INFERNO UNTER HEISSER SONNE

Inferno unter heisser Sonne
Al tropico del cancro | Italien | 1972
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der auf Haiti lebende Doktor Williams (Anthony Steffen) hat eine mysteriöse Arznei entwickelt, die auch die Aufmerksamkeit internationaler Verbrecher auf sich zieht. Da kommt der Besuch seiner Freunde Fred (Gabriele Tinti) und Grace (Anita Strindberg) ziemlich ungelegen, zumal man bei diversen Voodoo-Ritualen in letzter Zeit vermehrt Tote ohne jeden Tropfen Blut in den Adern gefunden hat.

18 Monate verbrachte der Produzent Giampoalo Lomi auf der mittelamerikanischen Insel Haiti, um dort die Entstehung des Mondo-Klassikers ADDIO, ONKEL TOM! (1971) zu überwachen. In dieser Zeit erkannte er das Potenzial dieses Drehorts und baute gute Kontakte zu den örtlichen Behörden, bis hin zum Diktatur Francois „Papa Doc“ Duvalier, auf. Um die so erlangten infrastrukturellen Möglichkeiten nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, entschied sich Lomi dann nach der Premiere von ADDIO, ONKEL TOM!, einen weiteren Film auf Haiti zu produzieren.
In Ermangelung eines fähigen Regisseurs, ernannte sich Lomi kurzerhand selber zu ebendiesem und begab sich auf die Suche nach der weiteren Besetzung. Schnell war der Brasilianer Anthony Steffen verpflichtet, der sich mit zahlreichen Hauptrollen in Italo-Western einen Namen gemacht hatte. Neben Genreklassikern wie DJANGO KENNT KEIN ERBARMEN (1966) und DJANGO UND DIE BANDE DER BLUTHUNDE (1969), hatte er dabei auch in Edoardo Mulargias JETZT SPRECHEN DIE PISTOLEN (1965) mitgewirkt. Mit Mulargia verband Steffen eine enge Freundschaft, sodass er den Regisseur kurzerhand mit ins Boot von INFERNO UNTER HEISSER SONNE holte. Lomi war das nur Recht, hatte er den Regiestuhl doch ohnehin eher widerwillig besetzt. So reduzierte Lomi dann seine Regiearbeit auf die dokumentarischen Anteile des Films, von denen später noch die Rede sein wird.

Grace: Und was versprichst du dir davon? So’n bisschen tropische Hitze kann doch bei dir nichts mehr anzünden …

Nun war das Auftreiben eines Regisseurs nicht Steffens einzige nicht-schauspielerische Mitarbeit am Film, sondern er fungierte auch als Co-Autor des Films. Zusammen mit Lomi und Mulargia entstand dann ein Script, welches sich maßgeblich am durch Dario Argento befeuerten Giallo-Genre orientierte. Die Kriminalgeschichte ist mit klassischen Elementen wie einen unbekannten Mörder angereichert, der seine Opfer auf sadistische Weise (und bekleidet mit schwarzen Handschuhen) dahinrafft. Oftmals kommen Egoperspektiven des Mörders zum Einsatz, seine Identität bleibt jedoch bis zum Finale geheim. Angereicht mit einiger sexueller Energie schafft es das Drehbuch letztlich ins solide Giallo-Mittelfeld, ohne sich jedoch mit den wirklich großen Filmen dieses Genres messen zu können.
Was dem Film dann eine eigene Note verleiht, ist Lomis Werdegang als Dokumentarfilmer und Produzent. Wie erwähnt war Lomi von der Herstellung von ADDIO, ONKEL TOM! begeistert und schon Jahre zuvor hatte er in Brasilien diverse Dokumentationen abgefilmt. Also mischte Lomi auch diesem Film eine ordentliche Portion exotischen Flairs bei. Das tat er vor allem in Form von zahlreichen Aufnahmen von Voodoo-Ritualen. Bei diesen führte Lomi selbst Regie und nutzte dazu eine Handkamera. Die verwackelten Bilder der mitunter äußerst expliziten Szenen erinnern dann deutlich an den Mondo-Film und verleihen diesem Streifen tatsächlich einen sich deutlich vom klassisch römischen Giallo abhebenden Tonfall.

Nun muss man natürlich erwähnen, dass diese Szenen äußerst reißerisch und plakativ daherkommen und einzig und allein der Generierung sensationslüsterner Schauwerte dienen. Während das dann im Falle wallender Brüste und diverser andere nackter Tatsachen noch vollkommen gangbar ist, fallen die zahlreichen Verwendungen von Tier-Snuff-Szenen deutlich unangenehmer auf. Mehrere Tiere müssen zur Bespaßung des Zuschauers hier ihr Leben lassen und wie immer kann es an derartigen Stellen nur angeraten sein, diese ekelhaften und unwürdigen Szenerien großräumig zu umspulen.
Gefälliger erscheint da schon die (fiktionale) Gewalt gegen die einzelnen Protagonisten, die sich mitunter ebenfalls sehr drastisch darstellt. Die häufigen Mordszenen fallen ebenso rau wie direkt aus und tragen somit ihren Teil zum sehr sleazigen Charme des Films bei. Letztlich funktioniert die Mischung aus Giallo, Exotik und Brutalität dann sehr gut, auch wenn man inhaltlich keine allzu großen Sprünge erwarten sollte.
Wie bereits erwähnt, konnte man den Western-Recken Anthony Steffen für die Hauptrolle verpflichten, was dem Film auch äußerst gut zu Gesicht steht. Einigen Gerüchten zufolge sorgte Steffen als Drehbuchautor übrigens selbst dafür, dass er genügend Screentime erhielt, was in Anbetracht seiner Darbietungen aber verschmerzbar ist. Charmant und zu jeder Zeit Herr der Lage mimt Steffen dann einen Arzt, der sich allerlei Gegenspieler erwehren muss. Die einzige, die ihn schließlich doch übertrumpft (und ihn folglich ins Bett holt) ist Anita Strindberg. Die Schwedin, die mit ihrer Hauptrolle in Sergio Martinos DER SCHWANZ DES SKORPIONS (1971) Bekanntheit erlangte, arrangiert sich hier sehr gelungen mit dem exotischen Flair des Film und steht so als die Verkörperung des sexuellen Begehrens klar in die Mitte der Aufmerksamkeit. Gabriele Tinti – der sich in der Folge zu einem Star des Kannibalen- und Abenteuer-Genres entwickeln sollte – und Umberto Raho – der bereits als Galeriebesitzer in Argentos DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE (1970) überzeugte – belegen darüber hinaus, dass die Besetzung des Films sich wirklich sehen lassen kann.

Fred: Hin und wieder lohnt es sich mit ‘ner Nutte verheiratet zu sein!

Gleiches gilt im Übrigen auch für die Inszenierung, die zu jeder Zeit flott und unkompliziert daherkommt. Auch hier mischt der Film (wie schon in Sachen Inhalt) verschiedene stilistische Elemente und bietet so neben den bereits erwähnten klassischen Giallo-Einstellungen auch einige dem erotischen Film entliehene Momente. Am auffälligsten ist aber sicherlich Anita Strindbergs Traumsequenz, in der sie von zahlreichen Schwarzen umringt durch einen roten Korridor läuft. Ein wundervoll eingefangene Szene, die auf die mögliche Beziehung von Strindbergs Rolle zu einem Haitianer referiert. Diese potenzielle Liebesbeziehung wird mehrfach im Film thematisiert, jedoch nie gänzlich klargestellt. Eine Facette, die dem ansonsten doch recht gradlinigen Film immerhin ein wenig Interpretationsspielraum verleiht.
Letztlich stellt INFERNO UNTER HEISSER SONNE also einen gelungen Beweis dafür dar, dass die Formalia doch immer wieder dazu in der Lage sind, einen inhaltlich durchschnittlichen Film mit dem Etikett sehenswert zu versehen. Denn die exotischen Mondo-Elemente machen die arg stereotype Storyline schnell vergessen und entführen den Zuschauer an einen der exotischsten Orte, an dem man je einen schwarz behandschuhten Mörder verfolgt hat.

Dieses Giallo-/Mondo-Gemisch funktioniert trotz verhältnismäßig flacher Geschichte erstaunlich gut, was zu großen Teilen den tollen Mimen und dem exotischen Charme des Drehorts zuzuschreiben ist. Für Giallo-Freunde auf der Suche nach Abwechslung ist der Streifen also jederzeit zu empfehlen. Achtung: Tier-Snuff!

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Eine Antwort zu “INFERNO UNTER HEISSER SONNE

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