DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE

Der Gehetzte der Sierra Madre
La Resa dei conti | Italien | 1966
IMDb, OFDb, Schnittberichte

Der Kopfgeldjäger Corbett (Lee Van Cleef) gehört zu den Besten seines Faches, doch als er sein Jagdrevier nahezu abgegrast hat, muss er sich neue Aufgaben suchen. Da kommt es ihm gelegen, dass der Eisenbahn-Unternehmer Brokston (Walter Barnes) ihn auf den flüchtigen Mexikaner Cuchillo (Tomas Milian) ansetzt. Doch als er die Jagd aufnimmt, ahnt Corbett noch nicht, dass er zur Schachfigur in einer politischen Scharade wird.

Nachdem Sergio Leone mit seiner DOLLAR-TRILOGIE und Sergio Corbucci mit DJANGO (1966) den Weg für den Italo-Western geebnet hatten, brach eine Welle an Trittbrettfahrern los, die in ihrer Quantität bis heute unerreicht und in ihrer Qualität äußerst weit gefächert ist. Einen besonderen Platz hat dabei die CUCHILLO-TRILOGIE von Sergio Sollima inne, schaffte er es doch mit seinem Dreiklang aus DER GEHETZTE DER SIERRA MARDE, VON ANGESICHT ZU ANGESICHT (1967) und LAUF UM DEIN LEBEN (1968) dem frisch aus der Taufe gehobenen Genre schon sehr früh einiges an neuen Einflüssen mitzugeben.
Dabei wollte der Produzent Alberto Grimaldi, der auch schon Leones FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) sowie ZWEI GLORREICHE HALUNKEN (1966) produziert hatte, aufbauend auf dem Erfolg dieser Filme eigentlich wiederum einen klassischen Italo-Western produzieren. So hatte Grimaldi dann auch ein Drehbuch bei den Autoren Fernando Morandi und Franco Solinas in Auftrag gegeben, in dem ein ehrenhafter Sheriff einen Kriminellen zur Strecke bringt. In einem sehr frühen Entwurf war diese Geschichte gar ein Krimi, der auf Korsika spielt; doch das sollte sich im Laufe der Vorproduktion noch deutlich ändern.

Corbett: Wenn du jetzt nicht endlich abdrückst, machst du den letzten Fehler deines Lebens!

Denn das Engagement von Sergio Sollima sollte diesem Vorhaben einen Riegel vorschieben. Sollima, der sich zuvor mit den Eurospy-Reißern AGENT 3S3 KENNT KEIN ERBARMEN (1965) oder AGENT 3S3 POKERT MIT MOSKAU (1966) seine ersten Regie-Sporen verdient hatte, hatte nämlich einen deutlich gesellschaftskritischeren Film im Visier, sodass er sich das Script kurzerhand schnappte und nach seinem Geschmack überarbeitete. Unterstützung erfuhr er dabei durch Sergio Donati, der bereits an Leones FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR (1965) mitgeschrieben hatte und auch bei dessen SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD (1968) mit von der Partie sein sollte. Durch die Arbeit von Sollima und Donati erhielt das Script dann den starken politischen Charakter, der es bis heute auszeichnet und deutlich aus dem Gros der Italo-Western heraushebt.
Denn die zunächst stereotype Hatz bekommt hier schnell eine umfangreiche gesellschaftliche Dimension. Schon die Exposition führt die Hauptrolle Corbett in engen Kontakt mit politischen Mächten, stellt ihr gar einen Posten innerhalb dieses Systems in Aussicht. Im Gegensatz zu dem meist außerhalb der Gesetze spielenden prototypischen Italo-Western ein Kniff, der dem Film von Beginn an ein gänzlich anderes Feeling verleiht. Welches der Streifen dann in der zweiten Hälfte vollends ausspielt, wenn Shoot-Outs und Kämpfe de facto zur Nebensache werden, und die Fragen nach der richtigen Entscheidung und der moralischen Integrität in den Mittelpunkt rücken. Lediglich im Mittelteil, der das Verhältnis der beiden Hauptrollen konstituiert, erlaubt sich der Film klassische Versatzstücke des Genres.

Aber auch kleinere Rolle tragen zu dieser Eigenart bei. Der österreichische Baron von Schulenberg – mit dessen Rolle Sollima auf den stets aneckenden Hollywood-Pionier Erich von Stroheim referiert – stellt beispielweise eine gänzlich genrefremde Rolle dar. Die Zusammenarbeit eines amerikanischen Eisenbahn-Moguls mit dem österreichischen Adel eröffnet zahlreiche Interpretationsansätze und enthebt den Film ein wenig der räumlichen Begrenzung, die dem Western sonst stets innewohnt. Aber auch ebenjener von Walter Barnes gespielt Eisenbahnmogul Brokston ist eine ungewöhnliche Figur. Er kämpft fast ausschließlich mit politischen Mitteln und ist so ein gefährlicher Gegner, dem man allerdings kaum mit den bekannten Gegenmaßnahmen beizukommen vermag.
Neben diesen gelungenen Darstellungen sind es aber vor allem die beiden zentralen Darsteller, die maßgeblich für den funktionieren Stil dieses Films verantwortlich sind. Lee Van Cleef hatte sich gerade mit FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR in das Herz der Italo-Western-Fans gespielt und bekommt hier eine Rolle auf den Leib geschneidert. Als Kopfgeldjäger ist er wiederum ein zwielichtiger Charakter, der hier zusätzlich durch die Tiefe der Geschichte an selbiger gewinnt. Er ist in seinem Handeln kaum zu durchschauen und macht in Laufe der Geschichte mehrere Wandel- und Entwicklungen durch. Ihm gegenüber steht ein zu jener Zeit noch weitgehend unbekannter Tomas Milian, der die kühle und emotionslose Spielweise von Van Cleef konterkariert und diesem einen überdreht albernen Gesetzlosen gegenüberstellt. Und auch wenn das Overacting Milians teilweise etwas zu viel des Guten sein mag, so funktioniert dieser Kontrast im Film doch immer wieder beachtlich gut. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass auch Milians Rolle sich mehrfach wandelt und immer neue Facetten zu Tage treten.

Corbett: Zum Glück ist ihr nichts geschehen, ich hatte Angst um ihre Tochter.
Mormone: Tochter sagen Sie? Sarah, Sarah ist meine vierte Frau!

Diese Charakterentwicklung stellt auch einen weiteren der zentralen Momente des Films dar. Denn während Leone und Corbucci in ihren Film Ikonen schaffen, die in ihrer Form prototypisch für das ganze Genre werden sollten, konzentriert sich Sollima viel mehr darauf, seinen Rollen Tiefe und Entwicklung zu verleihen; so folgt der Zuschauer nicht nur der Storyline, sondern auch der Reaktion der Charaktere auf diese. Cuchillo wird vom gesetzlosen Kinderschänder schrittweise zum Freiheitskämpfer und Corbett wird von der emotionslosen Schachfigur zu einem die Ränke durchschauenden Rächer. Diese Wandlungen vollziehen sich dabei sehr feingliedrig und haben allerlei Auslöser.

Sollima inszeniert das Ganze dementsprechend ruhig und pointiert. Leones Wechselspiel von Totale und Nachaufnahme sind ihm fremd, viel mehr zeichnet Sollima ein Bild, das die Charaktere als Gesamtheit in den Blick fasst. Unnötige Formalia finden sich kaum, man hat es viel mehr mit einem auf seinen Grundfesten reduzierten Italo-Western zu tun. Folglich fallen die Duelle meist recht kurz aus und ihre Anzahl ist ebenfalls relativ gering. Diese Entscheidung unterstützt Sollimas Weg zusätzlich und gibt dem eigenständigen Inhalt die passende Form.
Des Weiteren trägt wieder einmal Ennio Morricone seinen Teil zur akustischen Präsenz eines Italo-Western bei. Dabei bedient er sich der Methode, die einzelnen Rollen mit eigenen Stücken zu versehen. Am auffälligsten ist das sicherlich bei der für den Baron von Schulenberg geschriebenen Interpretation von Beethovens Für Elise, aber auch die übrigen Charaktere haben ihr eigenen Stücke, die sich je nach Situation und Charakterentwicklung ebenfalls wandeln. Diesem minutiösen Tonspiel steht dann ein kraftvolles und ohrwurmgefährdetes Zentralmotiv gegenüber, welches von zahlreichen Italo-Western-Freunden zu den besten des Genres gezählt wird. So oder so schafft es Morricone hier ein weiteres Mal, den Stil und das Feeling eines Films per musikalischer Untermalung weiter auszudifferenzieren.

Brokston: Sie sind etwas zu schlau, um Senator zu werden!

In Deutschland funktionierte dieses wundervolle Zusammenspiel von Ton und Bild dann leider nur sehr bedingt, denn der hiesige Kinogänger dürfte das Finale zwischen dem Baron und Corbett – wiederum von Für Elise begleitet – nur sehr rudimentär verstanden haben. Denn der Film wurde um fast 25 Minuten gekürzt und so fast gänzlich seiner politischen Dimension beraubt. Die wenigen Passagen mit von Schulenberg und Brokston wurde dann noch abweichend synchronisiert, sodass man der eigentlichen Geschichte nicht mehr folgen konnte. Da sich die Rollen aber wir erwähnt ebenfalls auf die Musik auswirken, ruinierten die deutschen Verleiher nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form des Films. Hier lässt sich eventuell einer der Gründe erahnen, warum der Film viele Jahre brauchte, um die ihm zustehenden Lorbeeren auch einzuheimsen.
Denn aus heutiger Sicht stellt der Startschuss von Sollimas CUCHILLO-TRILOGIE ganz ohne Frage einen der Höhepunkte des Italo-Western dar. Vor allem aufgrund seiner sehr eigenständigen Geschichte, die ihn stellenweise zu einem (Polit-)Thriller mutieren lässt, aber auch aufgrund seiner brillanten Hauptrollen hebt sich der Streifen ganz klar vom Genredurchschnitt ab, und gehört heute neben Leones und Corbuccis Beiträgen ganz klar zu den meistbeachtesten Werken des Genres.

Großartiger Italo-Western mit einer herausragenden Geschichte, die eine selten gesehene politische Dimension einbringt. Van Cleef und Milian brillieren in den Hauptrollen und Morricone zaubert mal wieder einen Soundtrack ohne Gleichen. So sichert sich Sollimas Western-Debut spielend einen der vordersten Plätze im Genre.

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