vor allem in Anbetracht des Budgets – eine sehr große optische Bandbreite verleiht. Das knallbunte Restaurant steht im Gegensatz zu Wallace‘ kühler Villa, die Vorstadt-Einöde von Butchs Wohnung wird wiederum mit der Folterkeller-Sequenz konterkariert.

Insgesamt zeichnet der Film so ein sehr breites Bild von Südkalifornien, was sich auch genauso im Inhalt wiederindet. Denn der Streifen hat das vornehmliche Ziel, das Leben zahlreiche skurriler und wenig rechtschaffender Protagonisten darzustellen. Und dabei keine Künstlichkeit auf die Leinwand zu bringen, sondern das Menschliche, das Alltägliche zu präsentieren. Dazu nutzt Tarantino dann vornehmlich wieder die ihm ureigenen Dialoge, die in zahllosen Darbietungen dazu dienen, die Rollen mittels Gesprächen über ausschließlich Profanes auszuformen. Das klappt dann derart gut, dass es wohl wenig jüngere Filme geben dürfte, die in der Popkultur derart oft und umfassend zitiert werden. Beinahe jede Szene hat einen Oneliner zu bieten, der den Sprung in die filmische Erinnerung geschafft hat.
Dabei steht die moralische Ebene oft außerhalb der Betrachtung des Zuschauers, denn das Gesetz oder ein etwaige Strafverfolgung kommen im ganzen Film nicht vor. Der einzige auftretende Polizist ist ganz im Gegenteil der schlimmste Folterer Zed und ansonsten verantworten sich die Protagonisten nur gegenüber sich selbst und ihrer eigenen Moral. Das gipfelt dann in der grandiosen Schlusssequenz, in der Jules seiner zuvor getroffenen Entscheidung auf unnachahmlich coole Weise Ausdruck verleiht.

Jules: Yolanda, wie ist so ein Fonzie?
Yolanda: Cool.
Jules: Und genau so werden wir auch sein. Wir werden cool sein …

Neben seiner inszenatorischen Brillanz belegt Tarantino auch mit der Auswahl des Soundtracks ein weiteres Mal sein Händchen für Stil und Geschmack. Schon während des Vorspanns wird der Zuschauer von der Wucht der Songs überrollt und im Verlaufe des Films kommt es immer wieder zu unfassbar ikonischen Momenten, die einen Großteil der verwendeten Stücke selbst zu Kultobjekten gemacht haben. Das Tarantino Travolta dann mittels der Tanz-Sequenz noch seine ganz eigene Selbstreflexion schenkt, stellt übrigens denn heimlichen Höhepunkt der zahlreichen Verweise dar, die der ehemalige Videothekar in seinen Film eingebaut hat.
Mit einem weltweiten Einspielergebnis von über 200 Millionen US-Dollar stellte der Film dann nicht nur einen der erfolgreichsten Independentstreifen aller Zeiten dar, sondern auch Tarantinos Hollywood-Durchbruch. Rückwirkend fand nun auch RESERVOIR DOGS – WILDE HUNDE weltweite Anerkennung und so wurde aus dem filmvernarrten Videofan ein gefeierter Regisseur und Drehbuchautor. Und daran gibt es wirklich gar nichts auszusetzen …

Tarantinos zweite Regiearbeit stellt einen der wohl maßgeblichsten Filme der 90er Jahre dar. Jede Facette des Streifens kommt der Perfektion nahe und so machte der Streifen seinen Schöpfer vollkommen zu Recht zu einem der gefeierten Helden Hollywood.

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4 Antworten zu “PULP FICTION

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