DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE

Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
L’Uccello della piume di cristallo | Deutschland/Italien | 1970
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas (Tony Musante) will seinen Interims-Wohnsitz Rom eigentlich gerade verlassen, als er den versuchten Mord an der Galeristin Monica Ranieri (Eva Renzi) beobachtet. Da sich die Polizei rund um Inspektor Morosini (Enrico Maria Salerno) nicht sonderlich geschickt anstellt, ist es plötzlich an Dalmas den Fall zu lösen; doch dabei bringt er auch sich und seine Freundin Julia (Suzy Kendall) in Gefahr.

Eigentlich sah sich der junge Dario Argento als der Filmkritik zugehörig an, sodass er eher zufällig in ein Engagement bei Sergio Leones Meisterwerk SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (1968) hineinstolperte; dort trug er dann einen Teil zu Drehbuch bei, was die Leidenschaft für die Filmerei vollends in ihm entfachen sollte. Gleichzeitig erkannte Argento, dass er eigene Vorstellungen von der Filmemacherei hatte und begab sich folglich daran, sein erstes eigenes Filmprojekt in Angriff zu nehmen.
Beeinflusst wurde er dabei vornehmlich von zweierlei Seiten. Zu einem waren es die Frühwerke des Giallo von Mario Bava wie LA RAGAZZA CHE SAPEVA TROPPO (1963) oder BLUTIGE SEIDE (1964), die Argento in Sachen Storyline und Formalia sehr schätzte, zum anderen die deutschen EDGAR WALLACE-Filme, die den europäischen Markt für Krimi-Geschichten zu jener Zeit beherrschten. Der Einfluss letzterer ist dabei vor allem in Sachen Produktionsumstände spürbar, sicherten sich der deutsche Produzent Arthur Brauner und seine Central Cinema Company (CCC) doch die Namensrechte von Bryan Edgar Wallace, dem Sohnemann des berühmten Schriftstellers, um ab 1962 diverse Filme unter diesem Label vermarkten zu können. Doch während sich Filme wie DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN KOFFER (1962), DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR (1963) oder DAS PHANTOM VON SOHO (1964) allesamt noch im klassischen Londoner Polizeimilieu bewegten, sollte der Erstling von Dario Argento in eine gänzlich andere Kerbe schlagen.

Julia: Hey, willst du mich denn nicht mal richtig begrüßen?
Sam: Gleich, mein Schatz …
Julia: Was hast du denn? Hast du etwas gearbeitet?

Denn Argento nahm sich als Inspiration den Kriminalroman Die schwarze Statue von Frederic Brown und schuf auf dessen Basis eine klassische Whodunit-Geschichte, die immer wieder Elemente der hitchcock’schen Filmerei aufweist. Vor allem der Umstand, dass eine relativ unbeteiligte Person in die Ermittlungen hineinrutscht, stellt sich dabei als prototypisch dar. Vom amerikanischen Horror-Meister wohlbekannt sollte dieses Motiv auch für Dario Argento im Laufe der Jahre zu einer Konstanten werden. Im Falle von DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE wirkt diese Konstellation allerdings noch etwas holzschnittartig. Zu konstruiert erscheint Dalmas‘ Mitwirken bei den Ermittlungen stellenweise, zu taten- und ahnungslos die Polizei.

Selbiges gilt für einige andere Aspekte der Geschichte, die es des Öfteren etwas an Inhalt mangeln lassen. Der Besuch beim Maler Consalvi (von Mario Adorf gleichwohl großartig verkörpert) dient lediglich als Füllmaterial und komödiantischer Ausbruch. Das immer wieder in den Blick gefasst Bild, welches der Mörder kaufte, ist inhaltlich ebenfalls nur eine Randnotiz. All diese Merkmale bestätigen ein ganzheitlichen Eindruck, den der Film hinterlässt: Die Formalia übertreffen den Inhalt ganz ohne Frage.
Denn die leichten Schwächen in Sachen Inhalt und Storyline fallen in Anbetracht der unglaublich unterhaltsamen und eindringlichen Präsentation vollkommen unter den Tisch. Argento beweist schon früh – unterstützt von Ausnahme-Kameramann Vittorio Storaro – dass er einen ganz eigenen Blick auf eine Szene hat und zeigt das immer wieder in Form von starken Bildern und beeindruckenden Kamerafahrten. Egal ob die verschiedenen Einstellungen über den Dächern Rom, die harten Kontraste in der Galerie oder die weichen Einstellungen von Dalmas‘ Dachwohnung, jede Szene ist aussagekräftig und formschön.

Consalvi: Ich habe jetzt meine mystische Periode, ich male nur noch Themen, die mystisch sind!
Sam: Und warum?
Consalvi: Warum? Was heißt warum? Weil ich mich eben mystisch fühle! Hast du Scheißkerl etwa was dagegen?

Erweitert wird dieser inszenatorische Grundstock dann durch einige Spielereien wie Egoperspektiven des Mörders, (dezente) Lichtspiele sowie Close-Ups und Zooms. All das erreicht zwar – vor allem in Sachen Kolorierung – zu keinem Zeitpunkt die Qualität und das Ausmaß seiner späteren Werken, zeigt aber ganz ohne Frage, dass Argento vom Beginn seiner Karriere an eine klare Vorstellung von der Optik seiner Werke hatte. Und schafft es des Weiteren wie erwähnt, die leichten inhaltlichen Ungereimtheiten spielend zu überdecken.
Komplettiert werden die Formalia durch die musikalische Begleitung von Ennio Morricone, der hier recht verhalten, aber nichtsdestotrotz stilvoll zu Werke geht. Meist begleiten nur sehr reduzierte Klänge die Geschehnisse, lediglich wenn es wirklich hektisch wird, lässt sich der Maestro zu schnellen und antreibenden Jazz-Kompositionen hinreißen. Letztlich stellt auch diese Arbeit wieder einen Beleg für Morricones außergewöhnliche Fähigkeit dar, einen Film akustisch weiter auszuformulieren.

Die Hauptrolle fiel dann an Tony Musante, der zuvor hauptsächlich im amerikanischen TV-Geschäft tätig war und der 1968 mit Corbuccis Italo-Western MERCENARIO – DER GEFÜRCHTETE einschlägige Bekanntheit erlangen sollte. Und auch wenn sich Musante und Argento wohl am Set verkrachten – und manch einer dem Regisseur seitdem ein latentes Desinteresse an Schauspielern im Allgemeinen nachsagt – bringt dieser die Rolle des amerikanischen Schriftstellers, der unversehens in die Ermittlungen hineingerät, doch recht gelungen auf die Leinwand. Zwar leidet die Rolle ein wenig an dem bereits erwähnten Umstand, dass die derart umfangreiche Einbindung eines (zumal noch ausländischen) Zivilisten in die Polizeiarbeit schlicht unglaubwürdig wirkt, aber nichtsdestotrotz mimt Musante gefällig und kurzweilig. An seiner Seite fällt Suzy Kendall hingegen etwas ab, was aber gewiss auch der geringen Screentime respektive Bedeutung ihrer Rolle zuzuschreiben ist. Ihre bloße Präsenz hingegen weiß durchaus zu beeindrucken, ebenso wie die Szene, in der ihr der Tod droht.
Ansonsten gibt es mit Eva Renzi eine gelungene, aber ebenfalls zu wenig präsente Gegenspielerin und mit Umberto Raho – der 1964 neben Vincent Price in THE LAST MAN ON EARTH zu sehen war – einen undurchsichtigen Galeriebesitzer, der für den besten Twist im Film verantwortlich ist. Mario Adorfs Kurzauftritt kann wie erwähnt trotz inhaltlicher Belanglosigkeit bestens unterhalten, sodass in Sachen Besetzung letztlich kaum Beschwerden zulässig sind.

Sam: Hast du hier ‘nen Mann gesehen mit ‘ner Schnauze wie’n Feuermelder, blaue Mütze, gelbe Jacke?
Typ: Ja, das habe ich, Senor.

Alles in allem stellt der Film also ein beeindruckendes Regiedebut dar, welches bis auf kleinere inhaltliche Schwächen durchweg zu begeistern vermag. Für Argento stellte der Film den Beginn einer großen Karriere dar, die sich in den nächsten Jahren mit der Komplettierung der TIER-TRILOGIE fortsetzen sollte; die übrigens ebenfalls nicht inhaltlich, sondern lediglich formal in Zusammenhang steht, denn alle Filmtitel enthalten die Erwähnung eines Tieres (im Falle von DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE muss man dazu allerdings den Originaltitel L’Uccello dalle piume di cristallo betrachten, der mit Der Vogel mit den Kristallfedern in Deutsch zu übersetzen ist, betrachten).
Doch auch neben der persönlichen Bedeutung muss man dem Film eine hohe Relevanz zurechnen. Denn die von Mario Bava geschaffenen Konstituenten des Giallo werden hier noch einmal deutlichst ausgeformt und sollten für das im folgenden Jahrzehnt boomende Genre stilprägend sein. Quasi jede Nuance dieser Filmart wird hier dargeboten und ein jeder, der sich für den Giallo interessiert, kommt an diesem Standardwerk folglich nicht vorbei.

Großartiges Debut, welches vor allem die formale Handschrift von Argento klar erkennen lässt. Und genau diese optische Präsenz ist es dann auch, die die kleinen inhaltlichen Schwächen des Films spielend kaschiert und den Streifen letztlich zu einem der maßgeblichen Grundsteine des Giallo werden lässt.

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